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Kategorien > Fantasy > Seltsames

Seelenflackern

von Engelsflügel


Einsame Pfade taten sich vor ihm auf. Welchen Weg sollte der junge Bankangestellte einschlagen? Noch niemals zuvor war ihm so etwas Seltsames passiert. Im letzten Moment noch stand er an der wieder einmal nicht funktionierenden Kaffeemaschine seiner Sparkassenfiliale in Berlin Neukölln und jetzt war er hier in diese verfluchten Einöde, ihn umringend nichts als Bäume. Bäume von einer ihm völlig unbekannten Gattung, deren Blätter so groß waren, wie die Fenster seiner Wohnung. Doch schön sind sie, dachte er. Sie waren von einem saftigen grün und es schien, als würden sie jedesmal, wenn ein Sonnenstrahl sie traf, plötzlich lebendig. Denn dann konnte man ihre ganze Pracht erblicken.
Fiel die Sonne von Westen auf sie herab, so schimmerten sie rubinrot. Kam sie jedoch von Osten, wurden die Blätter in ein silbernes Licht gehüllt und zur Mittagszeit lag ein goldener Schatten über dem Wald. Sobald aber die Nacht über den geheimnisvollen Hain hereinbrach, verloren die Pflanzen jegliche Farbe und waren so schwarz, wie die unendlichen Tiefen des Universums. Nicht das beste Auge vermochte sie dann zu erkennen. Die Welt schien trostlos und es war, als wäre nie auch nur das geringste Glitzern erstrahlt. In jenen schwarzen Stunden machte sich Einsamkeit, Furcht und Verzweiflung in den Herzen derer breit, die das tröstende Heim verlassen hatten und nun in den endlosen Wäldern herumstreiften. Und obwohl sie wussten, dass der Tag mit all seinen Wundern bald wiederkehren und der Zauber des Waldes ihre Herzen von den dunklen Gedanken befreien würde, vermochten nicht wenige der Düsternis, die sie mit ihren kalten Klauen umfangen hielt, nicht entgegenzutreten und schwanden dahin.
Aber noch war die Dämmerung fern und der junge Mann wusste nichts von der nächtlichen Bedrohung. Er konnte immer noch nicht ganz glauben, dass ausgerechnet er hier gelandet war. Zuerst hatte es es für irgendeine Art Tagtraum gehalten (er hatte natürlich noch nie selbst einen erlebt, dafür lebte er viel zu sehr in der Realität, aber er erinnerte sich, letzte Woche in der Zeitung etwas über solch wundersame Dinge gelesen zu haben.), aber nach mindestens 66 vergeblichen Versuchen, zu erwachen, hatte er schließlich akzeptiert, dass sich seine Umgebung von einer Minute zur anderen vollkommen verändert hatte. Aus dem blendend weißen Gemeinschaftsraum mit dem roten Kaffeeautomaten ist ein funkelnder Wald geworden. Ruhig bleiben, es gibt sicher einem Weg hier raus, dachte er. Der Bankangestellte blickte sich um und sah drei Pfade, die scheinbar alle in dieselbe Richtung führten. Für welchen sollte er sich entscheiden? Wie er solche Situationen hasste! Aber was hatte der er schon zu verlieren? Er hatte weder eine Ahnung, wo er sich befand, noch wo er hingelangen würde, wenn er einem der Wege folgte.
Er entschied sich schließlich für den mittleren und schon nach wenigen Minuten wurden die Bäume mächtigen und dichter. Aber dennoch war es, als fiel mehr Licht auf den Waldboden. Als der Bankier aufblickte, bemerkte er, dass die Blätter der Giganten jetzt vollkommen transparent und die oberen Äste eine hellblaue Farbe, gleich dem Himmel angenommen hatten. Ein Zauberwald, dachte er. Langsam begann er diesen Ort ein wenig zu mögen, er war so friedlich, still und magisch, ganz anders, als seine alltägliche Routine. Jede Pflanze, jedes Tier (er hatte einige Insekten gesehen, oder sie wenigstens für solche gehalten, obwohl sie ein wenig Ähnlichkeit mit den Elfen aus Kinderbüchern hatten. Aber das war seiner Meinung nach zu verrückt, sogar für einen solchen Ort, und deshalb beschloss er sich geirrt zu haben und nahm an, es wären Insekten.), jeder Stein war hier geheimnisvoll und unbekannt, ja sogar die Luft verströmte einen fremden, süßlich betörenden Duft. Und hätte der Besucher die Wolken sehen können, wäre ihm aufgefallen, dass sie die Gesichter von Menschen trugen - toten Menschen. Frauen, Männer, Kinder, Greise - für alle Zeiten gebannt auf weißes Zelluloid, transparent, wie so viele Dinge im Land des ewigen Vergessens.
