Silbermond und Schattenwolf
von
Jessica Kreisel
Langsam umkreisten sich die beiden Schwertkämpfer, der hochgewachsene, dunkelhaarige Mann trug einen Helm der sein Gesicht halb verbarg, er wirkte angespannt und fast aggressiv. Seine Gegnerin trug keinen Helm, ihr silberweißes Haar, das von feinen grünen Strähnen durchzogen war, fiel ihr offen über die Schultern, sie war fast so groß wie er, aber schmaler und bewegte sich mit fast tänzerischer Eleganz. Sie wirkte entspannt, beobachtete ihn auf eine Art, wie ein Erwachsener ein Kind betrachten würde, amüsiert, aber etwas überrascht. Er machte den ersten Schritt, rannte einfach ins Leere, sie versetzte ihm einen fast freundschaftlichen Stoß und er landete hart im Sand des Kampfplatzes. Er knurrte einen wüsten Fluch und sprang wieder auf. "Langsam," riet sie mit einer Stimme, die an das Plätschern eines Baches erinnerte, hell und klar war. Er ging erneut auf sie los, jetzt war er sehr wütend. Diesmal parierte sie seinen Angriff, zischend fuhren die Klingen aneinander entlang. Er verlor das Gleichgewicht und fand sich auf den Knien ihre Schwertklinge am Hals wieder. "Langsam," wiederholte sie ein wenig tadelnd. Er verharrte eine ganze Weile in seiner Haltung, starrte zu ihr hinauf, seine goldbraunen Augen funkelten vor Wut, begannen aber sich abzukühlen. "Wie alt bist du Selean," fragte er. "Vierhundertdreiundneunzig," erwiderte sie mit einem leisen Lächeln, als sei es gewöhnlich fast fünfhundert Jahre alt zu sein. Er gab einen dumpfen Laut von sich und stand ungeachtet der Klinge an seinem Hals auf, nahm seinen Helm ab. "Das erklärt einiges," grollte er. "So," sie legte den Kopf leicht schief. "Du behandelst mich wie einen kleinen Jungen, das macht mich rasend," knurrte er. "Es hat dich die ganze Zeit nicht gestört," sie hob die silbernen Brauen. "Hallo, ich bin inzwischen fast dreißig Jahre alt, nicht mehr fünf," er brachte sein Gesicht so dicht vor ihres, das er die silberblauen Funken im hellen Grün ihrer Augen funkeln sehen konnte. "Die Zeit vergeht schnell, kein Grund wütend zu werden," sie drückte ihm einen mütterlichen Kuss auf die Stirn und wandte sich ab. "Nicht so schnell," er packte sie und wirbelte sie so heftig zu sich herum, das sie hart gegen seine Brust prallte, er schlang beide Arme um sie. Sie leistete keinerlei Widerstand, blinzelte nur überrascht, "Wulf, was ist mit dir los? Warum bist du so wütend auf mich?" Sein Kiefermuskel zuckte und seine Augen wurden dunkel, er starrte sie an, als wüsste er nicht was er mit ihr machen sollte, jetzt wo er sie festhielt. "Ich bin inzwischen ein erwachsener Mann," murmelte er. "Ein sehr schöner, mutiger Mann," bestätigte sie mit einem stolzen Lächeln. Ohne Vorwarnung presste er seinen Mund auf ihre Lippen, sie zuckte zusammen, wand sich in seinen Armen, aber er hielt sie fest. Langsam erlahmte ihr Widerstand, er konnte fühlen wie ihre Lippen unter seinen weich wurden. Schließlich gab sie nach, erwiderte seinen Kuss fast scheu, er drückte sie noch fester an sich, vertiefte den Kuss fordernd. Er ließ die Arme tiefer gleiten, gab ihre Arme frei, sie schlang sie ihm um den Nacken und schmiegte sich an ihn.
