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Kategorien > Mysterie > Horror

Schweigen

von Boris Aebi


Du, der Lesende, weilst noch unter den Lebendigen; Ich "Erasmus", musste leider längst meinen Weg ins Jenseits nehmen. Ich erlebte damals auf Erden viele grauenhafte Dinge, die noch stärker sind als die Schrecken, für die es auf der Welt keinen Namen gab. Mein Leben war voller Zweifel und Schatten. Denn mein Bewusstsein wurde von Jahr zu Jahr schwächer und unvernünftiger. Und meine Handlungen hatten den Charakter meiner Träume angenommen. Ich kann mich daher nicht an alle Geschehnisse und Epochen meines Lebens genau Nachbesinnen. Darum glaubt in meiner folgenden Erzählung nur so viel, als euch glaubwürdig erscheint!

Höre mir zu", sagte meine Geliebte und legte ihre Hand auf meine Schulter, "unsere Zeit ist vorbei! Für alle Tage"! Kalt und vollkommen deutlich trafen diese Worte mein Ohr und rollten wie geschmolzenes Blei in mein krankes Gehirn.
Mit hastigem energischem Schritt entfernte ich mich aus ihrem Gemach, und eilte hinaus in die öde nasse und stürmische Nacht. Für jene, die es verstanden in den Sternen zu lesen war es ersichtlich, dass das toten-schwarze Himmelsgestirn einen bösen Anblick bot. Ich eilte ohne Gedanken, ohne Ziel, immer weiter in die Rabenschwarze schreckliche Finsternis der Nacht. Dann hielt ich an und schaute mich um: Ich sah die hohen, uralten morschen Bäume. Mit einem krachenden gewaltigen Ton schwangen sie hin und her. Und von ihren Gipfeln fielen Tropfen um Tropfen ewigen Regens. Und an den Stämmen wuchsen in wirren Schlaufen seltsame giftige Pflanzen. Ohne Abstände jagten die grossen grauen Wolken nach Westen, bis sie über den gespenstischen Mauern des Horizontes hinabstürzten.
Es war eine schreckliche Nacht, es goss in Strömen. Es war wie Regen; doch auf der Erde waren es Tränen. Wilde Visionen, eine Folge meiner Angstzustände, umschwellten mich wie wirre Schatten. Ich stand in einer Wiese, inmitten der hohen Bäume, und der Regen viel auf mein Haupt. Und die braunen Sträucher seufzten durch die Einöde einander zu. Und plötzlich erhob sich der Mond durch den dicken gespenstischen Nebel, er war Blutrot. Meine Augen fielen auf einen groben grauen Stein, der wie ein Podest in der einsamen Wiese stand. Auf seiner glatten Vorderseite war ein Schriftzug in den Stein gehauen; aber ich konnte sie nicht entziffern, so dunkel war es. Ich ging zurück, da erstrahlte der Mond in hellerem Rot. Ich blickte wieder auf den Stein und jene Schrift; und es stand: "EINSAMKEIT". Ich wurde zornig und brüllte laut und furchtbar in die bleierne leere des Waldes; Der Wald krümmte sich im Wind - der Donner rollte- der Blitz fiel- und der Stein bebte sichtbar im morastigen Boden. Da wurde ich noch wütender und wünschte mir fluchend die Zeit könnte stillstehen. Da wurde es still. Die Bäume hörten auf zu schwingen- der Donner starb hin- der Blitz strahlte nicht mehr- der Stein lag fest.
Es war weder ein heulen des Windes noch das Rauschen des nahe liegenden Flusses zu hören. Ich blickte auf die Schrift, und sie war verändert; und die Schrift lautete" SCHWEIGEN".
Ich war bleich im Entsetzen und rannte los, zum Hause meiner Geliebten. Ich rannte durch die kahlen Bäume über die lange Wiese. An leeren Häusern vorbei, dessen Fenster wie leere Augenhöhlen schienen. Und ich fühlte wie melancholische Gedanken meinen Verstand langsam überwältigten. Am Ziel angekommen nun, öffnete ich langsam die schwere hölzerne Türe des Schlafsaales. Welch unaussprechlicher Wahnsinn erfasste mich bei dieser Tat! Aber warum sollte ich die Schrecken jener Nacht in allen Einzelheiten schildern? Da lag sie! Tot in ihrem Bett. Ihre Augen waren offen. Ich konnte mich niemals irren: Dies waren die grünen und wilden Augen meiner verlorenen Geliebten! Die Augen der Lady Vanessa!!
Wie verfolgt entfloh ich aus diesem Gemach und diesem Hause.
Und dachte mit tiefem Leidgefühl an meine Vanessa zurück. An die unendlich Schöne, die Erhabene, die Geliebte, die Dahingegangene. Ich schwebte im Gedanken an ihr himmlisches Wesen, das nun nicht mehr unter den Lebendigen weilt. Oh! Viele Stunden habe ich sie in den Ekstasen meiner Rauschträume umarmt und vergöttert, ehe "Eros" bei uns einzog!

