Sibirische Impressionen
von
Gabriele Raatz
Mai 2004
Mit der Tupulev 154 der Fluggesellschaft „Sibir´“ vom Moskauer Flughafen Domodedova ins „Schlafende Land“(= sib-ir) nach Barnaul
Kräftige Gestalten schieben hoch bepackte Teleshkis (caddies) mit Waren aus Deutschland über den glänzenden Marmor des eleganten Flughafens Domodedova. Es sind warm angezogene Sibirjaken, die stark mit den sommerlich gekleideten Moskauer Luxusdämchen auf hohen und spitzen Stilettos kontrastieren. Luda (59) bringt einen großen Wäschetrockner aus einem Frankfurter Supermarkt mit, der in Barnaul ihre ganze Monatsrente (1000 Rubel) kosten würde. Sie war 3 Monate bei ihrer Tochter, die mit deutsch–russischen Mann, Kindern und Schwiegereltern in Deutschland lebt. Luda ist ein bisschen schief, von der schweren Arbeit in der Fabrik, aber noch ganz fit. Sie sucht energisch ihren Wäscheständer, der nicht – wie ihre anderen sechs Gepäckstücke – auf dem Band liegt. Sie kümmert sich um mich und ich mich um ihr Gepäck („Wir haben einander gefunden“, sagt sie.) Wir suchen unseren Schalter und checken gemeinsam nach Barnaul ein.
Das Flugzeug ist im Passagierraum sehr einfach eingerichtet. Es gibt nur schmale Ablagen über den Sitzen für Mäntel und Jacken; das Handgepäck – Luda hat zwei schwere Taschen – liegt zwischen den Füßen und man muss darüber hinweg turnen. Der Sitzabstand ist minimal, und mein Vordermann bedrängt mich mit seiner schräg gestellten Rückenlehne. Er räkelt sich weit greifend und unterhält sich lachend und schreiend mit seinem Nachbarn, der seinen vornehmen Hut, der gar nicht zu seinem wettergegerbten Gesicht mit Lachfalten passt, auch beim Essen aufbehält. Die Stewardessen sind jünger und hübscher als bei meinem ersten Binnenflug mit Aeroflot zu Sowjetzeiten, doch die Bedienung ist noch genauso unfreundlich. Mein Nachbar muss sich seinen Tee dreimal erbitten. Die Klapptischchen sind schief und geben den Gläsern und dem Tablett keinen Halt. Doch die Russen essen eifrig und geschickt alle Schüsselchen leer, und mein übrig gelassenes Wurstbrötchen findet auch noch einen Abnehmer. Die Durchsagen sind nur auf russisch, die Passagiere klatschen nach der guten und pünktlichen Landung Beifall und bedanken sich einzeln bei den „djewuschki“ (Mädchen).
Valerij und andere Sibirjaken aus dem Altai
Meine Freundinnen Margarita aus Bijsk und ihre Tochter Julija, die in Barnaul studiert, stehen am kleinen Flughafen von Barnaul und begrüßen mich herzlich. Sie waren schon zweimal bei uns in Deutschland. Sie geleiten mich zum Dshiguli (Lada) von Valerij, der aus Freundschaft Chauffeursdienste verrichtet. Zuerst laden wir Julija in ihrem Studentenwohnheim ab, die in aller Herrgottsfrühe aufgestanden ist. (Am „Tag der Befreiung“ schlafen die anderen noch). Dann fährt uns Valerij die 150 km nach Bijsk. Die breite, aber schlechte Straße ist heute morgen am Feiertag nur wenig befahren. Valerij brettert in hohem Tempo, oft nur mit einer Hand am Steuer, über die holprige Straße und zeigt auf alles, was er für interessant hält. Er ist äußerst munter und redefreudig und macht sich daran, mir auf der Fahrt die russischen Verhältnisse und insbesondere das Gouvernement Sibirien und die Altai-Region zu erklären. Er hält mir einen Vortrag über die hoffnungslose Lage der Menschen in Sibirien, die von Moskau, aber auch von einheimischen Gubernatoren ausgebeutet werden. Er macht einen Rundumschlag auf Perestroika, Glasnost´, Gorbatschov , Jel´zin und Putin und lobt die alten Zeiten unter Lenin und Stalin. Unsere Einwürfe zu Staatsterror und Gulag nimmt er kaum zur Kenntnis.
