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Schwarze Federn
von
Traumfänger
1
Bewegungslos liegt sie auf ihrem Bett. Ihr Blick geht ins Leere. Das Leben flieht aus ihrem Körper, lässt eine kalte, starre Hülle zurück. Eine letzte Träne rinnt aus ihren Augen, ein letzter leiser Schluchzer erklingt in der Stille. Dann ist es ruhig.
Behutsam nehme ich ihre Hand. Begleite sie auf ihren Weg in eine neue, dunklere Welt. Ängstlich blickt sie mich an, ungewiss was mit ihr geschieht.
„Hab keine Angst, mein Kind! Ich bin dein Todesengel.“
Der Klang meiner Stimme lässt sie erschaudern.
„Wohin bringst du mich?“, fragt sie kaum hörbar.
„Du hast beschlossen, deinem Leben ein Ende zu setzen. Und so ist es nun meine Aufgabe, dich zum Tor der Dunkelheit zu geleiten. Doch nun schweig still, ich will dir alles erklären.
Jedem Menschen, der des Lebens müde ist und der, noch bevor seine Zeit gekommen ist, seinem Dasein ein Ende setzt, wird ein Todesengel gesandt. Unsere Aufgabe ist es, diese Menschen auf ihr Schicksal vorzubereiten.“
Sie blickte mich ängstlich an. „Ich bringe dich nun in eine Welt voller Kälte und Hass. Du wirst umgeben sein von Leid, Schmerz und unendlichen Qualen. Furcht und Einsamkeit werden dich jagen und nur, wenn du deine innere Stärke wieder findest, kannst du dort bestehen.“ Ihre Augen sind vor Schrecken geweitet. Unfähig ein Wort herauszubekommen, sieht sie mich an.
„Es tut mir Leid, meine Kleine, aber du hast dein Schicksal selbst gewählt. Ich kann dir nun nicht mehr helfen.“
Vor uns erhebt sich ein riesiges, finsteres Tor aus dem Nebel, der uns bisher umgab.
„Wir sind da. Dies ist das Tor der Dunkelheit. Hier muss ich dich nun verlassen, denn uns Engeln ist es nicht gestattet, die Grenze in diese andere Welt zu überschreiten.“
Das Mädchen spricht noch immer nicht, doch man sieht ihr die Zeichen der Angst an. Vorsichtig lege ich ihr meine Hand auf die Schulter. Sie rührt sich nicht.
Dann dreht sie sich um und schaut mich an. „Darf ich dich noch was fragen?“, will sie wissen. Ich nicke. „Warum sind deine Flügel so zerrissen?“ Sacht streicht sie mit ihren Fingern über meine schwarzen Schwingen. Viel ist nicht mehr von ihnen übrig. Ich greife nach hinten und reiße eine der wenigen Federn heraus und reiche sie ihr. „Jeder ‚Geflohene’, wie wir euch nennen, bekommt von seinem Todesengel eine solche schwarze Feder. Sie hilft euch in der neuen Welt. Doch zu viele Menschen fliehen jetzt freiwillig aus dem Leben. Unsere Flügel wachsen nicht mehr schnell genug nach. Und mit unserer letzten Feder zerfallen wir zu Staub. So sinkt die Zahl der Todesengel und immer weniger ‚Geflohene’ können durch unsere Federn das Bisschen Hilfe erlangen, das wir fähig sind, euch mit auf den Weg zu geben. Es ist ein Teufelskreis. Nur wenn die Menschheit wieder Mut zum Leben fasst, wenn sie nicht mehr so schnell aufgibt, nur dann haben wir eine Chance, weiter zu bestehen. Denn wir Todesengel kümmern uns nicht nur um die ‚Geflohenen’, sondern auch um alle anderen körperlosen Seelen, die in ihre neue Welt gebracht werden müssen.“ Immer noch blickt sie mich an. Doch dann dreht sie sich um und läuft zum Tor. Kurz davor wendet sie sich mir noch mal zu, drückt die schwarze Feder an sich und flüstert: „Danke!“ Kurz darauf ist sie in der Dunkelheit verschwunden.
Ich blicke noch eine Weile auf das mächtige Tor.
Dann spreize ich meine Flügel und mache mich auf den Weg zu meiner nächsten Seele.
