Sommerabend
von
Ocram Repier
1
Langsam geht die Sonne unter, und die letzten Sonnenstrahlen fallen träge durch die unzähligen Wolken, welche schon längst zu einer riesigen, grauen, bedrohlich wirkenden Masse verschmolzen sind, bereit die ganze Welt mit den Unmägen an Wassermassen zu verschlingen.
Die letzten Sonnenstrahlen, sie tauchen die Stadt in einen rötlichen Ton, als letzten Abendgruß um dann am nächsten Morgen die Welt wieder zum glänzen zu bringen. Doch für Sie sind dies wahrlich die Letzten.
Ein Hauch, ein Duft von Süße verbreitet sich schwebend in der Luft. Ertastet, umhüllt, umgreift Ihre Umgebung, und wie er schwebt, so hat Sie schon längst geschwebt. Sie riecht nicht.
Ein Duft von Süße, der Duft der Linde. So intensiv, fast greifbar, dass selbst die doch so staubige Luft, ja fast angenehm schmeckt. Er verlockt und verführt alles was fliegt und wie sie fliegen, so ist Sie schon längst geflogen. Sie schmeckt nicht.
Kinder lachen, kreischen im Takt zu den auf den Boden pochend aufschlagenden Bällen, irgendwo bellt ein Hund, und selbst im weit entfernten Wald scheinen die Blätter im spiel des Windes miteinander geheimnisvoll zu flüstern. Doch für Sie ist dies eine ruhige Nacht. Sie hört nicht.
Blitze zucken, wie eines Zeichners Linien. Doch egal ob Sie, wie Sie es jetzt gerade tut, mit weit aufgerissenen glänzenden Augen in den Himmel starrt, oder ob Sie, sie geschlossen hält. Es ist gleich, für Sie ist es gleich. Sie sieht nicht.
Die schwüle Sommerluft kündet Regen an. Es donnert, der erste Tropfen fällt, schlägt auf, berührt Sie, perlt von den bleichen Lippen, findet schließlich einen Weg zur Erde, und wie er fiel, so ist Sie schon längst gefallen. Sie spürt nicht.
Der ersten Tropfen gefolgt von vielen anderen, doch es ist gleicht, für Sie ist es gleich, denn Sie war schon vor den Regen nass.
Langsam geht die Sonne unter… Die letzten Sonnenstrahlen, sie tauchen die Stadt in einen rötlichen Ton… rot wie die Leibe…Blutrot…
Ich schaue sie an. Wie sie da liegt. So Still. So ruhig. Der Regen prasselt umbarmherzig weiter. Doch er kann ihr nicht mehr schaden. Nicht mehr. Regen… Er wäscht die Wunden rein.
Ich schaue zum Himmel. Es ist Dunkel geworden. Die Wolken haben auch das letzte Licht verschluckt. Auf dem steinigen Kiesboden, wo sie liegt, bilden sich langsam Pützen. Sie sind überall und umarmen ihren kalten Körper, und der Körper färbt sie rot. Meine Lederhände greifen nach ihr. Umschlingen sie. Ich wanke unter ihrem Gewicht. Beinahe entgleitet sie mir meinen Armen. Doch ich darf sie nicht fallen lassen. Sie kann dort nicht liegen bleiben. Schließlich verbannt uns einst ein starkes Band. Doch das ist lange her und scheint nicht mehr in diese Welt zu gehören. Behutsam lege ich sie auf die morsche, nahe legende Bank. Sogleich färbt diese sich auch rot. Ihr linker Arm hängt schlaf runter. Ich nehme ihn und lege ihn auf ihren Bauch. Ich nehme ihren rechten und schließe ihre Finger wie im Gebet zusammen. Zu letzt schließe ich ihre Augen. Ich kann es nicht mehr zurück halten. Ströme von Tränen laufen an meinen Wangen entlang. Meine einst so unschuldigen Hände versuchen sie zu verbergen und vermischen Tränen mit Blut.
Es schmerzt so sehr. Doch ich musste es tun. Sie drohte etwas so wunderbares, unsere Liebe, zu zerstören. Das konnte ich nicht zulassen.
Die Wolken versperren den letzten Akt des schönen Lichtspiels am Himmel.
Die Tropfen trüben die Sicht. Die Blitze irritieren die Augen. Das Donnern übertönt jedes Geräusch, wie das Brüllen eines Rieses, und in den langen Interwallen des Luftholens, erfüllt das Niederschlagen des Regens den Selben Zweck.
Genau aus diesen Gründen braucht die dunkle Gestalt lange, bis sie begreift, dass sich jemand, mit schweren Schritten, im Kampf mit dem fauchendem Wind, ihr nähert. Sie hört die Schritte erst dann, als die Person nur noch wenige Meter von ihr entfernt ist.
Panik kommt in mir auf. Sie hält mich fest. Ich kann mich ihrem Griff nicht entreißen. Und der Schatten kommt immer weiter auf mich zu. Ich starre in seine Richtung. Noch kann ich fliehen. Der Schatten geht, im Versuch sich vor den Regen zu schützen gebückt. Mein Verstand will weg laufen, doch meine Beine rühren sich nicht von der Stelle. Es ist zu spät. Der Schatten hat mich erreicht.
Er sieht zu mir auf. Es ist kleiner Junge. Von nicht mehr als 12 Jahren. Ein kleiner Junge auf dem Weg zu seinem sicheren Zuhause. Im Licht der Straßenlampe schaut er zu mir auf. Er wirkt verschreckt. Sein Blick wandert zur Bank. Wieder zu mir. Er läuft, nach Hilfe schreiend, los.
Jetzt ist es wahrlich zu spät. Zum zweiten Mal an diesen Abend greife ich mit meinen Lederhänden in den dunklen Mantel. Der Schatten ist schon einahein der Dunkelheit verschwunden, da ertönt ein lauter Knall. Zum Zweiten mal an diesem Abend fällt ein Körper zu Boden und färbt die Erde rot.
Durch das Küchenfenster erreicht das Donnern nur gedämpft das Ohr der Mutter.
Sie sitzt am Tisch und schaut besorgt aus dem Fenster. Sie wartet auf ihren Jungen. Er war vor Stunden zum Spielen aufgebrochen und ist noch nicht zurück. Der Regen trommelt ungeduldig am Fenster. Sie hat Angst um ihren Jungen. Draußen ist es furchtbar Dunkel. Ihr Instinkt sagt ihr sie solle die Polizei rufen, doch das wäre albern, redet sie sich ein. Und so wartet sie. Und wartet sie. Und wird immer warten. Warten auf ihren Jungen der nie zurückkam.
Der Schatten läuft nicht mehr. Der Schatten wird nie wieder laufen. Doch ich musste es tun. Ich hatte keine andere Wahl. Er hatte mich gesehen und er hatte sie gesehen. Hätte ich es nicht getan, hätte er mich von meinem Liebsten getrennt, genau wie Sie es getan hätte. Er war ein Zeuge und Zeugen sind nicht erwünscht, egal wie alt sie sind. Nichts und niemand darf mich von ihm, meiner Liebe, trennen. Wir müssen zusammen sein. Wir sind bestimmt zusammen zu seinen.
Irgendwo heulen Sirenen auf. Die dunkle Gestalt schreckt aus seine Gedanken auf, und läuft eilig den Pfad entlang. Sie lässt zwei Schatten im Regen zurück. Es scheint als liefe sie Stunden lang, doch nur nach wenigen Minuten bricht sie aus dem Park aus. In die erleuchteten Straßen, der erleuchteten Stadt. Sie läuft zu ihren Freund. Sie läuft vor dem davon, was sie getan hat. Während des Laufens schwingen ihre Arme, ihre weißen Hände auf und ab. Die Lederhände hat sie verloren, die Waffe auch. Weiterhin fällt der Regen. Er wäscht ihr Gesicht rein. Doch er wird niemals ihre Hände rein waschen können. Sie wird das Blut nie vergessen können. Es ist ihr Geheimnis und es wird immer ihr Geheimnis bleiben, eingeschlossen in ihrem Herzen.
1
Kommentare
ocram repier (der Autor) schrieb am 2009-11-23 20:40:56:
Für die Leser: jeder zweite Absatz ist eigentlich kursiv geschrieben um den Erzählerwechsel hervorzuheben, denn jeder zweite Absatzt wird von der Sicht der Hauptperson aus erzählt.
Kommentar hinzufügen