Silvesterabend
von
Mularion
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Die Uhr schlug zehn Uhr abends, als ich aus meinem kurzen Schlaf aufwachte und verwirrt um mich herum schaute. Es war der 31. Dezember, diesen Jahres und ich hatte den halben Tag bereits verschlafen. Ich war allein in diesem großen Gemäuer, lag schon seit Stunden gelangweilt auf der Wohnzimmercouch und drückte schon Tausende Male auf den ,,Weiter”-Schalter der Fernbedienung, doch kein guter Film konnte meine Trauer vernichten.
Meine Eltern waren mit ihren Freunden beim Chinesen, meine Schwester und mein Bruder schweiften durch die Berge mit ihren Kumpanen und ließen mich hier in dieser Einöde zurück. Ich war in diesem Jahr sechzehn Jahre alt und sollte eigentlich auf Partys die Sau raus lassen können oder sollte mit Freunden bei ihnen oder mir ein Saufgelage veranstalten. Ich sollte eigentlich eine wunderschöne Frau an meiner Seite haben und mit ihr die letzten Stunden des Jahres auskosten sollen. Ich müsste mit jemandem sprechen können, doch sitze ich hier allein und schaue mir das Silvesterabendprogramm für diejenigen, die entweder nicht mehr laufen können, denen die ein zweites Gebiss haben oder diejenigen, die einfach so sind wie ich. Alleinstehende, nicht beachtete Kerle, die nicht gefragt werden, ob man mitkommen wolle oder man bei ihnen die letzten Sekunden des Jahres genießen wollen würde.
Meine Freunde sind Freunde, wenn man sie am schnellsten braucht oder wenn man mit ihnen etwas unternehmen möchte, das nicht an solchen Tagen, wie Silvester, stattfindet.
Mein bester Kumpel und ich hatten schon einen Plan abgemacht, wie wir Silvester feiern würden. Wir wollten bei einen Freund auf dessen Party, die jedoch abgesagt wurde. Ohne mir Bescheid zu geben machte er schon etwas mit anderen aus. Er wollte, bzw. er ging mit ein paar alten Freunden, die ich nicht kenne, in einen Dartclub in dem er spielte für ein Saufgelage hoch Zehn. Saufgelage hätte ich ja auch gerne gehabt, aber mit solchen Leuten, die mir auch keine Beachtung schenken würden macht das alles keinen Spaß. Mein Freund hätte sich in seine Bekanntenmenge gestürzt, die eine Hand mit dem Bierkrug bestückt und die andere Hand in der Luft schwankend hin und her wedeln lassen. Mein Platz wäre auf der Bank am Rande der Dartkneipe gewesen, allein und unbeachtet. Wenn ich mich ins Getümmel geworfen hätte, hätte man mich auch nicht mehr beachtet, als sonst auch.
Er ging also ohne mich dorthin mit ein paar Freunden und ließ mich, wie schon gesagt, unerachtet zurück mit den Worten: ,,Wir können ja demnächst was unternehmen.”
Ein anderer Kumpel rief mich Tag für Tag an und versuchte mich zu überreden bei ihm die letzten Stunden zu feiern, doch auf dieses Abenteuer hätte wohl keine Sau Lust. Ich hätte bei ihm gefeiert während seine Oma neben uns gesessen hätte, um uns Geschichten vergessener Zeiten zu erzählen. Übrigens hatte dieser Freund eine Freundin und hätte mich bei seine steinalte Oma gesetzt. Wer hätte darauf schon Lust gehabt?
Ich fragte meine Freunde, was sie nun unternehmen würden. Meist war die Antwort ehrlich, aber klar. ,,Also ich gehe bei meinen Freund.” oder ,,Also ich geh da auf ne ganz abgefahrene Party bei nem Kumpel.”
Das Gegenteil, also die Notlügen, die sie mir stellten konnte man natürlich direkt durchschauen, wie z.B ,,Ich bin schon weg.” oder ,,Sorry, aber ich hab schon was vor.” In Wahrheit suchten sie ebenfalls noch eine Party oder eine Ausweichgelegenheit, die sie natürlich auch fanden bei ihrem Mega vollem ,,Wer-kennt-wen” Freundeskreis, der halb Deutschland einnahm.
Am Ende saß ich nun allein und unbeachtet, vergessen, auf dieser grünen Couch und schaute in die lächerlichen Silvestercountdownshows. Ich kam mir vor wie das letzte Häufchen Dreck, das letzte vergessene Häufchen Dreck, dass unbeachtet in der Ecke saß und schmollte.
Plötzlich klingelte das Telefon und eine allzu bekannte Nummer erschien auf dem Display. Es war die Handynummer einer guten Freundin. Ich schaute schnell auf die Uhr. Es war bereits zwanzig vor Zwölf gewesen und ich nahm hoffnungsvoll ab. ,,Hallo?”, meldete ich mich, doch die Hoffnung in meiner Stimme hielt nicht lange an. ,,Hi! Ich wollt dir nur mal ein Frohes neues Jahr wünschen, denn nachher kann ich nicht mehr anrufen. Was machten gerade?” Wie erwartet hatte man mich vergessen. ,,Ich bin zu Hause. Mir geht’s nicht so gut.” Es war eine Notlüge, denn ich hatte wirklich keine Lust den Langweiler zu sein, der nachher als absichtliche ,,Spaßbremse” abgestempelt würde. Sie fand es natürlich schade und wünschte mir eine gute Besserung, doch dann legte sie wieder auf.
Tränen kullerten meine Wange hinab, fielen einzeln auf das Sofa und zersprangen zu allen Seiten weg. So ging es mir nicht das erste Mal. Es war schon das fünfte Mal, dass ich alleine Zuhause saß und verbittert, vergessen und allein gelassen dem finalen Countdown entgegenblickte. Von Draußen hörte ich die Leute rufen: ,,Zehn…. Neun… Acht… Sieben…. Sechs… Fünf… Vier… Drei…. Zwei…. Eins…. Juhuhuhuhuhuhuhuhuhuhu!” Raketen begannen in die Luft zu fliegen, schienen den Himmel in leuchtenden Farben in Stücke zu reißen. Ich senkte langsam den Kopf und flüsterte mir bibbernd zu: ,,Frohes neues Jahr! Mal wieder!”
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