Dabei ist er sehr herzlich und deutschfreundlich. Er redet mich sofort mit „Gabriele“ an, was er oft und energisch wiederholt, wenn ich – übermüdet und sprachlich ein wenig überfordert – bei seinem Redeschwall etwas abtauchen möchte. Dabei lässt er den letzten Vokal weg. Er ist Geschäftsmann – etwas dubios – und Fußballtrainer. In seiner Militärzeit war er Soldat in Magdeburg in der DDR und hat sich in Trinkgelagen mit Deutschen verbrüdert und bei Trinkwetten einen Haufen Geld gewonnen. Von seinem deutschen Freund Otto trägt er ein Foto und ein altes Zehnmarkstück als Talisman immer bei sich. Er lacht gern und viel mit gesunden Zähnen in einem gebräunten Gesicht. Er ist eher hager und sportlich, trainiert den Bijsker Fußballclub und schwärmt für die Deutsche Nationalmannschaft (später werde ich ihm Mütze und Schal als Fan-Set schenken). Er möchte gern mit seiner Mannschaft in Deutschland Fußball spielen, aber seine Heimat würde er nie verlassen. Er ist ein begeisterter Berg-Altaier und wird mir auf einer späteren Fahrt auf dem Tschuiskij Trakt am Katun’ entlang voller Stolz jede Welle und Schwelle des herrlich wilden Bergflusses zeigen. Er hat in Gorno-Altaisk studiert und schwärmt von der Schönheit seines Landes. Die Landschaft ähnelt unseren Voralpen, sie ist lieblich und wellig, aber dramatisch bewegt durch den Katun’, der als abenteuerlicher Wildbach aus mehr als 4000 m Höhe herunterkommt. Er heißt auf altaisch „Wirtin“ und nimmt viele Nebenflüsse auf, zärtliche Töchter mit zärtlichen Namen wie Maima, Uma und Berezovka (Birklein), die die Mutter zahmer machen.
Valerij ist ein richtiger Naturbursche, der viel Freude an Blumen und idyllischen Plätzen hat. Immer wieder sucht er noch schönere Fotomotive für mich und überreicht jeder von uns einen Zweig von den herrlichen Frühlingsazaleen (bagulniki), als sie noch nicht ganze duftende Wälder bilden. Wo der Tschemal in den Katun’ mündet (was man an der Färbung deutlich sieht) findet Valerij ein einsames Plätzchen, wo wir die Füße in den eiskalten Fluss tauchen. Aber es hält ihn nicht lange am gleichen Platz, er schlägt mir eine kleine Kraxeltour vor, auf der wir Eidechsen und ein Murmeltier sehen. Auf der Rückfahrt (für die er seinen streikenden Dshiguli erst anschieben lassen muss) holt er Wasser von einer wundertätigen Quelle und kauft mir ein Amulett, von einem Holz, das in dem nahe gelegenen See wächst und wie eine Teufelskralle aussieht. Dann schwimmen wir noch im Aisnoje See bei Aja, wo von einer „turbasa“ (Touristenhotel) am Sandstrand viel Betrieb ist, aber Valerij treibt uns über die Klippen, wo das Wasser ganz klar ist und sich ein Fischschwarm tummelt. Es presst einem die Luft ab, so kalt ist der See, der noch vor kurzem eine dicke Eisschicht trug. Jetzt ist alles grün und voller Blüten, auch auf der „ Liebesinsel“ vor uns, die wir nur völlig unterkühlt erreichen würden. Die Altaier haben bunte Bänder an die Büsche und Bäume gehängt, um den Baumgeistern zu huldigen....
Der Frühling in Sibirien kommt nicht wie bei uns zögernd im März „mit mildem, belebendem Blick“, sondern bricht im Mai aus, explodiert, kulminiert zu hochsommerlichen Temperaturen Binnen wenigen Tagen sah ich den Schnee schmelzen, die Bäume grün werden, den Flieder blühen..... Und das Land und das Klima haben die Menschen geprägt, die Temperaturunterschiede von -4o bis +40 Grad aushalten müssen. 80 Grad – das ist auch der Prozentsatz eines guten selbst gebrannten Wodkas (samogon)!
Ein alter Berg-Altaier, der nach Wodka und Knoblauch riecht, hält einen großen Bund Bärlauch in der Hand und erzählt von seinem abenteuerlichen Leben. Er ist äußerst munter und stolz auf seine 78 Jahre, von denen er 31 im Gefängnis verbracht hat. Das war in der kommunistischen Zeit, wo er sich gewehrt hat, sesshaft zu werden. Wenn er nicht „im Turm“ saß, ist er in der Welt herumgezogen und hat sich mit allen Leuten verständigen können. Bärlauch ist übrigens in der Altaier Gegend sehr beliebt, man taucht die Stängel in Salz und isst sie als Appetizer (gern mit Wodka).
