Sie friert
von
sina franke
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Sie friert.
Die eiserne Kälte schleicht sich unter ihre Kleider und nimmt ihr den Atem. Kein Schrei entflieht ihren Lippen. Kein Stöhnen. Nichts...
Schützend hält sie die Arme um ihn geschlungen. So zerbrechlich liegt er da, der warme Körper noch ganz feucht. Tränen rinnen ihren Augen hinab. Tränen, die sie in alle Ewigkeit weinen würde. Und es scheint, die Tränen würden auf ihren Wangen gefrieren. Eiserne Tränen.
Die Röcke gerafft rennt sie los, über die vereisten Straßen und findet sich wider an einem großen, hölzernen Tor.
Warm verpackt, in einem winzigen Körbchen, legt sie ihn verängstigt nieder. Ein leichter Kuss schwebt in der kalten Luft und trägt ihn davon. Seine blauen Augen schauen sie verständnislos an, er lächelt.
Sie zögert, die Kälte nagt an ihren Gedanken. Doch dann läutet sie
und rennt.
Den Klang der Glocke vergisst sie nie.
Wie gelähmt kommt sie nach Hause und weint verbitterte Tränen. Tränen, die sie in alle Ewigkeit verfolgen würden.
Die Nacht ist kalt und sie friert trotz der warmen Daunendecke. Ihre Gedanken schweifen ab. Zu ihm. Ob sie ihn wohl aufgenommen haben? Ist es dort warm? Weint oder lacht er? Wird er sie vermissen? Wird sie ihn jemals in die Arme schließen können. Richtig in die Arme schließen, ohne dass jemand sie verachtet?
Und sie bittet, nein sie fleht er möge ihr doch verzeihen, auch wenn sie sich niemals wieder sehen werden.
Sie wollte ihm doch nur ein angenehmes Leben ermöglichen, dass in ihrer Lage nicht geht. Ihre Eltern würden sie verabscheuen und verdammen. Sie würden sie wegschicken und sie würde in großer Schuld leben.
Ihr Leben lang!
Deswegen vertraut sie niemandem ihr Geheimnis an. Niemand würde sie verstehen.
Jede Nacht weint sie sich in den ersehnten Schlaf. In den Schlaf, in den sie flüchtet. Und vielleicht ein wenig von ihm und seinen blauen Augen träumen kann. Sie liebt ihn so sehr.
Jede Nacht weint sie um ihren verlorenen Sohn. Seine blauen Augen haben sie durchdringlich gemustert. Sie verfolgen sie im Schlaf und sie hört ihn nachts nach ihr rufen. Sie kann sich nicht verzeihen. Ist jede Nacht wie gelähmt, wenn die unterdrückten Gedanken wieder ans Licht treten und den dunklen Schlafraum erhellen. Die Wände engen sie ein. Sie kann nicht mehr atmen. Alles hört auf zu leben.
Alles hatte sie verloren. Niemand versteht warum sie so verschlossen ist. Keiner ist da, dem sie vertrauen könnte. Der Vater des Kindes, den sie liebte, doch nicht genug, um ihn zu bitten zu bleiben, hat sie verloren. Er war noch nicht reif genug, wie er sagte, hatte sich eine andere geschnappt und war gegangen. Nicht um ihn weinte sie, sondern um die Familie, die sie nie haben sollte.
Sie fühlte ich jede Nacht wie tot geboren.
Die Zeit vergeht in großen, unübersichtlichen Schritten und mit jeder neunen Nacht stirbt sie immer mehr. Und ihr Mann, der sie vergöttert, weiß von ihrem Geheimnis und trotzdem liebt er sie von ganzem Herzen. Doch dass sie ihm nie ein eigenes Kind schenkte, verzeiht er ihr nie und doch kann er sie verstehen.
Jede Nacht hört er sie im Schlaf weinen. Und immer wieder hält er sie in seinen starken Armen und tröstet sie.
Ihre Augen werden mit der Zeit müder, ihr Gang schwerer und sie kann sich an nichts anderes aus ihrem Leben entsinnen, was nicht mit der Trauer um ihr Baby zu tun hätte. Er hatte ihr ganzes Leben bestimmt, obwohl er nie richtig da war. Sie hatte ihn doch gleich hinfort gegeben. Doch den Abschiedskuss, die Wärme in der bitteren Kälte, spürt sie immer noch, seine strahlenden Augen durchdringen noch immer ihre Gedanken wie ein Blitzschlag, immer noch kann sie sie sehen, obwohl sie ihr eigenes Augenlicht schon vor langer Zeit verloren hat.
Die runzeligen Hände streichen über die Tischplatte und sie wartet auf ihren Mann, der gleich kommen und ihr Essen machen würde. Er war ein guter Mann, hatte immer zu ihr gehalten und ihr geholfen, als das Alter blitzschnell zu schlug und sie keine Kraft mehr für das Leben hatte. Als sie anfing im Dunklen zu leben.
Sie hatte mit ihrer Entscheidung ihr Kind wegzugeben, aufgehört zu leben und sie würde sich ein Leben lang dafür verachten und hassen.
Ihre Augen waren mit der Zeit älter geworden und die Tränen versiegten, doch der stechende Schmerz in der Brust, die Erinnerung an die eisernen Tränen, vergaß sie nicht. Sie würde sie niemals vergessen.
Unbeholfen schleicht sie zum Schrank und holt sich einen Becher, die Sonne scheint und es ist warm, doch die Sonne sieht sie nicht.
Bald wird sie gehen, und mit ihr werden ihre Träume und Gedanken aufhören und das Wissen über den verlorenen Sohn wird schwinden. Sie hat angst davor zu sterben und doch ist sie darauf vorbereite.
Die Tür geht auf und ihr Mann erscheint.
Eine wollige wärme umgibt sie. Er würde bei ihr sein. Bei ihrem letzen und wahrscheinlich schwierigsten Gang. Dann würden alle Wunden geheilt sein und weder Leid noch Hass wird mehr sein. Und dann spürt sie diese Hände, die nicht ihrem Mann gehören.
Die alten Augen fangen an zu tränen. Ganz langsam, als ob ein schon lang versiegter Fluss wieder anfängt zu fließen. Denn er ist da. Mit ihrem Gesicht.
Seine blauen Augen mustern sie feucht. Ihr Herz droht zu zerspringen. Denn er ist da. Er. „Mutter“ Hört sie eine leise, kräftige Stimme sagen. Die blinden Augen auf ihn gerichtet, steht sie auf, schwankt zu ihm und lässt sich in seine Arme fallen.
„Bitte, mein Sohn, vergib mir. Du musst verstehen.“
Sie zittert am ganzen Körper, die Kälte hat sie eingefangen und versucht sie zu stürzen.
„Ich vergebe dir und trotzdem kann ich nicht verstehen.“
Eine Nacht der Freude und der Trauer beginnt. Die Freude, weil sie sich wieder fanden, die Trauer, weil sie nicht mehr lange zusammen sein konnten. Ihr Mann hatte nach David, wie er getauft wurde, gesucht und ihn gefunden. Sie war ihm dankbar dafür, weil er sie nicht ohne Erlösung sterben lassen wollte.
„Junge, jetzt haben wir uns gefunden und ich werde gehen. Jetzt darf ich in aller Ruhe und mit deinem Segen davon scheiden.“
„Mutter, nein, bitte, jetzt doch nicht, jetzt da wir uns nun endlich, nach so vielen Jahren gefunden haben. Meine Kinder sollen dich kenne lernen. Sie sollen wissen, welches Gesicht ich bekommen habe.“
Ein Kuss berührt ihre kalten Wangen und er hält sie schützend in seinen Armen. So zerbrechlich liegt die kleine Frauengestalt da und verbitterte Tränen laufen seinen Wangen hinab, Tränen die er so oft geweint hatte. Und er merkt, dass sie nicht mehr friert.
„Ich habe mein ganzes Leben nach dir gesucht und jetzt, da wir uns hätten vereinen könne, gehst du. Du lässt mich wieder einmal im Stich.“
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