"Was soll ich tun," Selean sah ihren Vater um Rat bittend an, "Er ist so zerbrechlich, nur ein Mensch. Ich habe Angst, Angst davor seine Liebe zu zulassen, er wird lange vor mir sterben." - "Die Frage ist ob du seine Gefühle stark genug erwiderst," der grünhaarige Wassernök setzte sich auf einen großen, flachen Stein am Ufer des Sees. "Ich würde für ihn sterben, aber ich kann nicht zusehen, wie er altert und mir unter den Händen wegstirbt," sie lief unruhig hin und her. "Es gibt eine Möglichkeit, du kennst sie, dann könntest du sogar seine Kinder bekommen," ihr Vater beobachtete sie, "Aber es gebe kein Zurück." Sie blieb stehen, "Ich dachte, das sein nur Legende." - "Nein, aber nur selten ist eine Liebe es wert so weit zu gehen," der Wassernök runzelte ernst die Stirn. In ihrem Gesicht arbeitete es, die letzten achtundzwanzig Jahre liefen an ihrem inneren Augen vorbei. Wulfs Geburt, seine Kindheit, wie er langsam zu Mann geworden war, bis zu dem Kuss auf dem Kampfplatz und der Nacht die sie miteinander verbracht hatten. Der Gedanke zu sehen zu müssen, wie er ohne sie alt wurde und starb schnürte ihr die Luft ab. "Was muss ich tun," sie biss entschlossen die Zähne zusammen. "Du musst nur im Licht des Vollmond im Kreis der sieben mit ihm schlafen, dann sei dir dein Wunsch gewährt," ihr Vater klang traurig. "Das ist alles," sie war überrascht, sie hatte es sich schwerer vorgestellt. "Die Gefahr liegt allein im Preis den du zahlst," er lächelte wehmütig. Selean trat zu ihm, setzte sich neben ihn und schmiegte sich in seinen Arm, "Du weißt ich muss es tun." Er nickte leicht, küsste sie auf die Schläfe, "Ich bringe meinen Enkeln das Schwimmen bei."
"Nein," Wulf schüttelte heftig den Kopf, "Das lasse ich nicht zu." Selean stiegen die Tränen in die Augen, so etwas hatte sie befürchtet, "Hör mit zu Wulf, ich kann es nicht ertragen, dich zu überleben, ich will mit dir zusammen alt werden, deine Kinder bekommen." - "Nein, eher sterbe ich," er wich zurück. "Sag so etwas nicht," bettelte sie, "Ich liebe dich." Sie griff nach ihm, er wich wieder zurück. "Weil ich dich auch liebe, kann ich das nicht zulassen," wehrte er sich, "Es ist als würde ich dich selbst töten." Sie wandte sich ab, Tränen liefen ihr übers Gesicht, es hatte keinen Sinn ihn überzeugen zu wollen, er verstand es einfach nicht, wie sollte er auch. "Warum willst du das so sehr," er kam näher, legte die Arme von hinten um sie. "Der Gedanke allein zurück zu bleiben nimmt mir die Luft zum Atmen," sie drehte sich um, legte den Kopf an seine Schulter, "Ich will ein Teil deines Lebens sein nicht nur ein Besucher, lieber ein Leben mit dir, als tausend Jahre mit der quälenden Erinnerung an dich." Er schwieg, fast konnte sie fühlen wie fieberhaft er zu verstehen suchte. "Ich bin fast fünfhundert Jahre alt und noch nie jemandem wie dir begegnet, ich kann nicht noch einmal so lange warten, so alt werden selbst Nök nicht. Ich währe dann eine alte Frau." Er faste sie enger, "Ich glaube ich verstehe nun." Sie blickte zu ihm auf, er küsste sie sanft, "Ich gelobe dich niemals zu verlassen und jede deiner Falten zu lieben." Der Ausdruck in seinen Augen war ruhig und friedlich, er hatte sie wirklich verstanden.
"Ich fühle mich beobachtet," Wulf schielte zu den sieben uralten Weiden, die sie im Kreis umstanden. "Beschützt," widersprach sie. Sie waren im nahen See schwimmen gewesen, nackt und noch nass. Die Nacht war mild und ein leichter Wind ging, der Vollmond stand groß und silbern am Himmel, tauchte alles in kühles Licht. Selean leuchtete hell im Mondlicht, Wulf dagegen schien als stehe er noch immer im Schatten und nicht mit ihr im Mondlicht. Der erste Kuss war noch zögernd, aber dann vergaß er die Weiden und den Grund aus dem sie hier waren und verlor sich ganz in ihrer Umarmung. Sie sanken in weiche, mit Wildblumen durchwirkte Gras und begannen den Körper des anderen zu liebkosen. Ihr leises Stöhnen vermischte sich mit dem Rauschen des sachten Nachtwindes in den Blättern der Weiden. Als er sich über sie schob, war es als schiebe sich ein Schatten vor den Mond, ihre Hände hoben sich hell von seinem Rücken ab. Zuerst schrie sie leise auf und dann antwortete er mit einem gutturalen Stöhnen. Ihr Leuchten war erloschen, wie er war nun auch sie im Schatten.