Auch die Kräuter des Bðerg-Altai werden gesucht und gesammelt (je höher, desto besser; manche steigen im Hubschrauber auf) und als Heilkräuter gegen fast alle Krankheiten verkauft. Man trinkt sie als Tee oder besser als Wodka- Absud, und der Berg-Altai-Balsam ist ein wohlschmeckendes und probates Schnäpslein, ein Geheimtip als „Suvenirka“. Bei den Männern sind die Geweihe der Maralhirsche begehrt, aus denen Pantokrin, ein Aphrodisiakum und Verjüngungsmittel, gewonnen wird.
Die Männer hier könnten aus den Büchern und Filmen Vasilij Schukschins stammen, der in Srostki, einem kleinen Dorf im Berg-Altai, geboren und aufgewachsen ist. Valerij und der Alte erinnern mich ein wenig an „Kalina Krasnaja“ und den Helden der Filmerzählung Jegor Prokudina, der mit den Birken, seinen Freundinnen, spricht und sie umarmt, als er aus dem Gefängnis, dem Turm, kommt. Vasilij Schukschin wird in ganz Russland verehrt und seine Anhänger kommen alle Jahre im Juli nach Srostki, um seiner mit Lesungen, Filmen und Rezitationen zu gedenken.
Srostki liegt am Tschuiskij Trakt, einer ziemlich guten, breiten Straße, die den ganzen Altai durchquert und die nach über 600 km in die Mongolei führt. Bijsker Kaufleute hatten sie schon im 19.Jahrhundert als Handelsweg angelegt und die Sowjets haben sie in den 2oer Jahren des vorigen Jahrhunderts aus strategischen Gründen ausgebaut. Sie ist wenig befahren, man sieht öfter Pferdewagen und auch mal Kühe, aber sie ist die einzige Straße für Touristen, die in den Hochaltai wollen, und mongolische Händler kommen auf ihr zu den Basaren in Bijsk.
Von der anderen Seite des Altai hört und liest man jetzt von einem großen Dichter und Schamanen, Galsan Tschinag, der seinen von den Kommunisten zwangsweise umgesiedelten Nomadenstamm der Tuwas wieder aus der Zentralmongolei in den Altai zurückgeführt hat. Fast 2000 km führte er die Karawane aus 150 Tuwinern, 130 Kamelen und Tausenden von Schafen und Hunden durch die Wüste, Steppe und Berge in die alte Heimat. Das mosaische Projekt hat er durch seine Bücher (übrigens in deutscher Sprache) und ein Reisebüro finanziert. Von den Männern hält Tschinag nicht viel, sie seien stinkfaul und saufen, aber die Frauen werden es schaffen, den Stamm wieder im Altai heimisch zu machen.
77 km hinter Bijsk beginnt die autonome Republik Altai, deren Hauptstadt Gorno-Altaisk (Berg-Altai) ist. Hier wird die Landschaft schon wilder, die Berge steigen bis auf 4500 m am Belucha, dem Weißen Berg. Dort am Geblergletscher entspringt der Katun’, der als der wildeste und schwierigste Strom Sibiriens gilt und von Wildwasserfahrern sehr geschätzt wird. Es gibt Leute, die sich vom Hubschrauber an die Quelle des Katun’bringen lassen (sonst ist kein Zugang) und die 688 km in einer abenteuerlichen Bootstour bis nach Bijsk fahren, wo sich der Katun’ mit der Bija (ebenfalls aus dem Hochaltai) zum großen Strom Ob vereinigt. Der Unterlauf des Katun’ ist weniger gefährlich, aber immer noch in herrlicher Landschaft, die wir genießen. Vor allem an den Einmündungen der Nebenflüsse sind wunderschöne Badeplätze, wo man die verschiedenen Farben der Flüsse deutlich sieht. Der Katun’ ist übrigens berühmt für seine Farben, die jetzt im Frühjahr nach der Schneeschmelze braungrün sind. Im Sommer wird er dann ganz blau oder grün, was sich im Herbst zu einem wundervollen Türkis mischt. Dann ist er sehr klar, und man kann die Steine am Grund sehen. Die Herbstfarben sollen unglaublich intensiv sein. Das möchte ich sehen, und ich binde ein türkisfarbenes Band an einen Busch, für die Baumgeister.
