Sie sieht nicht die Wolke
von
sina franke
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Riesige Tropfen fallen zu Boden. Die Wolken hängen schwarz und schwer am Himmel. Die Gullydeckel gurgeln und kein Mensch würde jetzt freiwillig aus dem Haus gehen. Sie steht vor dem Spiegel und macht sich zurecht.
Sie hat sich die Haare aufgedreht, wie er es so gerne an ihr sieht. Die Lippen haben ein leichtes Rosa angenommen und ihre Wangen strahlen vor Frische.
Die blauen Augen hat sie kunstvoll in schillernden Farben umhüllt und das Parfüm liegt süß und leicht im Zimmer.
Die Pralinenschachtel liegt auf ihrem Bett und wartet darauf eingepackt zu werden. Die Blumen stehen schon in der Vase bereit.
Heute ist sein 22 Geburtstag und sie will ihn so schön wie möglich gestalten. Schade nur, dass das Wetter heute nicht mitspielt. Sie hätte sich so ein schönes Wetter für ihn gewünscht. Vielleicht hat sie ja noch Glück und das Wetter schlägt um.
Die Fingernägel sind in einem zarten Creme gefasst und ihre Beine stecken in einem kurzem Röckchen. Er liebt es, wenn sie ihre schönen langen, sonnegebräunten Beine zeigt. Er ist zwar immer ein bisschen eifersüchtig, doch ihre Schönheit macht ihn so unendlich stolz. Und sie weiß genau, sie wird niemals einen anderen lieben. Er ist alles, was sie wollte. Sein geschmeidiges Profil, sein Funkeln in den hellen Augen, wenn er sie sieht und lächelt. Seine großen Hände, wenn er sie sanft berührt, und sie spürt, er liebt mich. Ich bin die einzige.
Sein geschmeidiger Körper, wenn er nur in Unterwäsche nach dem Duschen vor ihr steht und diese Vertrautheit, wenn sie gemeinsam einschlafen.
Die Nägel sind trocken und sie freut sich auf ihn. Ihr Herz bebt und ihre Hände zittern. Nach all den gemeinsamen Jahren bekommt sie immer noch kribbeln im Bauch wenn sie an ihn denkt.
Sie nimmt die Milkaherzen in die Hand und streicht behutsam drüber. Sie packt sie in durchsichtiges Geschenkpapier, damit sie nicht nass werden.
Ihre Augen leuchten, als sie sich aufs Fahrrad setzt und zu ihm fährt. Zu ihrem Jungen, zu dem Mann, den sie über alles liebt.
Der Regen kühlt ihre nackten Beine und ihr glühendes Gesicht. Die Blumen lassen durch den Druck des Regens ein wenig die Köpfe hängen.
Dann brechen die Wolken auf und die Hochsommersonne bahnt sich ihren Weg zu ihr frei. Sogleich erwärmen sich ihre Arme und Beine, ihre Klamotten fühlen sich nicht mehr so klamm an und sie fährt weiter auf der Landtrasse.
Ihr Fahrrad kommt zum stehen und sie kniet sich nieder auf die feuchte Erde. Sein Bild liegt dort im Gras und rote Kerzen erhellen das hölzerne Kreuz. Sie legt die Blumen nieder und schlägt die Augen auf. Die Pralinen liegen vor ihr.
„Alles Gute zum Geburtstag mein Schatz. Der zweite, den wir nun nicht mehr zusammen feiern können.“ Ihre Stimme versagt und Tränen fließen ihren Wangen hinab. Sie zittert vor innere Kälte, als sie das alte, wettergekerbte Kreuz berührt.
„Wenn du nicht so schnell gefahren wärst, würden wir gemeinsam feiern. Nicht hier, auf der feuchten Erde. Du könntest mich umarmen, wie du es immer getan hast. Würdest mir ins Ohr flüstern, wie lieb du mich hast. Alles habe ich mir gewünscht, für immer mit dir, doch du konntest es nicht lassen. Was hast du nun davon, schneller als Robert gewesen zu sein?“ Sie hört auf, will ihm keine Vorwürfe machen. Nicht er war der litt, nein sie war es, die das Leben verloren hatte. Sie war es, die es ertragen musste allein zu sein. Sie war es, die ihn immer lieben und doch nie mehr glücklich sein würde.
