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Kategorien > Mysterie > Natur

Seelenbaum

von Lea Sikora

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Seelenbaum

Es war einmal ein Mädchen. Sie lebte allein mit ihrer alten Mutter in einer Waldhütte. Oft ging sie in den Wald um unter den Bäumen Blumen zu pflü-cken. Eines Tages sah sie hinter einem Busch ein seltsames Tier, dass rosa Federn besaß. Das Tier konnte reden und erzählte ihr, dass er ein Flamingo war und der Prinz des Waldes. Seit diesem Tag an besuchte das Mädchen Flamingo so oft sie konnte. Bald aber starb ihre Mutter und das Mädchen war ganz allein. Eines Tages kamen Waldarbeiter mit riesigen Maschinen und fingen an, den Wald abzuholzen. Das Mädchen versuchte die Arbeiter mit Worten aufzuhalten und den Wald des Flamingo-Prinzen zu retten. Dennoch hörte keiner auf sie. Sie stellte sich vor die Bäume, wurde aber ein-fach zur Seite geschoben. Verzweifelt lief sie zu dem Flamingo, er solle doch fliehen, aber dieser meinte nur: "Wenn der Wald sterben soll, dann werde ich mit ihm gehen." Erstaunt sah sie ihn an. "Aber was soll ich denn dann ganz allein hier machen? Gibt es denn keine andere Möglichkeit?" - "Doch." Mein-te das rosa Tier nur. "Was?" fragte das Mädchen hoffnungsvoll. "Heirate den Wald, gehe ein Bündnis mit dem ältesten Baum ein und deine Seelenkraft wird den Wald erhalten und solange der Wald lebt, werde auch ich nicht ster-ben." Das fand das Mädchen eine gute Idee, hatte sie doch nichts mehr zu verlieren. Schnell lief sie zum Haus ihrer Mutter und holte ihr altes Braut-kleid heraus. Mit geschürztem Rock rannte sie zurück in das Herz des Wal-des. "Und jetzt?" - "Stelle dich an die große Eiche dort und sage: 'Ich gebe dir meine Seele, dass du auf immer leben wirst.' Und dann wird die Eiche mit dir zusammen versuchen, den Menschen zu trotzen." Sofort lief sie zu der schö-nen, starken Eiche, stellte sich unter ihre weiten Zweige und sprach: "Ich gebe dir meine Seele, dass du auf immer leben wirst." Um das Mädchen herum fing es auf einmal zu leuchten an. Immer mehr leuchtete sie und löste sich ganz in Licht auf. Sie fühlte sich frei und schwerelos. Durch ein leichtes Zie-hen schwebte sie auf den Baum zu. Sie umarmte den Stamm und mit einem warmen und zugleich kühlen Schauer verschmolz sie mit dem Baum. Sie fühl-te seine starken Äste und den Saft, der durch seine Adern fließt. Von da an wich der Flamingo nicht mehr von der Seite des Baumes.
Einige Tage später waren die Waldarbeiter auch schon bei der Eiche ange-kommen, das Mädchen sah die Maschinen vor sich, die dutzende gefallener Bäume wegschleppten. Ein Arbeiter mit einer Kettensäge kam auf die schöne Eiche zu. Die Seele des Mädchens wurde nervös. Was nun? Wie sollte sie den Baum schützen? Die Säge setzte an. Ein Schmerz durchfuhr die Wurzeln und den Stamm, die Äste knatzten. Der Arbeiter ließ sich nicht stören und arbeitete sich energisch vor. Immer wieder drückte er die ratternde Kettensäge in den Stamm des uralten Baumes. Die Äste knarrten immer lauter aber das Motorgeräusch übertönte es. Der Flamingo hatte sich hinter einem Busch versteckt und sah mit Tränen in den Augen zu. Als die Säge in der Mitte war, durchlief ein Schauer den gesamten Baum. Riesige Samen strömten aus den Ästen und verstreuten sich über den ganzen Wald. Die Kettensäge arbeitete sich erbarmungslos vor, immer tiefer in den Stamm hinein. Dann hörte sie auf. Der Lebenssaft der Eiche floss aus der tiefen tödlichen Wunde. Ein Ungetüm mit einer großen Zange kam herangefahren, packte den Baum und zog ihn zu Boden. Mit lautem Krachen fiel er in sein eigenes Laub. Ein lauter spitzer Schrei begleitete das Krachen und ließ alle Arbeiter kurz innehalten und den übrigen Wald ängstlich lauschen. Aus dem Baum kam ein feiner hellgrüner Nebel.
Von oben sah die befreite Seele auf den gefallenen Baum hinab. Sie hatte ihm Kraft gegeben und den Schmerz geteilt. Mit Tränen schwebte sie weiter über die Welt, auf der Suche nach einem anderen Urbaum, mit dem sie die Wälder schützen wird.

Ein paar Tage später fanden die Arbeiter ein junges Mädchen im Brautkleid auf dem Waldboden liegen, daneben ein Flamingo, der seinen Kopf auf ihren Bauch gebettet hatte. Beide waren tot, hatten jedoch keinerlei Wunden. Um sie herum ein Meer aus Blumen, die alle die Köpfe gesenkt hatten.
Drei Jahre nach diesem Ereignis blühte der Wald wieder auf, mit neuen Bäu-men. Die riesigen Samen der Eiche hatten tausende Samen ganz verschiede-ner Pflanzen gespeichert, die nun wieder wachsen konnten. Aber das kann nur ein Urbaum, der viele Jahre lang dem Wandel der Vegetation, das Wach-sen und Sterben tausender Pflanzen zugesehen hatte und dem ein Lebewesen seine Seele gab um dem Baum Kraft zu geben und den Wald gemeinsam zu schützen.

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