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Kategorien > Kurzgeschichte > Psychologie

Sie sucht ihr Glück

von Iva Schwarz

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Sie ist jeden Tag unterwegs, sie will sich zurechtfinden, sie sucht ihr Glück. Der Zug kommt an, sie steigt ein, sie steigt um, sie steigt aus, eine Stadt, eine Station, eine Haltestelle. Alle Bahnhöfe sehen gleich aus. Sie steigt aus, fährt eine Rolltreppe hoch, sieht eine Uhr, studiert einen Abfahrtsplan, hat noch Zeit, Latte Macchiato zu trinken, wartend auf ihren Zug. Im Lautsprecher sagt man ,,Gleis sieben“. Sie setzt sich ans Fenster, legt ihre Tasche auf einen Nebensitz, nimmt ihr Notizbuch und liest ihren Tagesplan schnell durch, es gibt heute nichts Besonderes: am Vormittag Arbeit im Archiv in München, am Nachmittag zwei Seminare in Augsburg, am Abend eine lange Fahrt nach Hause nach Regensburg und ein kaltes Abendessen in einer schönen Wohnung im Zentrum der Stadt. Sie öffnet die letzte Seite ihres Notizbuches, eine junge Frau ist auf einem Foto aus den 90-er. Sie erkennt sie kaum. Eine schlanke junge Frau mit großen, dunkelbraunen Augen, langen, schwarzseidenen Haaren, mit einem freundlichen Lächeln. Sie hat noch eine Zukunft, eine unerwartete und narbige Zukunft. Ihr fallen die Worte der Mutter nach: „Weine nicht! Diese Wunde ist nicht tödlich, sie wird bis zum Sommer ausgeheilt sein“. Sie erinnert sich an ihre erste Fahrt mit dem Zug von Görlitz nach Berlin und an ihren ersten Verlust. Sie hat ihre Vergangenheit hinter der Grenze gelassen, sie hat ihre Eltern, ihre Heimat, ihre Freunde in einem anderen Leben ohne Zukunft, mit Hoffnung auf Zurück gelassen. Sie ist weit von diesem Leben ohne Zukunft, sie macht ihre Zukunft selber, alles liegt in ihren Händen. Sie vergisst ihren Wohnort, wohnt in München und stellt sich wie eine Italienerin vor, ihr Äußeres ist ein fehlerloser Beweiß dafür. Sie studiert und findet nebenbei Jobs in irgendwelchen Kneipen, Cafes und Pizzerien. Sie kann sparen, sie kann arbeiten, sie kann viel und viele aushalten, sie will sich zurechtfinden. Ein junger Schweizer italienischer Herkunft macht ihr den Hof und sie heiratet ihn, an ihre Zukunft denkend. Jeden Morgen steht sie auf und deckt den Tisch zum Frühstück. Auf dem Tisch stehen zwei Teller, zwei Tassen, ein Glas Honig, eine Butterdose und eine Kaffeekanne. Das Frühstück dauert eine Ewigkeit! Schnell verlässt sie ihr Haus, geht zur Haltestelle, nimmt den Bus, fährt bis zum Bahnhof, steigt in den Zug ein und ist endlich unterwegs. Sie braucht die monotone Bewegung des Zuges, die sie beruhigt. Sie sieht durch das Fenster, die Regentropfen fallen aufs Glas und bilden gerade Linien, die ein Ende und einen Anfang haben. Morgen muss sie nach Berlin fahren, dort kriegt sie eine Praktikumstelle, sie hat davon so lange geträumt: von einer neuen Arbeit, von einer neuen Stadt, von einem neuen Leben, von neuen Eindrücken und von neuen Bekanntschaften. Sie wird dort ihr Glück finden, sie wird sich dort wohl zurechtfinden.

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