Der 9. Mai – der 59.Tag des Sieges in Bijsk
Wir gehen in die Stadt, um etwas von den Feierlichkeiten zum 59.Jahrestag des Sieges über die Deutschen im 2. Weltkrieg zu sehen. Das Grau der weit gestreckten Industriestadt ist aber nur selten von einigen künstlichen Blumen an Ehrenmalen aufgehellt. In der Innenstadt sehen wir ein großes, üppig geschmücktes Kriegerdenkmal , dramatisch bewegt in sowjetischer Manier, und das Ewige Feuer. Die Namen der gefallenen Bijsker sind in lange Steintafeln gemeißelt und einzelne Blumen zeigen persönliches Gedenken. Schulklassen und Kindergartengruppen werden von fürsorglichen Lehrerinnen an das Kriegerdenkmal geführt. Blau-weiß-rote Fahnen flattern im kalten Wind. 80 Bataillone aus dem Altai, eine ganze sibirische Armee wurde gebildet, die bis kurz vor Berlin kam. Vom Reichstag hat man ein Türschloss erbeutet und im Städtischen Museum ausgestellt. Das andere Teil dazu ist in St. Petersburg zu sehen.
Um 10 Uhr war eine Zeremonie mit Reden, Veteranen und Umzug, jetzt stehen die Leute, meist junge, mit Bier- und Wodkaflaschen auf den Plätzen und am Ufer der breiten Bija. Es kann ein langes Gelage werden, denn die Regierung ist so fair, gesetzliche Feiertage, die wie dieses Jahr auf einen Samstag oder einen Sonntag fallen, noch auf denMontag auszudehnen. Viele Menschen gehen auf den Friedhof, um der Gefallenen, und ganz allgemein, der Toten zu gedenken. Meist sind die Maitage schon heiß, und die Leute nutzen die patriotischen Festtage zur Gartenarbeit. Vom 1.–3. Mai hat sich schon mancher einen Sonnenbrand beim Vorbereiten der Saat geholt, jetzt ist es noch einmal kalt geworden, aber in einigen Tagen wird der sibirische Frühling Rekordtemperaturen bis 38 Grad bieten.
Die Stadt Bijsk wurde 1709 von Peter dem Großen als Festung gegen die Dschungaren und Mongolen an strategisch wichtiger Stelle gegründet., wo die Bija mit dem Katun’ zum Ob zusammenfließt. Von der einstigen Anlage ist nur noch ein Stein geblieben, auf den man eine Kanone gestellt hat. Eine mächtige Brücke – heute mit bunten Fahnen geschmückt - verbindet die beiden Teile der Stadt. Es gibt noch eine Pontonbrücke, und in neuester Zeit ist eine große Brücke für den Schwerlastverkehr hinzugekommen.
Meine Freundin Margarita weiß viel über ihre Heimatstadt und zeigt mir in der Altstadt schöne, renovierte Gebäude – die Pädagogische Hochschule, einen mit Türmen und Säulen verzierten Kaufmannspalast im Russischen Stil, die Uspenskij–Kathedrale, deren schöne blaue Türme seit neuestem in silbriger Aluminiumfarbe angestrichen sind, das Dramen-Theater, das Blanchi–Museum.-
Russlanddeutsche – Deutsch-Russen in Bijsk
Ich wurde zur Abschiedsfeier eines deutschen Sprachkurses für Russlanddeutsche eingeladen, den die GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) finanziert. Meine Freundin Margarita gibt ihn am Liceum, wo sie früher als Lehrerin arbeitete. Jetzt hat sie große Probleme mit dem Direktor, der sie und ihr „Zentrum für deutsche Sprache“ herausekeln möchte. Diese „Zentren“ arbeiten sehr effektiv mit Russlanddeutschen (meist Frauen), Kindern und russischen Schülern. Sie veranstalten Sprachlager und zeigen und verleihen deutsche Filme, Zeitungen und Bücher. Ich schaue mir Fotoalben von solchen Lagern an, lese Schüler- und Zeitungsberichte und bekomme einen sehr guten Eindruck. Ich lerne Margaritas sehr kultivierte, freundliche Mitarbeiterin Olga kennen, und wir fallen uns in die Arme, als wir feststellen, dass wir beide in Halle an der Saale geboren sind. Ihr Vater war dort in der sowjetischen Armee. Sie lernt auch Deutsch im Zentrum. Inzwischen haben die Frauen einen üppigen Tisch gedeckt mit selbstgebackenem Kuchen, Torten und Konfekt, mit Tassen, Tellern und Gläser verschiedenster Herkunft und gießen jedem etwas Wein ein, um auf ihre Lehrerin und mich, den deutschen Gast, und die deutsch – russische Freundschaft anzustoßen. Es sind meist ältere Frauen, außer einem jungen Mädchen, Ljudmila, von der pädagogischen Hochschule. Es sind alle gekommen, auch aus früheren Kursen, und es kommt auch noch ein Mann, Sergej, der neben 2 Flaschen auch seine Gitarre mitgebracht hat.. Es wird sehr lustig, wir singen deutsche und russische Lieder, auch pädagogische Texte werden begeistert vom Blatt gesungen. Olga gibt den Ton an, legt Kassetten ein und wiegt sich in den breiten Hüften. Aber es werden auch viele ernste Fragen über Deutschland gestellt, vor allem, was das Leben der Übersiedler in Deutschland betrifft. Ich kann ihnen nicht nur Gutes berichten, es gibt ja auch viel Enttäuschungen, Eingewöhnungsprobleme und Kriminalität unter den Russlanddeutschen. Ich erzähle ihnen von meinen Schülern und deren Eltern, die aus Russland und der Ukraine kamen und meist erfolgreich waren, und warne, junge Leute ohne Motivation und Deutschkenntnisse mit nach Deutschland zu nehmen. Es ist bestimmt besser, hier in Sibirien die Russen deutscher Abstammung zu unterstützen, was ja jetzt auch die offizielle Politik ist. Aber die Leute wollen fast alle weg, vor allem die, die Verwandte in Deutschland haben. Helena ist mit zwei Kindern allein zurückgeblieben, sie hat jetzt die Ausreise bewilligt bekommen und ist glücklich, aber ob es die Kinder schaffen? Die Tochter Sveta ist am Liceum in der letzten Klasse und spricht recht gut Deutsch, sie wird mich mit ihrer Freundin Lena durch die Stadt begleiten. Der Sohn spricht kaum Deutsch und will zur Bundeswehr.
Die Stimmung ist aber trotzdem großartig, die Frauen lachen, singen und schunkeln und fragen mich, ob wir in Deutschland auch so fröhlich feiern. Leider fällt ein Wermutstropfen in das schöne Fest: Der Direktor nimmt es als Anlass, Margarita ein weiteres Vergehen anzulasten. Sie hätte es ihm melden müssen und er spricht von Saufgelage. Das ist so ungerecht, dass alle empört sind. Aber er herrscht über die Schule und alle fürchten ihn. Margarita ist wohl eine der Wenigen, die ihm mal Contra geben und das nimmt er ihr übel. Ihr deutsches Zentrum bringt dem Liceum vieleVorteile, es arbeitet mit deutschen Hilfsmitteln und das Zentrum nimmt auch Liceisten in die Kurse und Lager auf.
Das Liceum in Bijsk
Es ist eine Riesenschule, die wie ein Unternehmen organisiert ist. Der jetzige Direktor – schon im Rentenalter – kommt aus einem militärischen Forschungsinstitut und hat keinerlei pädagogische Ausbildung. Er hat wohl auch an der Schule schon einiges kaputt gemacht. Das Liceum hatte vor ihm einen guten Ruf, war unter den ersten hundert Schulen in Russland an 20.Stelle, hatte strenge Aufnahmeprüfungen in die 2. und in die 8. Klasse und nur die Besten wurden zugelassen. Jetzt können die Eltern durch einen größeren Geldbetrag, der in eine schwarze Kasse wandert, einen Platz für ihr Kind kaufen. Dementsprechend sind Disziplin, Fleiß und die Ergebnisse zurückgegangen. Das Liceum steht in der Tradition des berühmten Zarskoje Sjelo, an dem Puschkin studierte. Es hat kleine Klassen und große Angebote an Fächern, Kursen, Neigungsgruppen, und die Räume dazu. Ein Liceist aus der 8. Klasse, Leonid Kuligin, ein hochintelligentes Kerlchen, war vor 7 Jahren bei uns am Gymnasium, arbeitete in Mathematik an Aufgaben für das 9. u. 10 Schuljahr und stellte in einem Artikel in unserer Schulzeitung „Prokant“ seiner Schule ein sehr gutes Zeugnis aus: es sei interessanter, dort zu lernen, obwohl es viel mehr Unterrichtsstunden gibt und auch am Nachmittag unterrichtet wird. Neben 17 Wochenstunden Mathematik (Geometrie, Arithmetik, Trigonometrie, Algebra) gibt es Technisches Zeichnen, Literatur, Anatomie, Instrumentalmusik, Klassenlehrerstunde und eine Menge Arbeitsgemeinschaften, von denen jeder Schüler 3 wählen muss. Die Schule hat einen großen Theatersaal, an dem manchmal an einem Tag mehrere Veranstaltungen und Proben sind, auf denen die Theater- Tanz- und Kleinkunst AG´s, aber auch die Klassen anderen Schülern vorführen, was sie erarbeitet haben. Ich habe ein Konzert verschiedener Gruppen aus den mittleren Klassen gehört, ganz schmissig, das in der Mittagspause um 13 Uhr vorgetragen wurde, und eine Probe des deutschsprachigen Jugendclubs „Clique“, die für einen Wettbewerb beim deutsch-russischen Festival in Slavgorod übten. Die Lehrer setzen sich enorm für diese Vorführungen ein und auch die Schüler sind mit Begeisterung dabei. Die Deutschlehrerin hat die Texte gemacht, der Musiklehrer begleitet mit viel Verstärkung, die Kinder singen und tanzen und machen die Ansagen in sehr schönem Deutsch – erst nach 1 Jahr Unterricht. Sie entwerfen und nähen ihre Kostüme selbst, bringen sich munter auf der Bühne ein und dürfen auch mitreden. Sie werden – wie schon so häufig – den 1. Preis erringen.
