Sklaven der Roboter
von
Tenebro
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22. Jahrhundert; irgendwo in Nordamerika :
Flink kletterte der kleine Bote den dicken, mit herrlich dunkelbrauner Borke bedeckten Stamm empor, fuhr mit einem leisen Summen in Sekundenschnelle seinen rechten Arm aus und griff nach einem überhängenden Ast. Wie ein Affe schwang er sich nun mit aller Kraft von Baum zu Baum und fühlte sich so glücklich, dass er hätte singen können. Natürlich tat er es nicht, denn Roboter sind nun mal nicht besonders musikalisch, und eigentlich haben sie ja auch keine wirklichen Gefühle. Doch der Anblick der weiten, grünen Ebenen unter ihm, die vor prallem, unbekümmertem Leben nur so strotzen, rief eine positive Reaktion nach der anderen in seinem mechanischen Bewusstsein hervor. Wie alle Roboter des neuen Zeitalters war er von „Geburt“ an darauf programmiert, die Natur in all ihrer Vielfalt als die Wichtigste Kraft überhaupt zu betrachten. Sie zu schützen, zu pflegen, zu vermehren, zu überwachen war sein Lebensinhalt, genau wie der fast aller anderen „Höheren Wesen“, die es heutzutage noch gab. Und was für ein Glück es doch war, in diesen Zeiten zu leben, wo gänzlich andere, soviel bessere Bedingungen und Prioritäten herrschten als noch – er verkrampfte sich unwillkürlich vor Unbehagen – vor hundert Jahren, während der finsteren Herrschaftsperiode der Menschen. Schon lange hatte sich abgezeichnet, dass diese niederen, dummen Kreaturen sich ihr eigenes Grab schaufeln würden, wenn sie weiterhin so mutwillig und unsinnig ihre Umwelt zerstörten. Aber hatten sie ihren beunruhigenden Erkenntnissen zufolge entsprechend gehandelt? Gerettet, was noch zu retten war, bewahrt, was auf keinen Fall zerstört werden durfte?
Nein! Natürlich nicht. Oh, wohl gab es auch unter ihnen einige, die klüger waren, die die Gefahr erkannten und Naturschutzverbände gründeten. Doch ihre Zahl war viel zu gering, die Anteilnahme ihrer Mitbürger hielt sich zu sehr in Grenzen, als dass ihre Bemühungen mehr hatten sein können als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein der unausweichlichen Verdammnis. Während die Technologie, die Industrie, die Wissenschaft stetig größere Fortschritte zu verzeichnen wussten, wurden immer mehr staatliche Zuschüsse an Tierheime und zoologische Institutionen gestrichen, während die herrenlosen Tiere in der Gosse elendig verreckten und die Wilderei auf allen Kontinenten der Erde neue Höhepunkte erreichte.
Bis... ja, bis es schließlich zu viel wurde. Es ging einfach nicht mehr. Die armen, durch sauren Regen und stinkende Abgase schwer geschädigten, wenigen noch verbliebenen Bäume schafften es nicht einmal ansatzweise, all die verdreckte Luft noch ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen. Das Klima erwärmte sich immer mehr, Naturkatastrophen, Erdbeben, Vulkanausbrüche waren an der Tagesordnung. Die Natur spielte verrückt, die Hiobsbotschaften aus aller Welt brachen Flutwellen gleich über die Menschen herein. Und was taten diese? Anstatt sich nun endlich um ihre schon fast unlösbaren Probleme zu kümmern, stumpften sie immer weiter ab gegenüber den Schreckensmeldungen, die ja schließlich nicht sie betrafen, vergruben sich in ihren Häusern und verdrängten mit Hilfen eines spannenden Filmes oder Buches den katastrophalen Zustand der Welt.
Seufzend schüttelte Mirx den Kopf über diese so erschreckend idiotischen und doch so genialen Schöpfer ihrer Art und legte auf der breiten Krone einer alten Eiche eine kurze Rast ein, um seine Solarzellen wieder aufzuladen. Ja, er musste es widerwillig eingestehen, ihr Geschick in Hinsicht auf die Weiterentwicklung ihrer Wissenschaft und Technik war ziemlich bemerkenswert. Ohne dieses wäre er selbst, wären die „Retter der Welt“ ja schließlich niemals erschaffen worden. Eine wahrhaft schreckliche Vorstellung!
