Sister
von
Wolf_93
1
„Hi Sister“, flüsterte ich und legte dir eine Rose auf deine Decke. Es war dunkel um uns herum, ich hatte wieder den ganzen Tag in dieser verfluchten Schule verbracht. Ich setzte mich an dein Bett und blickte in die Ferne.
„Ich hab Schluss gemacht“, flüsterte ich leise und wieder traten mir Tränen in die Augen: „Er hat sich wieder mit ihr getroffenen, verdammter Idiot. Ich hab wegen ihm so viel aufgegeben, wegen ihm musste ich diese verdammte Klasse wiederholen und wofür?“
Die Frage schwebte zwischen uns und blieb unbeantwortet. Ich war froh darüber, wollte nicht von jemanden hören, wie dumm ich doch gewesen war. Aus diesem Grund hatte ich auch noch nichts unseren Eltern erzählt, mit denen konnte ich einfach nicht reden und mit Felix, auch meinem Bruder konnte ich nichts davon berichten. Er verstand die Liebe nicht, hüpfte er doch seit damals von Bett zu Bett. Ihm war es egal ob sein Partner männlich oder weiblich war, ich glaube er sehnte sich einfach nach Geborgenheit und Liebe. Jemanden mit dem er sprechen konnte, etwas das es bei uns nicht mehr gab seit damals.
Tränen liefen mir über die Wangen. „Ich liebe dich, Sister“, flüsterte ich dir zu. Mit dir konnte ich über alles reden, ich erzählte dir einfach alles. Aber es war zu spät, fünf Jahre zu spät, so dass du mir nicht antwortest. Dennoch wusste ich, dass du mir zuhörte und über mich wachst.
„Ich weiß nicht, was ich ohne ihn machen soll“, meinte ich weiter und du lagst nur da, hörtest mir zu und schwiegst. Also erzählte ich dir, was ich dir schon so oft erzählt hatte. Von unserem ersten Kuss, vom ersten Mal, über meine Probleme in der Schule und mit der neuen Klasse. Als ich geendet hatte, schwiegen wir von neuem.
Ich war schon lange nicht mehr wütend auf dich, du hattest dich bei mir entschuldigt und ich weiß, dass du mir damit nicht weh tun wolltest. Ich kannte den Schmerz, den du damals in dir trugst, verstand dich in gewisser Weise. Obwohl ich dich am liebsten dafür schlagen würde, was wir alle wegen dir erleiden mussten. Dad war beinahe daran zugrunde gegangen, er hatte seinen Job geschmissen, hat sich abends betrunken. Mum dagegen hat sich in ihre Arbeit gestürzt, versucht immer für uns da zu sein und probierte wieder eine heile Welt zu bekommen. Aber nachts weinte sie sich in den Schlaf. Ihre Ehe war so gut wie vorbei und wir Kinder mussten alleine damit fertig werden. Felix suchte Verständnis in den vielen Beziehungen, die selten länger als ein Monat hielten. Und ich? Ich versuchte gleichzeitig deine Rolle einzunehmen und mich dennoch von dir abzuwenden um nie so zu werden. Damals hatte ich dich so sehr gehasst, verfluchte dich und wollte, dass du in der Hölle schmorst. Diese Gedanken tun mir heute Leid, aber du verstehst mich.
Ein uraltes Bild kam in mir hoch. Mom hatte ihre Nerven an mir verloren, weil ich einfach nicht lernen wollte, damals hast du dich zu mir gesetzt und mit mir gelernt, obwohl du was anderes zu tun hattest: „Ulrich komm vom Berg herunter.“ Diese Eselsbrücke hatte mir den 1er gebracht und ich wusste sie noch heute, hatte ich dir schon einmal gesagt, wie sehr du mir damals geholfen hattest? Wenn ich damals gewusst hätte, wie es dir ging...aber ich habe es nicht gewusst, niemand hatte es geahnt.
Bis damals die Polizisten vor der Tür standen. Ich war im Garten und spielte mit Laura. Mom war zusammen gebrochen und Dad hatte meine Freundin nach Hause geschickt, nachdem er meinen Bruder angerufen hatte. Als wir alle vier in der Küche saßen und Dad anfangen wollte, uns etwas mitzuteilen, beharrte ich - unwissend, wie ich damals war -, darauf, dass wir noch auf dich warten müssen, bevor er es uns erzählt. Ich verstand nicht warum Mom dabei erneut zu schluchzen begann und auch Dad die Tränen in die Augen traten. Felix ahnte es in dem Moment schon und über sein Gesicht huschte ein Ausdruck von Fassungslosigkeit. Aber ich wollte, dumm und naiv wie ich damals war, nicht ohne dich anfangen. Ich begann auch zu weinen, weil wir nicht auf dich warteten. Dad sah auf deinen Platz am Tisch, als er sprach: „Sie wird nicht mehr kommen, nie mehr...“ Seine Stimme erstarb und er brach endgültig in Tränen aus. Wir heulten alle, ich nur weil ich damals oft weinte, aber den Sinn oder besser gesagt den Grund dafür erfuhr ich erst im Laufe des nachfolgenden Tages. Als Mom mir ein schwarzes Kleid kaufte, sie und Dad Briefe an Verwandte und Freunde schickten und du auch in den nächsten Tagen nicht nach Hause kamst.
Das war nun schon so lange her, aber ich konnte es noch immer nicht vollständig begreifen. Du warst gegangen ohne Abschied, kein Wort, dass es das letzte mal gewesen war, dass wir uns sahen. Ich hatte mich oft gefragt, ob du es geplant hast, ob es einen Auslöser gab, aber diese Fragen bleiben von dir unbeantwortet.
„Ich vermisse dich, Sister“, brachte ich unter Tränen heraus. Ich legte mich neben dich und ließ meiner Trauer freiem Lauf. Und auch du begannst zu weinen. Ich fühle die Tropfen auf meiner Haut, auf meinen Haaren und auf meinem Gesicht. Sie werden immer mehr und ich weiß, dass es deine Tränen sind, auch wenn jeder andere es Regen nennen würde.
„Ich muss heim, aber bald komme ich zurück“, flüsterte ich. Dann stand ich auf, nahm meinen Rucksack und warf einen letzten Blick zu dir. Ich kann dich nicht sehen nur deine Decke aus Erde mit den vielen Blumen und den Stein, der das Kopfende deines Bettes ist. Trotz der Dunkelheit kann ich die Inschrift lesen:
R.I.P
Veronica Wolf
die am 27.4.2005 im 17 Lebensjahr
den Freitod wählte
1
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen