Sehnsucht des Lebens
von
Sohma Kyo
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Sehnsucht des Lebens
Kurz nach ihrem ersten Geburtstag lernte sie zu laufen. Die ersten Schritte waren wackelig, unsicher, aber dennoch eine große Errungenschaft für solch ein junges Wesen. Mit drei Jahren folgten die nächsten großen Schritte, sie verzichtete auf Windeln und knüpfte die ersten Kontakte ihres Lebens mit fremden Menschen im Kindergarten. Einige Zeit später betrat Susanne „Susi“ zum ersten Mal in ihrem Leben, mit einer Schultüte in der Hand, ein Schulgebäude. Vier Jahre lang weilte sie dort und besuchte anschließend ein nahe gelegenes Gymnasium. Zeitgleich mit dem Einsetzen der Pubertät erwachten bisher unbekannte Sehnsüchte in ihr. Während sie als Grundschulkind eher Spielzeuge und Süßigkeiten liebäugelte, begann sie, sich nach der Unabhängigkeit von der Familie und engeren Beziehungen zu Freunden zu sehnen. Als sie mit achtzehn ihren Führerschein in der Hand hielt, zusammen mit dem Abitur in der Tasche, war sie diesem Ziel schon weit näher gerückt. Das Studium wurde mit Bravour an der Universität abgeschlossen und die erste Wohnung greifbar nahe. Jedoch fand Susanne ihre neue Wohnung ziemlich leer und kalt. Außerdem war der nette neue Kollege von der Arbeit ziemlich attraktiv. Nach 4 Jahren zogen Susi und ihr neuer Ehemann in ein anderes Haus ein, welches sich rasch mit Möbeln füllte. Es wurde Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Sie wollte schon immer eine Familie gründen, eine Familie mit den ersehnten Kindern. Ein Junge und ein Mädchen – das wäre geradezu perfekt.
Kai und Anni kamen als Zwillinge drei Jahre danach zur Welt. Die fünfunddreißigjährige Susanne war glücklich. All ihre Sehnsüchte waren nun endgültig erfüllt, oder?
Mit dem Alter allerdings merkte Susanne, wie ihr Körper anfälliger wurde, jedoch auch, wie sich ihre Kinder, mittlerweile schon kräftige, gesunde Teenager, mehr und mehr von ihr distanzierten. Als schließlich ihr Ehemann im Alter von sechzig plötzlich an einem schweren Herzinfarkt die Welt verließ, erschien ihr das große Haus erschreckend leer. Die Kinder waren berufstätig und ansässig in entfernten Städten; sie selbst befand sich bereits in Rente. Jahre der Monotonie folgten, bevor sich die siebzig Jahre alte Susanne in ein Altenheim einwiesen ließ.
Auch heute noch befindet sich Susanne „Susi“ in diesem Altenheim. Seit sie zur Ruhe gekommen ist, hatte sie viel Zeit zum Nachdenken. Die Kinder kommen zweimal im Monat zu Besuch, die Krankenpfleger sind sehr höflich und fürsorglich. Dennoch…ihre Sehnsucht nach Gesellschaft blieb ungebrochen. Sie würde auch nie brechen. Denn der Mensch ist ein geselliges Wesen. Man wächst in dem Kreise der Familie auf, erweitert diesen mit Freunden und Bekannten, später mit einer eigenen Familie. Es gibt Phasen, in denen wir uns besonders nach anderen sehnen.
Doch noch nie hat Susi diese Sehnsucht so stark gefühlt wie jetzt.
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