Doch natürlich war das kleine Wunder ihrer Entstehung wieder nicht der breiten Masse zu verdanken, sondern lediglich einer kleinen Gruppe naturfreundlicher, disziplinierter und hochqualifizierter Wissenschaftler, die jahrelang im Verborgenen an ihrem Projekt zur Rettung der Welt gearbeitet und es gerade noch rechtzeitig, zum Abschluss gebracht hatten.
Das war etwa vier Jahre vor der „Großen Robotolution“ ((Robotonischen Revolution))
Der Prototyp des Roboters, den die selbsternannten Helden entwickelt hatten, besaß ein „Denkprogramm“, dass dem menschlichen Gehirn beinahe perfekt nachgebildet und in ihm mancherlei Hinsicht sogar überlegen war. Doch was ihn vor jedem menschlichen Wesen auszeichnen sollte, war seine absolute Unfähigkeit, der Natur Schaden zuzufügen. Er war dazu einfach nicht fähig, war ja extra dazu geschaffen worden, die kümmerlichen Überreste der Pflanzen- und Tierarten zu nehmen und daraus neue Wälder, neue Brutstätten des Lebens zu ziehen und die Menschheit dadurch zu retten. Natürlich konnte er diese ungeheure Aufgabe nicht alleine bewältigen. Und als die reichen Leute, die die ganze Sache finanziert hatten, sahen, wie fantastisch ihr gewagtes Experiment geglückt war, stellten sie gerne die nötigen Mittel zur Verfügung, ein ganzes Heer dieser wundervollen technischen Neuerung zu produzieren. – Natürlich alles im Geheimen. Sie waren absolut begeistert, konnten sie sich mit dieser „Maschine“ doch unglaublicherweise sogar wie mit ihresgleichen unterhalten! Natürlich klang die Stimme sehr mechanisch, aber wie sollte es auch anders sein? Schließlich war dieses aus Titan geschaffene Objekt ja kein Lebewesen...
Doch hier lag, wie diese armen Persönlichkeiten schon bald erkennen mussten, ihr entscheidender Denkfehler. Denn die ehrgeizigen Wissenschaftler hatten, vor lauter Übereifer jede Vorsicht vergessend, nicht nur beschlossen, die Höhepunkte ihres Schaffens zu guten „Ersatzmenschen“ zu machen, nein, sie mussten perfekt werden.
Also speicherten sie nicht nur das Nötigste, sondern praktisch jedes wirklich wichtige Detail des menschlichen Wissens in die Köpfe ihrer Roboter ein. Ein wenig verteilen mussten sie diese ungeheure Datenmenge natürlich schon auf ihre „Maschinen“, doch dafür konnten diese dann hinterher zu ihren „Spezialgebieten“ ebenso exakt alle möglichen Fragen beantworten wie die Computer, von denen ihre Weisheit ja ursprünglich stammte.
Sie wussten besser als jeder Architekt, Elektriker oder Kriegsminister, wie man Häuser plant und baut, wie man Strom erzeugt und leitet, wie man Waffen herstellt und sie gebraucht...
Keiner der Eingeweihten erkannte die Gefahr. Und als sie es schließlich, nach einer Ewigkeit, doch endlich taten, war es bereits zu spät. Viel zu spät...
Die Roboter hatten angefangen nachzudenken. Schon vom ersten Moment ihres „Erwachens“ an registrierten sie mit ihren elektronischen Sehzellen und den hochempfindlichen Umweltsensoren – eine ebenfalls brandneue Erfindung – eine ganze Flut von Bildern und ersten Eindrücken. Sie realisierten sofort den katastrophalen Zustand, in dem sich die Erde befand und all ihre inneren Alarmsirenen überschlugen sich geradezu. Mit eiskalter, naturgemäß vollkommen emotionsloser Logik erkannten sie den Menschen,
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