Doch ich musste mit dem erliegen aller Lebenskraft und der unmessbaren Traurigkeit feststellen, dass ich "WAHNSINNIGER" das Pendel der Zeit für immer und ewig gestoppt habe!



(B.Aebi)


Kommentare

melanie33@bluemail.ch schrieb:
Sehr düstere melancholische Geschichte mit guter Wortwahl. Aus der Sicht eines Geisteskranken geschrieben.Sehr Mysteriös, aber sonst finde ich den Text echt gut!
creativ-head@gmx.de schrieb:
Wow! Einfach nur toll. Super geschrieben.
sigi@gmx.de schrieb:
Super geschrieben!Tolle Wortwahl.Geniale Gefühlsbeschreibungen!
boris@soundmania.ch schrieb:
Wie findet ihr meine Geschichte?
Ich würde mich über Feedback freuen:-)
. schrieb:
Hallo,

mir hat Deine Geschichte richtig gut gefallen!
Aber zuerst ein paar Anmerkungen.
„...noch unter den Lebendigen...“ Unter den Lebenden.
„...die noch stärker sind als die Schrecken, für die es auf der Welt keinen Namen gab.“ Es muss dann „gibt“ heißen, sonst schneiden sich die verwendeten Zeiten.
„...und der Regen viel auf mein Haupt.“ „Fiel“ von fallen, nehme ich mal an und deswegen bitte so.
Das waren aber auch schon alle Kleinigkeiten.
Ich finde, Du hast eine sehr schöne bildhaft Sprache. Die Stimmung, die Du erzeugt hast, hat mich richtig mitgerissen. Deine Rechtschreibung und Grammatik sind ohne größeren Tadel, der Lesefluss ist locker und fließend. Obwohl vielleicht ein paar mehr Absätze nicht geschadet hätten. Ansonsten richtig gut und ich würde gern mehr von Dir lesen!

Liebe Grüße
Soleil
boris@soundmania.ch schrieb:
Bei der Rechtschreibung hast du natürlich recht!
Leider hab ich ausversehen die erste Version der Geschichte gesendet!Sorry!
Die Letztere ist selbstverständlich korrigiert und Fehlerfrei!:-)
Gruss Boris

iris.beimdieck@ibb-anzeiger.de schrieb:
Geschrieben in einem etwas gewöhnungsbedürftigen aber absolut passenden Schreibstil. So lange ich auch überlege, mir fallen keine Verbesserungsvorschläge ein. Einfach toll, und mit tiefgründigen Hintergedanken geschrieben!
Pussy Cat schrieb:
Hey deine Wortwahl ist genial ! Aber ist doch ein wenig zu sehr melancholisch , muss aber sagen das sie sehr gut zum schreibstil passt ^^
Aber was ich nicht verstanden habe , ist er jetzt tot , untot oder unsterblich ^^`? Und was ist mit dieser Lady Vanessa und wer ist Eros , is das nicht ger römische Gott der Zeit ? Oder irre ich mich da ? Aber auf jeden fall find ich deine Geschichte äußerst intressant ^^

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