Die Klassen sind klein, 15 – 20 Schüler, auch noch weniger, der Direktor herrscht über sie und über 230 Leute Personal, zu dem neben den Lehrern auch Pförtner, Garderobenfrauen, Putzfrauen und technisches Personal gehören. Das 2. Frühstück und das Mittagessen werden von außerhalb geliefert. Die Schüler haben 7 – 10 Stunden (zu 40 Minuten) Unterricht, dazwischen 6 Pausen von 15 Minuten. Oft kommen sie erst um 17 Uhr aus dem Liceum und müssen dann noch Hausaufgaben machen.
Wohnen in Bijsk
Das ist für den Mitteleuropäer ein Schock: E gibt fast nur hohe Mietshäuser mit mehreren Eingängen, die Außenanlagen sind unordentlich, verschmutzt und fast alles, was mal aufgestellt wurde, Bänke, Geräte am Spielplatz, ist kaputt. Der Müllschlucker öffnet sich vor dem Haus und stinkt vor sich hin. Trotzdem halten sich die Leute gern draußen auf, die Rentner plaudern und kritisieren die Mitbewohner oder Besucher, Kinder und junge Leute versammeln sich hier und grüßen meist freundlich. Geht man in die Häuser hinein, wird es ganz schlimm: Mn muss mehrere eiserne Türen auf- und zuschließen, die Briefkästen hängen schief und unverschlossen einfarbig in langen Reihen, der Lift ist ebenfalls schmal und schief und sieht wenig vertrauenerweckend aus. Es gibt 9 Etagen, die Treppe ist völlig unbegehbar. Im ganzen Haus herrscht ein strenger Geruch. Die einzelnen Wohnungen sind oft privatisiert, aber werden vom Hausverwalter streng kontrolliert und reglementiert. So müssen die Mieter Abgaben für Reparaturen zahlen, die nicht stattfinden. Wegen Einbruch und Diebstahl mussten die Wohnungsinhaber eine 2. eiserne Tür, wie ein Tresor, anschaffen. Im Mai gibt es für 14 Tage kein warmes Wasser und das kalte scheint vom Gletscher zu kommen. Das war immer so und wird hingenommen. Die Heizungsanlage wird nachgesehen und – wenn nötig – repariert. Die Wohnungen sind klein und eng, aber werden sauber gehalten und gepflegt. Alle Besucher - auch offizielle – ziehen selbstverständlich ihre Schuhe aus, was ja wohl bei dem Dreck draußen auch richtig ist. Ich brauchte eine Zeitlang, mich daran zu gewöhnen, was die Hausfrau in Margarita sicher genervt hat.
Das winzige Bad und die Toilette sind für eine Person schon eng. Wie mag das bei einer vierköpfigen Familie sein? Für die Wäsche gibt es kaum Trockenmöglichkeiten. Bei Margarita steht ein Garderobenständer im Flur, an dem sie – ein logistisches Meisterstück – den Inhalt einer ganzen Waschmaschine trocknet. Bei ihren Eltern in einer winzigen Pensionärswohnung tut es eine Wäscheleine im Flur. (Ich muss an Ludas Wäschetrockner aus Deutschland denken). Hier ist auch die Küche noch viel kleiner, auf dem Klo gibt es keine Wasserspülung, im Schlafzimmer steht der große Kühlschrank, in dem die eingekochten Gartenfrüchte, Letscho und Kwas, aufbewahrt werden. Sinaida, Margaritas Stiefmutter (matschercha), bereitet uns aus ihren Vorräten eine wohlschmeckende kalte Suppe (Okroschka), zu der sie uns noch tüchtig (3 Löffel) Smetana (Sahne) aufnötigt, und so schmeckt sie wirklich gut. Sie bringt auch selbstgemachtes Kompott (Varenje) aus Himbeeren und Johannisbeeren und freut sich, dass es mir schmeckt. Sie bekommen als „Veteranin“ eine Ermäßigung der Miete, aber ihre Rente ist klein, und der Garten hilft ihnen überleben.
