Sein letzter Coup
von
Norbert Hilgers
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Wilbur Saltgrey betrachtete nachdenklich Thelma, die ihm gegenüber mit halb
geschlossenen Augen auf dem mit rotem Leder bezogenen Kanapee lag. Ihr
schulterlanges, von einem Samtband im Nacken zusammengehaltenes Haar
hob sich kontrastreich von der vornehmen Blässe ihrer makellosen Haut ab.
Im Licht der abgedämpften Stehlampe schimmerte es in rötlichem braun und
schmiegte sich wie flüssige Seide in ihren Nacken.
Sein Blick wanderte über ihr bezauberndes Gesicht, den wohlgeformten Hals
hinab und verharrte einen Moment am Dekolleté. Der Rand des schulterfreie
Kleides hatte sich auf der linken Seite etwas abgehoben und ließ ihre gut
geformte Brust halb erkennen, halb erahnen. Vorfreude stieg in Wilbur auf.
Heute Nacht würde er mehr als nur einen Einblick in Thelmas Reize erhalten.
Er würde sein übliches Programm abziehen und schon am nächsten Morgen
von einem dankbaren Geschöpf mit Frühstück am Bett geweckt werden. Er war
gut, dass hatten ihm Dutzende, mittlerweile um ihre Ersparnisse erleichterter
Frauen, schon nach der ersten Nacht gebeichtet.
Ein schönes Sümmchen hatte er zusammenbekommen. Manch Anderer wäre
mit dem Erreichten längst zufrieden gewesen und hätte den Rest seines Lebens
in Wohlstand verbracht.
Nicht jedoch Wilbur. Erst die Frau auf dem Kanapee sollte sein letztes aber
ganz großes Los werden.
Auf Leos Informationen war bis jetzt immer Verlass gewesen.
Wilbur sah die kleine fette Ratte direkt vor sich. Wie sie sich wand, wenn er
ihm einen Besuch abstatte und an sein Gewissen appellierte.
Fast hätte er laut losgelacht. Leo als bekannter Gesellschaftsreporter eines
nicht unbekannten Boulevardblatts wusste aus Quellen, von denen Wilbur
keine Kenntnis hatte, welche reiche Erbin, welche gelangweilte Ehefrau eines
Industriellen oder Adeligen sich wo zur Zeit befand.
Er hatte vor mehr als einem Jahrzehnt einige Monate mit ihm in der Redaktion
zusammengearbeitet und durch Zufall sein Geheimnis entdeckt.
Leo Summer, das Gewissen des Washingtoner Abendblattes, war in
Wirklichkeit ein Mann mit sehr fragwürdiger Vergangenheit und einem
jugendlichen Vorstrafenregister, das auf einer Klopapierrolle kaum Platz fand.
Das wäre ein Reißer gewesen. Zuerst hatte er überlegt, die Story dem
Konkurrenzblatt zu verkaufen und einen satten Gewinn einzustreichen. Allerdings
hätte er damit seine Stellung beim Abendblatt verloren. Außerdem
wäre eine sichere Geldquelle auf alle Zeit versiegt. Also begnügte sich Wilbur
zunächst damit, von Leo in regelmäßigen Abständen kleine bis mittlere
Geldbeträge zu erpressen.
Alle hätten damit zufrieden sein können, bis er durch eine waghalsigen Wette
bei einem Buchmacher mit etlichen Riesen in der Kreide stand. Seine damalige
Lebensgefährtin hatte ihm letztendlich aus der Patsche geholfen und ihn auf
eine glänzende Idee gebracht.
Warum sein bemerkenswertes Aussehen nicht auf professionelle Art und
Weise einsetzen und einsame, aber begüterte Frauen um einen beträchtlichen
Teil ihres Vermögens erleichtern?
Auf Leos paar Kröten konnte er ab dem Zeitpunkt gut verzichten.
Er begnügte sich jetzt mit Informationen, die ihm ein Mehrfaches des
Gewinnes einbrachten.
Leos Kontakte in die so genannte gehobene Gesellschaft ermöglichten ihm zu
erfahren, welche wohlhabende und möglicherweise liebeshungrige Dame,
ledig, verlobt oder verheiratet, in welchem Hotel oder Kurhaus abgestiegen
war.