Sie legt die Blumen auf die Unfallstelle und ein neues Bild von ihr, auf dem sie sich gezwungen hatte für ihn zu lächeln. Sie war schön. Gott war sie schön.
Sie sieht nicht die Wolke, die sein zartes Profil für den Bruchteil einer Sekunde annimmt und ihr zu lächelt. Sie hört nicht den einsamen Vogel, der nur für sie das Lied des Lebens singt. Sie spürt nicht den Baum der unter ihr seine Wurzeln anspannt, um ihr halt zu geben, und doch spürt sie, dass er bei ihr ist und er sie niemals verlassen wird. So wie er es ihr geschworen hatte, in der Nacht bevor er verunglückte.
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Kommentare
Johannes Beck schrieb am 2009-03-28 17:35:44:
mh...
also an sich ist die Geschichte schon ganz gut, aber die Handlung verläuft zu schnell. Es wird einfach zu schnell klar, worum es geht und warum er tot ist. Auch wenn ich selbst meine Geschichten fast nie verbessere, hier würde ich es tun. Da steckt wesentlich (ja, NOCH MEHR) Potenzial drin.
Schon am Anfang könntest du mehr auf die Stimmung eines Sommergewitters eingehen. Hier hört sich das eher nach Winter oder zumindest Herbst an ("kein Mensch würde freiwillig aus dem Haus gehen").
Den Höhepunkt solltest du auch ausbauen. Steht sie einfach vor dem Kreuz am Straßenrand und rattert ihren Text herunter? Vielleicht sieht sie mal in die Ferne, wendet den Blick ab, stellt sich vor, wie es wäre, wenn er noch leben würde? Oder vielleicht kommen ihr Erinnerungen wieder in den Sinn und sie erlebt den Moment seines Todes (oder den, als sie davon erfuhr) nocheinmal?
...
Eine Fromulierung ist mir eingefallen, die du vielleicht ähnlich einbauen könntest:
"Er war gestorben, aber sie war es, die das Leben verloren hatte."
Naja, genug von mir, ist ja deine Geschichte. Und ich hab die Weisheit ja auch nicht mit
Löffeln gefuttert... ;-)
Lg jo
lisaa schrieb am 2009-01-12 21:30:08:
total schön, ich musste grad heulen=)
b.riehl86@gmx.de schrieb am 2008-09-02 14:01:37:
guten tag.
hmmm... ich weiß nicht so recht was ich dazu sagen soll. ist vllt dann das größte kompliment, das man von meiner seite erwarten darf... irgendwie. ;)
am anfang blumig- mädchenhaft, harmoniert mit der wendung am ende. die athmosphäre schlagt sanft um, allg recht ruhig, am ende kann man die unterdrückten tränen förmlich spüren.
und ich steh' definitiv auf mystizismen!
wenn ich einen vorschlag zur verbesserung gäbe, dann würde er lauten: vllt mehr mystizismen, schon vor dem ende. vllt ähnliche mystizismen, dann kannst du am ende darauf zurückgreifen und eine art "rahmen" bauen.
fazit: lässt mich immer noch nachdenklich zurück, aber ich denke, dass die geschichte genial ist, irgendwie.
weitermachen! :D
nachtmahr
Gimliy schrieb am 2008-08-02 16:02:45:
Ja, das ist echt eine schöne und sehr berührende Geschichte. Vor allem, das ist sooooooo überzeugend!
Ich freu mich schon auf weitere Geschichten von dir.
lg: Gimliy
Lilly schrieb am 2008-07-28 22:27:36:
Nur ein Satz: Atemberaubend schön und so traurig!
LG
Lilly
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