Frauen in Bijsk
Sibirische Frauen sind Russinnen, vielleicht noch etwas selbstbewusster und stärker, hart und geduldig im Ertragen von Schwierigkeiten und Leiden, viele sind schick und gepflegt trotz problematischer sanitärer Anlagen. Fast alle arbeiten, viele haben lange Jahre in ihre Ausbildung gesteckt und sind nicht gewillt, sich nur mit dem Haushalt und Kindern zufrieden zu geben. Beim geringen Verdienst und Arbeitswillen ihrer Männer haben sie auch gar keine andere Wahl. Viele ernähren sich und ihre Kinder allein, ihre Männer haben sie hinausgeworfen, bzw. sich scheiden lassen, weil ein saufender Faulpelz nur ein Klotz am Bein ist. Sie suchen aber immer wieder – unverdrossen – nach dem richtigen Mann, auch im Internet. Von der Liebe halten sie sehr viel, und auf sie geht jeder 3. Wodka-Toast (für die Frauen meist der letzte, nicht für die Männer!). Trotz finanzieller Probleme kleiden und pflegen sich die sibirischen Frauen mit Schick und Geschmack. Die jüngeren und ganz jungen stöckeln auf hohen Absätzen über die kaputten Straßen und staubigen Fußwege, die Beine sind fast in ihrer ganzen Länge vom Minirock bis zum Stöckelschuh Blickfang. Auch ihre kleinen Kinder, vor allem die Mädchen, ziehen sie entzückend an. Dabei muß für jedes Kleidungsstück monatelang gespart werden. In der Zeit sehen sie sich in den Geschäften um, wo auch Nichtkäufer sehr zuvorkommend und kompetent behandelt werden, und informieren sich über Preis und Qualität, Passform und Stil, dass sie dann, wenn sie die Rubel zusammenhaben, wirklich das Beste kaufen.
Die Figuren sind oft zerbrechlich, nicht aber die Energie. Die Älteren sind meist unförmig, stecken in einfachsten Kleidern oder Kittelschürzen, strahlen aber viel Wärme aus. Sie wirken älter als ihre westeuropäischen Altersgenossinnen, aber sie leisten oft noch viel: als Babuschka ihrer Enkel, im Garten, um für den Speiseplan beizusteuern, noch im Beruf oder an ihren kleinen Verkaufsständen, um die Rente aufzubessern. Diese harte Arbeit zehrt an der Gesundheit und Lebenserwartung: sie werden nicht sehr alt, oft sterben sie plötzlich, wie eine der jüngsten und fröhlichsten Kursteilnehmerinnen, die von der Gartenarbeit gebräunt, aber eben auch überanstrengt, 3 Tage nach dem gemeinsamen Fest unerwartet gestorben ist.
Rente und Gehälter der Frauen sind meist sehr niedrig, niedriger als die der Männer, trotz der langen Gleichberechtigung vor dem Gesetz. Die in Russland typischen Frauenberufe (Lehrer, Arzt, Verkäufer) werden schlecht bezahlt (2000 biss 3000 Rubel monatlich = 56 biss 84 Euro), besser bezahlte Stellen wie Direktor und Verkaufsleiter haben die Männer inne.
Margarita (46) hat als erfahrene Lehrerin an einem hochqualifizierten Liceum nach einer lange versprochenen Gehaltserhöhung 2 800 Rubel = 80 Euro verdient. Da ihr das nicht reichte - sie erzieht ihre Tochter allein, die in Barnaul studiert - hat sie noch Kurse und Sprachlager am Zentrum für deutsche Sprache und Kultur übernommen und leitet sie mit großem Zeit- und Kraftaufwand und sehr gutem Erfolg. Das hat ihr wiederum die Feindschaft ihres Direktors eingetragen, der sie so schikaniert hat, dass sie den Schuldienst bei ihm kündigte.
Das Gehalt der Lehrer wurde übrigens vor einigen Jahren monatelang ausgesetzt, sie bekamen es später in Naturalien (Wodka!). Margarita bekam für 11 Monate Unterricht und 2 Dienstreisen 22 Kästen à 20 Flaschen Wodka, die sie entweder saufen oder verkaufen konnte.