Wilbur mit seinem kurzen, schwarzem Harr, den stahlblauen Augen und dem
durchtrainierten Körper war es in beinahe allen Fällen gelungen, sich seinen
Opfern zu nähern, ihr Vertrauen zu gewinnen und sein erprobtes Spiel vom
verarmten Adeligen zu zelebrieren.
Eine erhebliche Erbschaft war nur eine Frage von Tagen, da der liebe
Verwandte bereits im Sterben begriffen war. Allerdings waren da noch einige
Verbindlichkeiten, die zeitnah zu begleichen waren und seinen Besitz in den
belgischen Ardennen belasteten.
Kaum war der Scheck auf seinem Schweizer Konto eingetroffen, löste sich der
verarmte Adelige auf wundersame Weise ins Nichts auf.
Wilbur betrachtete lächelnd Thelmas wunderbaren Körper. Sie sollte der
Abschluss seines kleinen Unternehmens werden, die Krönung sozusagen.
Tochter des Großindustriellen Kallstone und Millionenerbin.
Zum ersten Mal, seit er sich geschäftlich den Damen näherte, spürte er, dass da
mehr war als nur der Wunsch, sein Kontozu bereichern.
Sie hatte es ihm nicht leicht gemacht. Seinen Avancen war sie
distanziert und mit einer reizvollen Kühle begegnet. Wilbur hatte sich mächtig
ins Zeug legen müssen, um ein erstes Lächeln von ihr zu erhalten.
Heute Nacht jedoch würde er diesen Eisschrank in einen Vulkan verwandeln.
Für das langsame Auftauen hatte er mit einer Flasche 1998 Clos du Mesnil
vorgesorgt.
Dieser Leo war wirklich ein Idiot.
Vor drei Wochen hatte er ihm gesteckt, dass Thelma jedes Jahr um die gleiche
Zeit einige Tage hier im Hotel verbringen würde. Gegen Zusage einer
bescheidenen Beteiligung an diesem Unternehmen nach erfolgreichem
Abschluss, hatte er ihm die Einzelheiten verraten. Für einen Augenblick
tauchte wieder das Bild des kleinen, fetten Journalisten vor seinem inneren
Auge auf.
Dieser Popanz in seinem altmodischen braunen Zweireiher.
Das in der Mitte gescheitelte Haar, der überdimensionale Schnurrbart und
dann, Wilbur hätte fast laut losgelacht, das lächerliche Monokel aus
Fensterglas. Mit dieser veralteten Sehhilfe glaubte der verkappte Schauspieler
den Eindruck eines vertrauensvollen Gesellschafters zu vermitteln.
Er hatte Wilbur in seiner naiven Selbstzufriedenheit sogar einen perfekten Plan
für sein Untertauchen nach dem Coup inklusive eines falschen Passes geliefert.
Alles auf eine Karte setzen, alle Konten räumen und mit falschem Namen an
einem lebenswerten Fleck, irgendwo am Ende der Welt den Rest des Lebens in
Luxus verbringen.
Kurz streifte Wilburs Blick den Wandtresor, der hinter einer Kopie von Monets
Seerosenteich in die Wand eingelassen war. Der Erlös von zehn Jahren
selbstlosem Körpereinsatz - reiche Ehefrauen oder Erbinnen waren nicht
immer attraktiv –sicher in Aktien hinter gehärtetem Panzerstahl. Mit der
rechten Hand fuhr Wilbur über die Hosentasche und fühlte die befriedigende
Sicherheit des kantigen Safeschlüssels.
Wilbor lachte in sich hinein. Auch er hatte einen Plan.
In seinem, bestand Leos Beteiligung aus einem zwanzig Millimeter langen, etwa
achtzehn Gramm schweren Stück gehärteten Stahls.
Abgeschossen aus seiner 8mm Beretta.
Ein letzter Schnitt durch den Faden, der ihn mit dem einzigen Menschen
verband, dessen Wissen ihm gefährlich werden konnte.
„Wollen wir uns nicht langsam dem Champagner zuwenden", riss Thelma ihn
aus seinen Gedanken.
Sie hatte sich aufgesetzt, ihr leeres Glas bereits in der Hand und winkte ihm
damit aufmunternd zu.
„Oh Verzeihung, Liebes, ich bin unaufmerksam." Mit einem geübten Handgriff
entkorkte er die
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