Shanalei (1)
von
Aina
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Der Spiegel ist zerbrochen. Blicke begegnen sich im Dunkel der Nacht; trostlos, nachdenklich und unschlüssig. Leere verschließt ihre Lippen. Sie beobachtet sich. Betrachtet die Tränen auf ihren Wangen, das Beben ihrer Lippen und die ungehörten Worte in ihren Augen. Der Schmerz war betäubend, aber war er Wirklichkeit? War sie Wirklichkeit? War sie nicht viel mehr als ein Schatten ihrer selbst? Ein Geist auf der Suche nach Leben? Sie blickt an sich hinunter. Auf ihrer Kleidung klebt Blut und die Antwort...
Dies ist die Geschichte einer schönen Frau, deren Name wie eine Melodie klingt. Ihr Körper bereiste Himmel und Erde, um zu finden, was ihr auf ewig versagt sein wird. Ihr Wille ist stark, doch schwach ist ihr Herz. Sie ist sich ihrer Stärke nicht bewusst, ahnt nichts von ihrer Kraft und ihrem Glauben. Sie bleibt gefangen, solange sie nicht erkennt.
Es war ein Tag von vielen, unbedeutend und klanglos, als ich gedankenverloren auf den Sonnenaufgang wartete. Geräuschlos kleidete ich mich an, beobachtete einen Herzschlag lang die Morgenröte und meinen Meister, der schlafend so schön wie der Morgen selbst war. Meine Stimme begleitete ihn jeden Abend in den Schlaf und ich wachte des Nachts über seinen Körper bis er erwachte. Doch wenn er seine Augen öffnete, durfte ich mich nicht mehr in seinen Räumlichkeiten aufhalten.
Nachdem ich den Schlafsaal verlassen hatte, lief ich in den Garten, um dort meine Seele in den Himmel zu heben und Ruhe in meinem Herzen einkehren zu lassen. Die ersten Strahlen der Sonne berührten zart die Türme des Palastes. Er war meine Heimat und der einzige Ort, den ich jemals kennenlernen werde. Es gab eine Welt außerhalb der hohen Mauern, dennoch nicht für mich. Mein Tod alleine entschied, wie das Schicksal meines Meisters verlief und ich starb viele in seiner Gegenwart.
Der Haremssaal war erfüllt von exotischen, sinnesbetäubenden Düften, Patchouli und Rosenblüten. Die leichtbekleideten Frauen und Mädchen verstummten als ich den Raum betrat, um ein Bad zu nehmen. Ich achtete seit langem nicht mehr auf ihre abschätzenden, drohenden Blicke, die von Hoffnung und Trauer begleitet wurden. Viele von ihnen, meinem Meister und den Soldaten zur Verfügung stehend, wünschten mir den Tod. Sie erinnerten sich dennoch daran, wer schützend die Hand über mich hielt und suchten andere Wege mir das Leben zu erschweren. Ich ertrug es mit derselben Gleichgülitgkeit, die ich meinem Meister entgegen brachte. Nur auf diese Weise konnte ich die Lasten des Lebens ertragen.
Shahi, die älteste Frau aus dem Harem Al'Anfars reichte mir nach dem Bad ein Gewand. Sie war von unvergleichbarer Schönheit und Erscheinung. Dies war auch der Grund, weshalb mein Meister ihre Anwesenheit im Palast noch duldete. Durch seinem Erwerb auf dem Sklavenmarkt, verlor sie ihren Rang als Lieblingsfrau an mich und der Gedanke trieb sie in den Wahnsinn. Shahi verabscheute mich mit Leib und Seele, wie nur eine verschmähte Frau empfinden konnte. Dennoch gab es keinen Grund für mich zur Furcht. Ich erkannte wer sie im Herzen wirklich war und dies löste Furcht in Shahi aus.
"Eure Anwesenheit ehrt uns mindere Frauen", sprach sie voller Spott und Hohn. Ich belächelte den erneuten Versuch der Demut. "Es geschieht selten, dass Ihr die heiligen Gemächer des Herrschers verlasst."
Gelächter erfüllte den Raum.
"Sehr Ihr Shahi, das ist der Unterschied zwischen uns", antwortete ich kühl und der Auseinandersetzungen ermüdet. "Ihr werdet diese Räumlichkeiten, wartend auf einen willigen Freier, niemals verlassen..."
Nach meinen Worten ergriff sie mein Handgelenk und blickte mir Tränen des hilflosen Zorns in die Augen. Dunkel und voller Trauer begegneten sich unsere Seelen. Shahi hätte mich geschlagen, wenn sie nicht solch eine stolze Frau gewesen wäre.
"Ich wünschte, Ihr könntet spüren wie sehr ich Euch im Herzen verabscheue und hasse." Ihre Worte berührten mich nicht. Stattdessen blickte ich ihr direkt in die tränenverhangen Augen und erwiderte gleichgültig: "Ihr erinnert mich jeden Tag an Eure Gefühle. Wie könnte ich es nicht empfinden?"
In diesem Augenblick öffneten sich die Tore des Saals und mein Meister Al'Anfar betrat in all seiner Schönheit und königlicher Ausstrahlung den Raum. Kurz winkte er mich heran, ohne auf die anderen Frauen zu achten und sprach: "Kleidet Euch an und folgt mir in meine Gemächer, Soraya, Sonne des Südens und meines Herzens."
Seinen Aufforderungen war sofort Folge zu leisten. Wer diese Regel beherrschte, der brauchte sich vor nichts zu fürchten. Auf Gegenwehr wurde keine Rücksicht genommen und wer sich gar verteidigte, starb noch im selben Augenblick.