Der mit eiskaltem Wasser gefüllte See, an dessen Nordufer der Verlorene nun stand, war morgenklar und von einer tiefroten Farbe. Wenigstens verdursten muss ich nicht, dachte der Mann und wollte gerade einige kalte, erfrischende Züge des Nasses genießen, als er etwas seltsames auf dem Grund des Sees bemerkte. Es sah aus wie eine große, aus Steine bestehende Burg. Aber wie konnte das sein? Der Wanderer rieb sich die Augen, aber das Unmögliche war immer noch zu erblicken, in den Tiefen des Gewässers. Und als er gerade aufspringen und fliehen wollte, vor so viel Ungeheuerlichkeit, da geschah es. Der See dehnte sich aus. Der Mann mochte noch so schnell laufen, innerhalb von wenigen Sekunden watete er im Wasser und kurze Zeit später sank er, von einer kraftvollen, willensstarken Strömung mitgerissen, hinab in die dunklen Fluten.
Aber das Wasser ließ ihn nicht ertrinken, denn es war erfüllt von der reinsten Luft und als der Mann trieb, von einem unsichtbaren Willen gelenkt, sah er das Steingebilde näher kommen bis er schließlich auf dem Grund des Sees auf das grünste und saftigste Gras, das seine Augen jemals erblickt hatten, hinabglitt. Ein wohliger Duft erfüllte die gesamte Gegend und es war, als lege sich ein Zauber auf seine Gedanken, denn die Burg, einstmals bedrohlich, wirkte nun traurig, einsam und wehmütig. Sie war umgeben von einem tiefen Graben, der keinen Boden besaß, sondern auf ewige Zeiten dazu verdammt war, ins Nichts hinabzufallen. Vor den Mauern wuchsen Bäume, nicht von der Art, wie der Unglückliche sie im Wald erblickt hatte, sondern größer, stärker und ihre Blätter waren ohne jeglichen Schimmer, sondern von einem samtenen tiefdunklen violett. Dicht aneinander gereiht wirkten sie, wie eine zweite Festungsmauer, an der es kein Vorbeikommen gab.
Die Burg selbst bestand aus schwarzem Granit und kein Sonnenstrahl vermochte sich jemals in ihr zu spiegeln. In ihrer fünfeckigen Form entsprang sie dem Boden, wie eine Pflanze und ragte hoch hinauf. Ein spitzer Turm einsam auf sonst ebenmäßigem Stein, wirkte drohend und kalt und bei genauem Hinsehen konnte der junge Mann ein Fenster darin erblicken, der einzige Einschnitt in der sonst harmonischen Dichte des Bauwerks. Dahinter flackerte eine Kerze auf. Dann sah er sie, die Frau im schwarzen Kleid. Ihr Teint war ebenmäßig und weiß, wie der frisch gefallene Schnee eines klaren Februarmorgens, die Lippen leuchteten mondgleich und ihr langes schwarzes Haar fing das Licht der Kerze ein und ließ es auf sich tanzen. Doch so traurig war ihr Blick, verlassen und flehend, dass es dem Gereisten das Herz in tausend Stücke zerspringen ließ. In ihnen war keine Hoffnung, kein Leben, nur immerwährendes Leid und Tod. Für einen Moment glaubte der Mann, sie wollte zu ihm sprechen, doch ihre Lippen blieben stumm, ihre Augen sterbend. Sie betrachteten ihn - ausdruckslos und leer.
Plötzlich ertönte das schrille Geräusch der roten Kaffeemaschine, Frau Müller stürzte gehetzt in den weißen Raum und bat den Angestellten doch so nett zu sein und ihr zwei Tassen schwarzen Kaffee einzuschenken. Es sitze ein wichtiger Kunde in ihrem Büro und bei einer Tasse frischem Kaffee lassen sich wichtige Geschäfte einfach besser erörtern.Während er die Kanne nahm und die düstere Nässe in verschieden große Tassen füllte wunderte er sich, warum der Kaffeeautomat, der doch eben noch defekt gewesen war, auf einmal wieder funktionierte. Zufall vielleicht, dachte er und ging zurück an die Arbeit.

Kommentare

rilat@freenet.de schrieb am 2007-01-18 15:25:25:
diese geschichte ist nicht von caroline rilat!

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