Sei nicht traurig! - Ein Wintermärchen
von
Lilly Hidomi
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Strahlend weiße Wogen aus Eiskristallen stürzten auf die weite Ebene hinab, verschleierten den Blick. Inmitten der aufgetürmten Puderhügel kämpften sich zwei verschwommene Gestalten ihren Weg gen Horizont. Sie schienen nicht in diese kalte Welt zu gehören, wobei sie doch in dicke Mäntel gehüllt waren – bewegten sich zu unnatürlich, verzweifelten, rasteten.
„Ich kann keinen Zentimeter weiter weitergehen. Meine Glieder sind wie erfroren, ganz taub“, rief die kleinere Gestalt unter ihrer Kapuze hervor, während sie sich keuchend auf ihren Knien abstützte.
Ihr Begleiter blieb einige Meter weiter vorn stehen, wandte sich langsam um. Langes schwarzes Haar wehte ihm ins Gesicht und nahm ihm die Sicht, doch in diesem Schneetreiben machte es kaum einen Unterschied.
„Niemand hat dich gezwungen mich zu begleiten“, antwortete er harsch.
Seufzend richtete sich die Kapuzengestalt auf und blickte gegen den undurchdringlichen Vorhang aus Schnee: „Ich fürchte, das ist nicht der rechte Weg. Wir hätten das Dorf längst erreichen sollen, schon vor Stunden. Wir haben uns verlaufen, nicht wahr? Sag es mir ruhig.“
Die gebrochene Stimme der Gestalt war so schwach, sie erreichte gerade noch den Dunkelhaarigen, bevor sie vom Wind verschluckt wurde.
„Wir gehen weiter“, war dessen klare Anweisung..
Langsam kämpften sich die beiden Gestalten weiter voran, die kleinere etwas mühevoller, als die größere, in verzweifeltem Glauben die richtige Richtung ausgewählt zu haben.
Doch das Glück war den beiden hold, der freudige Ausruf der Kapuzengestalt tat es kund: „Sieh nur, Lysander! Dort, am Horizont!“
Der Angesprochene strich sich das schwarze Haar aus der Stirn und spähte angestrengt durch das langsam abschwächende Schneetreiben. Schnell kam er zu dem Schluss, sein Begleiter habe Recht. Zwar war es nicht das erhoffte Dorf, das sich dort mit dunklen Türmen den Wolken entgegenstreckte, doch zumindest ein Ort, an dem man sich wärmen kann, der einen vor dem Erfrieren wart.
Ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf dem rosigen Gesicht Lysanders aus und er reichte der kleinen Kapuzengestalt die Hand, welche diese sogleich ergriff.
„Komm“, sagte der Schwarzhaarige wohlwollend, „Es ist nicht mehr weit.“
Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis die beiden Gestalten das Tor des dunklen Schlosses erreicht hatten. Im Windschutz der massiven Mauern zog die kleinere Gestalt ihre Kapuze vom Kopf, unter der kurzes goldblondes Haar zum Vorschein kam.
„Hoffentlich ist es in dem Schloss nicht so kalt, wie es von außen wirkt“, sagte der blonde Junge mehr zu sich selbst als zu seinem Begleiter.
„Bitte sei höflich“, ermahnte Lysander ihn, während er den Türklopfer betätigte.
Das laute, dumpfe Pochen ließ den Blonden unwillkürlich zusammenzucken: „Hoffentlich...“
Mit einem lauten Knarren, welches den Blonden verstummen ließ, wurde das Tor aufezogen. Hinter ihm stand eine junge Frau mit dunkelblondem Zopf auf dem alten Parkett, in einen schwarzen Anzug gekleidet; über ihrem Arm war ein weißes Tuch ausgebreitet. Ihre barsche Begrüßung trug zu der Vermutung bei, sie sei der Butler des Hauses: „Sie wünschen?“
Der blonde Junge tat einen fragenden Blick in Richtung Lysander, welcher sich räusperte: „Das ist Fynn“, er wies auf seinen Begleiter, „Und mich nennt man Lysander, wir kommen aus dem kleinen Dorf GoldenSun.“
Da sich die Butlerin mit dieser Antwort nicht zufrieden zu geben schien, fuhr er fort: „Wir waren auf der Reise in das nächst größere Dorf, als wir in diesen Schneesturm gerieten. Es scheint...“ Er brach ab und warf Fynn einen kurzen Seitenblick zu,.bevor er schloss: „Es scheint als hätten wir uns verirrt; und bitten um einen Rastplatz.“
Höflich senkte er sein Haupt, erwartete die Antwort, die allerdings einige Sekunden auf sich warten ließ.