"Ja Meister." Ich kleidete mich sogleich in mein altes Gewand und folgte Al'Anfar über die Flure in sein Tageszimmer.
Vom Sonnenlicht berührt setzte er sich an seinem Schreibtisch und breitete seinen Karten vor sich aus. Nachdem er vom Wein aus dem Land seiner neuen Eroberung gekostet hatte, lehnte er sich im Stuhl zurück und beobachtet mich an der Tür stehend und wartend. Er liebte es mich in der Leere zurückzulassen; Macht und Überlegenheit auszustrahlen.
"Trete ins Licht", befahl er gelassen und erhob sich ebenfalls von seinem Arbeitsplatz. Als ich vor ihm stand und ihm erwartend entgegen blickte, berührte Al'Anfar zärtlich mein Haar und streichelte mein Gesicht. Ich gehörte nicht zu den Frauen in meines Meisters Harem, denn er berührte mich niemals auf solche Art und Weise. Er betrachtete mich, vernahm stillschweigend meine Stimme und genoss meine Anwesenheit auf Festen und Versammlungen. Außerdem war er im Besitz meines Geheimnisses und nutze es für sich.
"Ihr seht wundervoll aus, meine zarte Schönheit." Seine Worte bedeuteten mir nichts und als er dies seufzend erkannte, fuhr er ungehindert fort: "Prinz Al'Dabar aus dem Königreich Arentera wird zu uns kommen und ich verlangen, dass Ihr ein reizendes junges Mädchen aus dem Harem erwählt, den Prinzen angemessen zu empfangen. Richtet das goldene Zimmer her und stellt Wein und Früchte bereit. Zusätzlich soll ein Bediensteter vor dem Raum stehen, um des Prinzen Wünsche jederzeit zu erfüllen." Er nahm mein Gesicht in seine Hände und flüsterte: "Mein Vertrauen gehört Euch, so wie Euer süßes Geheimnis. Denkt daran."
Vorsichtig befreite ich mich aus seinem Griff.
"Wie mein Meister wünscht", erwiderte ich und fühlte mich im selben Moment unglaublich erniedrigt und leer. Wie ein Mensch velassen von seinem Geist und seiner seelischen Kraft beraubt.
Noch bevor ich das Zimmer verlassen konnte, erhob Al'Anfar seine Stimme erneut. Diesmal energisch und drohend.
"Dieser Auftrag ist von großer Bedeutung, Soraya. Prinz Al'Dabar muss sein Vertrauen in uns setzen, damit ich meinem Ziel näher rücken kann."
Mit einem seltenen Lächeln auf den Lippen öffnete ich die Tür und schloss sie mit Tränen in den Augen.
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Kommentare
Nadine schrieb am 2009-08-21 18:34:39:
Dies ist mein zweiter Versuch, dir ein Feedback zu geben, hoffentlich klappt es dieses Mal :-)
Ich finde deine Geschichte wirklich sehr gelungen. Ich mag deinen Schreibstil und finde, dass sie sehr flüssig geschrieben ist. Das Lesen macht hier wirklich Spaß.
Würde mich freuen, mehr von dir lesen zu dürfen.
LG
www.strangersworld.npage.de schrieb am 2009-08-16 20:11:46:
Wow, wirklich sehr schön geschrieben. Toll :-)
Du hast eine ganz tolle Art dich auszudrücken und die Worte zu wählen.
Weiter so :-)
Rudi schrieb am 2008-01-16 08:31:44:
Hallo Aina, kenne schon einige Geschichten von Dir, diese hier ist wieder einmal super gut. Mich versetzen Deine Geschichten immer in ein Gefühl der Trauer, Nachdeklichkeit, Gerührtheit und machmal auch zu Frohsinn. Deine Geschichten machen mich immer sehr nachdeklich und, wie die andere Kommentatorin, liefert es einen eine garantierte Gänsehaut. Werde diesen Link, hoffe mit Deinem Einverständnis, auf unserer Homepage weiterempfehlen. Schreib weiter, erfülle die Menschen weiterhin mit diesen fantastischen Gefühlen.
Mandy schrieb am 2006-12-11 19:09:11:
Also ich kann mich den vorherigen Kommentaren nur anschließen. Und ich hoffe auch, dass der 2te ´Teil der Geschichte bald im Internet zu finden ist. :-)
Wirklich sehr schön zu lesen und reinzuversetzen....
Aina schrieb am 2006-11-23 18:47:19:
Hallo Emily
Mein Gott, ich fühle mich so geschmeichelt und werde ganz rot.
Vielen tausend Dank!!!
Emily schrieb am 2006-11-16 20:21:31:
hey wow !!!wircklich toll die geschichte !!! oh gott ... ich liebe diese Geschichten ... fast wie 1000 und eine Nacht!!! ich kann nur sagen ... SCHREIB WEITER !!!!! BITTE !!! es macht echt spaß deine geschichte zu lesen !!! und es läuft einem ein angenhemer schauer über den rücken !! und ich hab richtig Gänsehaut gehabt *gg* =)
Aina schrieb am 2006-10-21 21:36:18:
Wenn das ein Kompliment war, vielen Dank!!! Es ist eine ziemlich lange Geschichte. Mal schauen, wann ich den
2. Teil ins Internet bringe. LG zurück! Aina
Vicky schrieb am 2006-10-21 10:27:26:
Da bekomm ich so ein warmes Gefühl, wenn ich die Geschichte lese, ups, tatsache, da hat doch gerade jemand versucht mir ans Bein zu pinkeln. Na gut, dass ich das relaxt sehen kann, als Über-Ich.
Hoffe es trocknet im zweiten Teil wieder. LG Lexa
Wirklich schö zu lesen, liebe Geschichten aus 1001 Nacht.
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