"Nicht aufregen," lachte Selean und ihr Gesicht legte sich in tausend kleine Fältchen. "Ich rege mich nicht auf," verteidigte sich Wulf und schüttelte seinen Kopf der inzwischen so weiß war wie ihrer, "Ich halte das nur für falsch." - "Sie wird es trotzdem tun, du bist nur ihr Urgroßvater und sie ist stur wie du," sie kicherte und küsste ihn auf die Wange.
Kommentare
Cinnamon schrieb am 2006-10-27 23:06:30:
Zum Trost ich hab den Schluss auch gecheckt!
;)
Elli schrieb am 2006-04-26 18:06:04:
Ich hoffe ich hab den schluss gerafft !! Meiner Meinung sind beide am Ende Alte Leute geworden aber zusammen geblieben !! Ist das richtig ?? Wenn nicht berichtigt mich bitte !!
Also ich finds toll das es nicht so geendet ist wie es Elrond in Herr der Ringe für Aragorn und Arwen voraus gesagt
hatte !!
- schrieb:
super!
sehr überraschendes ende!
straehleMelanie@web.de schrieb:
ich verstehe das ende nicht, schreib mir:StraehleMelanie@web.de
Bugelow@gmx.net schrieb:
Die ganze Zeit dachte ich, ich müsse in den Kommentar schreiben, dass eines deine Geschichte kaputt macht: Das kenn ich doch von "Herr der Ringe", wollt ich schreiben. Die Elbin, die Aragorn liebt... doch als ich den Schluss gelesen habe, musste ich zugeben, du hast einen richtig überrascht. (Ich musste den Schluss auch zwei mal lesen, bis ich ihn verstand)
Ansonsten sehr schöne Beschreibungen der Situationen.
yvonnereimer@web.de schrieb:
Was wird sie trotzdem tun??? Oder ist das einfach unwichtig, weil man einfach lernt, dass Kinder immer ihren eigenen Weg gehen? Wahrscheinlich schon.... schöne Geschichte!!
Havi15@hotmail.com schrieb:
Ich verstehe das Ende nicht irgendwie nicht kann du mir bitte schreiben Danke
aequilibrium@web.de schrieb:
hier, ich hätte bitte auch eine erklärung *g*.
ShadaJhi@aol.com schrieb:
mir gefällt die geschichte
kurz und bündig mit einer netten botschaft
Myrandor@gmx.de schrieb:
Also, ich muss zugeben, ich konnte sie gut lesen. Das ist mir schon fast das wichtigste, also kann ich von meiner Seite fast nur sagen, das die Geschichte gelungen ist.
Nur mir ist die Geschichte (und damit die Handlung) zu kurz, als das man viel mit ausdrücken könnte, aber was will ich erwarten?
Mein Lob!
sabrina.capaul@freesurf.ch schrieb:
Wenn ich dich wäre, und das meine ich jetzte wirklich ernst, würde ich daraus ein Drehbuch machen und es einschicken. Das gäbe einen wirklich schönen, spannenden und originellen Film. Ich sehe die Bilder schon vor meinem geistigen Auge. Mach einen Film daraus! Dann müsste wahrscheindlich aber ein anderes Ereigniss den Hauptstrang der Geschichte bilden. Ein Krieg oder sonst was und die zwei müssten irgendwie auch kämpfen gehen und der Eine würde dann gefangen genomommen werden und der andere müsste ihn dann befreien. und dabei würde deine Geschichte mehr im Hintergrund ablaufen. Die Schlussszene wäre dann die gleiche wie du gewählt hast. Die Nacht zwischen den Bäumen.
Super Geschichte!!! Den Schluss habe ich übrigens verstanden. Ist gar nicht so schwierig!
Sabrina
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