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Kommentare
Katha schrieb am 2010-01-11 15:25:26:
Ich finde die Geschichte sehr schön und besonders weil sie mal eine andere variante zeigt als nur das Paradies für Unschuldige denn wenn man sich sein kostbares leben nimmt muss man auch dafür bestraft werden egal ob man vorher der beste Mensch der Welt war
Mimiku schrieb am 2009-01-23 09:24:26:
Deine Geschichte ist wirklich wunderschön.
@ Andrea
Ich denke mal, du nimmst diese Geschichte zu ernst, denn letztendlich ist sie das - eine Geschichte.
Auch gibt es einen Unterschied, wenn man wirklich psyschisch krank ist und sich deswegen das Leben nimmt oder wenn man sich aus Liebeskummer oder ähnlichem aufgibt und in den Tod flieht. Aber ich will jetzt nicht darüber diskutieren, denn hier geht es schließlich um die Geschichte und die ist wirklich gut geschrieben. Auch find ich es schön, dass man nicht genau weiß, welches Geschlecht der Engel hat. Es ist ja auch fraglich, ob Engel überhaupt einem Gechlecht zugeordnet werden können...
Wie gesagt - ganz klasse Story!
LG, Mimiku
Andrea schrieb am 2009-01-21 12:29:22:
Die Gedanken in deiner Gedichte sínd zwar sehr interessant, aber warum sollten Menschen, die sich das Leben
nehmen, nach dem Tod anders behandelt werden, als Menschen die eines natürlichen Todes gestorben sind?
Menschen die ihr Leben selbst beenden, sind meist psychich sehr schwer erkrankt,erleiden täglich Qualen, die sich ein psychich gesunde Menschen nicht mal im Traum vorstellen können.Niemand nimmt sich das Leben, weil er faul ist
oder es ihm Spaß macht, dafür denke ich ist die Angst vor der Ungewissheit, was nach dem Tod passiert zu groß.
Menschen, die sich selbst das Leben nehmen, sind so verzweifelt, leiden so stark, dass für sie sogar die Hölle
besser wäre, als weiter zu leben. Um hier argumentieren zu können, muss man wissen, dass viele psychiche Erkrankungen nicht mehr heilbar bzw. therapierbar sind. Für solche Menschen ist es meist schwer an etwas
anderes zu denken als Selbstmord. Ich habe einen Freund, der sehr stark an einer Psychose leidet.Er hört täglich
tausende von Stimmen,die ihn quälen, und sieht grausame Bilder, die nicht vorhanden sind und das schon seit 15
Jahren. Medikamente schlagen bei ihm nicht mehr an.
Würde er sich das Leben nehmen, fände ich es ungerecht, wenn er in die Hölle käme, denn er hatte die Hölle schon
auf Erden. Manche Menschen, sind so schwer depressiv, dass sie sich töten, ohne überhaupt richtig überlegen zu können, was sie tun. Warum sollte so ein Mensch bestraft werden, der sich aus einer Krankheit heraus getötet
hat?Der gar keinen Einfluss mehr darauf hatte?
Trotzdem finde ich deine Geschichte schön, auch wenn ich was die Selbstmörder angeht, anderer Meinung bin. Du
hast einen schönen Schreibstil.
Lg Andrea
Lara-Malou schrieb am 2009-01-20 20:01:14:
Ein schöner Gedanke für ein Leben nach dem Leben. Ich finde es gut, dass du darauf anspielst, dass Menschen, die sich ihr kostbares Leben nehmen, anders behandelt werden sollen, als ehrlich gestorbene Menschen. Die Kritik, dass die heutige Menschheit an Mut verloren hat und viel zu leicht aufgibt, ist sehr gelungen. Und ich bin deiner Meinung.
Nur frage ich mich, was die nächste Seele bedeutet. Wird dem Menschen noch ein Leben gegeben, meinst du das damit? Oder bleibt dieser Mensch in dieser "Hölle"?
Alles in allem eine sehr bedeutsame Geschichte.
lg,
Lara-Malou
Minu schrieb am 2009-01-20 15:41:18:
Eine unglaublich schöne Geschichte!
Und Moral hat sie auch noch - KLASSE!
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