Faina (53) hat ihre beiden Männer hinausgeworfen, bzw. verlassen und wohnt bei ihrer 26jährigen Tochter Irina, die nach einem langen Designerstudium auch nur 2000 Rubel verdient Faina arbeitet als Tagesmutter und Haushaltshilfe in einer reichen Familie, dazu betreut sie nachts eine alte Frau, bei der sie schläft. Ihre drei Mädchen sind ihr großes Glück. Neben Irina, der Designerin, hat sie noch eine ältere Tochter, die in Deutschland verheiratet ist und ihnen vieles schickt. Die jüngste, Luda (20), sehr hübsch und apart, ist Friseuse und Mutters Liebling.
Faina geht trotz ihrer vielen Arbeit zu Deutschkursen, leiht Bücher und Zeitschriften aus und ist mit ihrer fröhlichen Art der Motor des Kurses. Sie hat mich und meine russische Freundin zu Blini mit Kondensmilch und Nüssen und selbstgemachtem Sanddornsaft eingeladen und bemüht sich eifrig und herzlich, ihr Deutsch anzuwenden. Dabei wird viel gelacht.
Lena und Sveta (16 und 17 Jahre) sind in der letzten (11. Klasse). Sie stehen kurz vor dem Abitur, schleppen schon ihre Abitursklassenalben mit sich herum, haben bis weit in den Mittag hinein Unterricht mit Kontrollarbeiten, lassen es sich aber nicht nehmen, mich in ihrer Stadt herumzuführen, um ihr Deutsch zu üben. Das ist schon recht gut, vor allem bei Lena, die auch deutsche Sprache und Literatur studieren will. Sie war schon in Deutschland bei ihrem Bruder und hat auch einen deutschen Freund, “einen guten Jungen“. Es ist ein Student in Heidelberg, mit dem sie sich per e-mail schreibt. Sie möchte gerne in eine deutsche Familie, am liebsten in Deutschland studieren. Sie ist lustig und lebhaft, ein wenig kokett, beide sind ziemlich klein und sehen sehr jung aus, vor allem Sveta, die sehr lieb und schüchtern ist, aber recht intelligent zu sein scheint. Sie will nach dem Abitur arbeiten, wobei die Chance, etwas zu finden, das einigermaßen bezahlt wird, sehr gering ist. Sie will mit ihrer Familie bald nach Deutschland fahren, als Deutsch- Russen ist ihnen ist die Aussiedlung genehmigt worden. Sie möchte in Deutschland das Gymnasium weiter besuchen, aber ihr fehlt eine Fremdsprache. Ich rate ihr, nach dem Abitur unbedingt Englisch zu lernen. Die Mädchen sind sehr umsichtig, kennen sich in ihrer Stadt gut aus, lotsen mich in die Busse und Straßenbahnen, die äußerst unübersichtlich sind und nutzen die Gelegenheit, viel auf deutsch zu fragen und zu erzählen. Sie sind einfach, aber gut gekleidet, freuen sich, wenn ich sie zu einem Getränk einlade, füllen aber auch die Flasche an einer Wassertankstelle an der Straße, wo wir uns anschließend die in der Hitze glühenden Gesichter und Arme kühlen.
Sibirien – Sib–ir -„das schlafende Land“ ist jung und wach und aufgeweckt, das Eis ist geschmolzen und der sibirische Frühling lässt die Farben und Düfte und Hoffnungen blühen. Vsjevo dobrovo, Sibir`! Do svidanija! (Alles Gute, Sibirien! Auf Wiedersehen!).
Kommentare
wolfgang@winkler-jena.de schrieb am 2007-12-29 18:33:36:
Ich finde den Beitrag recht informativ, da ich erst anfange, mich mit dem Thema Sibirien-Bijsk-Altai zu beschäftigen. Ich fahre im Sommer 2008 zur Sonnenfinsternis mit mehreren Freunden in den Altai. Jetzt möchte ich natürlich noch mehr über das Land erfahren. Das Buch von Galsan Tschinag `Der Altai` habe ich mir bereits besorgt und angefangen zu lesen.
Ich würde noch mehr über die Russlanddeutschen wissen und ev. Kontakte haben. Vielleicht kann mir da jemand weiterhelfen?
Kati schrieb am 2006-04-24 16:26:38:
Ich fänd des doll !!
Iskariot schrieb am 2006-02-16 09:34:17:
KUrz heisst nicht das sie nicht nen bissi länger sein können! Wems zu lang ist hat Pech!!
alexandra.filz@aon.at schrieb:
ist sehr kurz
hm schrieb:
aha, das sind also Kurzgeschichten?
baerle_05@hotmail.com schrieb:
Hallo
Viel zu lang!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Mfg Leserin
katrin schrieb:
etwas...lang geraten, aber sonst ok!
rey schrieb:
das ist zu lang soll das kurz geschichten sein
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