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Kategorien > Einsamkeit > Leere

Seelensplitter Teil 1

von BlueSteel

1

Schmerz.
Da war nur Schmerz.
Kalter, brennender Schmerz.
Ein Schmerz, der ihn von innen regelrecht auffraß.
Eine schmerzende Leere.
Er fühlte sich einsam. Und leer. So furchtbar leer, dass es schmerzte.
Körperlicher Schmerz war nichts im Vergleich dazu, was er durchmachte.

Jeden Morgen stand er vor dem Spiegel.
Sah hinein.
Sah den Menschen, den er am meisten hasste.
Sein Selbsthass erstickte all seine anderen Gefühle.
Jeden Tag.
Jeden qualvollen Tag.
Jeden verdammten Tag, an dem er sich wünschte, zu sterben.
Was macht das Leben denn für einen Sinn, so ganz ohne Liebe?
Ohne Freunde?
Ohne Vertrauen.

Seath blickte mal wieder hasserfüllt in sein Spiegelbild.
„Ich bring dich um... ich schlitz dich auf, bis dein Blut auf den Boden fließt..“
Sein Spiegelbild blieb stumm.
Starrte ihn nur an.
Hasserfüllt.
„Bastard!“, knurrte er wütend.
Mit einem lauten Klirren splitterte der Spiegel.
Glasscherben bohrten sich in Seaths Faust und seinen Unterarm.
Warmes Blut tropfte auf den gefliesten Boden.
„Starr mich nie mehr so an... Ich hasse dich.“
Früher wären ihm jetzt die Tränen gekommen.
Doch er hatte schon so viel geweint, dass keine Tränen mehr übrig waren.
Ohne die Glassplitter, die ihm seine Füße zerschnitten, zu beachten ging er zurück in sein Zimmer und hinterließ blutige Fußabdrücke.

Er schwänzte, wie fast jeden dritten Tag, die Schule.
War sowieso egal.
Seine Eltern waren nie da.
Und eine Zukunft hatte er sowieso noch nie gehabt.
Mag sein, dass er einen überdurchschnittlich hohen Intelligenzquotient hatte.
Doch auf der Hauptschule brachte ihn das nicht weiter.
Für gute Noten gab es Schläge von Mitschülern.
So war das Leben.
Das sagte er sich oft.
Doch irgendwie konnte er es nicht glauben, egal wie oft er es in Gedanken wiederholte.
Es machte einfach keinen Sinn – Sterben war also schöner als Leben?
Seine Lehrer sagten oft: „Der Junge denkt zu viel nach.“
Vielleicht stimmte das sogar.
Doch wenn er nicht nachdachte, dann kam wieder die schmerzende Leere.
Nahm ihm jeden Funken Hoffnung, jeden Anflug von Glück.
„Klarer Fall von Depressionen..“, hatte der Psychater trocken festgestellt, völlig unbewegt.
Die Medikamente, die er Seath verschrieben hatte, sollten die schmerzende Leere vertreiben.
Doch es brachte überhaupt nichts.

It will all be over, and here we are
we're stuck inside this salted earth together.
You'll pierce my lungs
my limbs go numb
as my colors fade out.
You watch me bleed.
You watch me bleed.
Wenn er zur Schule fuhr, was selten vorkam, dann hörte er oft dieses Lied.
Summte leise die Melodie mit.
Versank in seinen Gedanken.
Erinnerungen.
Das war das Einzige, was er noch hatte.
Erinnerungen an eine Zeit, als er noch glücklich war.
Unbeschwert.
Unbeteiligt am Leid des Lebens.
Doch es waren eben nur Erinnerungen.
Glückliche Erinnerungen, die irgendwann anfingen, zu schmerzen.
Also verdrängte er die Erinnerungen.
Dachte nur noch darüber nach, wie er sein Leben beenden könnte.
Und wann.
Eines Tages fasste er den Beschluss.
Er konnte einfach nicht mehr.

Um Punkt 18.00 Uhr stand er auf der Brücke.
Er lehnte am Geländer und sah mit leeren Augen den vorbeifahrenden Autos nach.
In Gedanken plante er bereits jede Bewegung.
Langsam aufs Geländer klettern.
In die Tiefe gucken und ein letztes Mal zurück zur Stadt blicken.
Arme ausbreiten.
Fallen lassen.
„Hey..“
Er zuckte erschrocken zusammen, drehte den Kopf; neben ihm stand ein kleines Mädchen. Vielleicht ein oder höchstens zwei Jahre jünger als er.
Sie lächelte. „Bist du auch gerne abends hier?“
Seath holte tief Luft, suchte nach Worten.
Er hatte schon seit Ewigkeiten mit niemandem mehr gesprochen.. wozu auch?
Das kleine Mädchen lächelte, guckte in die Wolken. Schloss die Augen, als der Wind durch ihre Haare strich.
Als wollte sie ihm zeigen, dass sie ihn nicht zu einer Antwort zwang.
Seath musste unwillkürlich lächeln.
Er schloss ebenso die Augen.
Verdrängte den eben geplanten Suizid aus seinen Gedanken und konzentrierte sich auf die Geräusche, die ihn umgaben: Das Rauschen der Bäume im Wind.
Ab und zu das Brummen eines Autos, das vorbeifuhr.
Leises Vogelgezwitscher.
Als er die Augen wieder aufschlug, war er alleine.
Trotzdem spürte er eine Art inneren Frieden.
Fühlte es sich so an, glücklich zu sein?

„Seath! Aufwachen!“
Seath schreckte aus dem Schlaf und blickte direkt in das verärgerte Gesicht seiner Englischlehrerin.
„Ein hoffnungsloser Fall!“
Sie schimpfte leise vor sich hin, warf mit Beleidigungen um sich.
Er ließ den Kopf wieder auf die verschränkten Arme sinken.
Ihre Worte erreichten ihn schon lange nicht mehr.
So leer.
So leer war es in seinem Inneren.
Erst als die Schulglocke läutete, schlug er die Augen wieder auf.
Packte seine Tasche, ging nach draußen.
Mechanisch.
Immer dasselbe.
Zu Hause angekommen, warf er seine Schultasche in die Ecke.
Auf dem zerkratzten, alten Küchentisch aus Eichenholz lag ein Zettel.
In höchster Eile hatte jemand mit Kulli eine verschmierte Nachricht hinterlassen:

„Bin bei Nick, Essen steht in der Küche.“

Der Junge biss die Zähne zusammen.
Sie hatte schon wieder einen neuen Freund.
War bestimmt wieder so ein Alki, der Kinder hasste und zu Gewalt neigte.

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