„Bitte kommen Sie herein, ich werde mich bei dem Herrn erkundigen, ob Ihr Einlass seinem Willen entspricht“, sprach die kalte Stimme aus dem lieblich anmutenden Mädchenmund.
Die Butlerin trat zurück, ließ die beiden Fremden ein und entschwand durch eine der vielen Türen, die von der Eingangshalle abgingen.
Fynn schüttelte seinen blonden Schopf, um die Schneeflocken, die in seinem Haar haften geblieben waren, abzuschütteln und wandte sich dann mit vorwurfsvollem Blick in den grünen Augen zu Lysander um: „Haben wir uns also doch verlaufen!“
Dieser zuckte die Achseln, ohne zurückzublicken.
Eine tiefe Stille legte sich über die Eingangshalle des Schlosses, die aus Marmor gefertigt und bis auf einige Türen und alte Gemälde völlig leer war; eine Stille, die auch das Herz der beiden Gäste zu erfüllen schien.
Ein eisiger Schauder fuhr Fynn über den Rücken, als sich endlich an den Wänden widerhallende Schritte nährten. Eine Tür wurde aufgestoßen; im Rahmen stand erneut die Butlerin.
„Der Herr wünscht, Sie zum Essen zu laden“, rief sie durch die Halle, „Bitte die Herren mir zu folgen.“
Und genauso schnell wie sei erschienen war, verschwand sie auch wieder. Fynn und Lysander hatten Mühe ihr zu folgen, mussten sie doch zunächst die ganze Eingangshalle durchqueren.
An die Eingangshalle schloss ein zwielichtiger Gang an, in dem nichts mehr von dem Mädchen im Anzug zu sehen war. Irritiert blieben die beiden Gäste stehen; blickten sich um – doch da erschien die Butlerin schon wieder aus einem der abzweigenden Gänge. Sie war nicht angetan von den zurückgebliebenen Gästen, ihr kalter Blick und ihre gerunzelte Stirn verrieten es, und als sie die Beiden erblickte, bog sie schon erneut um die Ecke.
Nach einem komplizierten Weg durch die alten Gemäuer des Gebäudes schien man nun endlich am Ziel zu sein. Zumindest klopfte das Mädchen höflich an eine Flügeltür, bevor sie diese aufstieß.
Der Raum, welcher sich hinter der Tür verbarg, glich in seiner Schlichtheit dem Gang, an den er mündete. Karge marmorne Wände, das einzige Mobiliar eine lange Tafel – wohl aus Mahagoni gefertigt – und ein Dutzend passender Stühle mit hohen Lehnen. Ganz am anderen Ende des Raumes saß ein Mann am Tisch, den Kopf auf die Hände gestützt. Sein silbernes Haar verschleierte ihm die Sicht und er hob nicht einmal den Kopf, als die Butlerin den Raum betrat.
„Setzen Sie sich“, wies das blonde Mädchen Fynn und Lysander an.
Ein kurzer Blickwechsel zwischen den beiden Jungen erfolgte, bevor sie zögerlich den Raum betraten und sich dem silberhaarigen Mann gegenüber niederließen; Lysander als erster, Fynn zurückhaltend, ihm folgend.
„Ich werde noch zwei Gedecke bringen“, sagte die Butlerin wohl eher zu dem Mann als zu Fynn oder Lysander, ruckte kurz mit dem Kopf und verließ eilig den Raum, die Tür hinter sich schließend.
Eine unangenehme Stille senkte sich über den weißen Raum. Da der silberhaarige Mann, der hier Schlossherr zu sein schien, nach einigen Sekunden immer noch keine Notiz von seinen Gästen genommen hatte, räusperte sich Lysander.
Langsam hob der Mann den Kopf und richtete sich zu voller Größe auf, während er weiterhin stumm seinen Gästen entgegen starrte. Seine wunderlich blauen Augen
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