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Kategorien > Krimi > Thriller

Späte Rache

von roxane

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Gedämpfte Schritte verfolgten sie. Schon seit einigen Minuten. Als sie die Schule verließ, spürte sie zum ersten Mal diese Blicke. Kalte Blicke. Sie ging trotzdem weiter. Die Schritte kamen näher. Immer näher. Sie fürchtete sich davor, sich umzudrehen. Aus Angst, sie würde sich das alles nur einbilden, oder dass sie wirklich verfolgt wurde. Sie erhöhte ihr Tempo, doch auch die Schritte wurden schneller. Panisch fing sie an zu rennen. Weshalb lief sie auch in dieser verlassenen Gegend rum? Nur Bäume zu sehen. Nur Wald und ein See, der hinter einem kleinen Hügel erschien. Wo sollte sie hin? Weshalb war sie nicht in der Schule geblieben? Oder warum war sie nicht mit einer Freundin nach Hause gegangen? Doch für solche Fragen war es zu spät. Hektisch lief sie den Hügel hinauf. Das Gras war nass. Nun hörte sie die Schritte im Gras. Schwer atmend schluckte sie. Plötzlich packte sie eine Hand an ihre Schulter. Sie drehte sich um. Das letzte, was sie hörte, war ein Schrei. Dann wurde alles schwarz…

Aufgeregt kam Michelle angerannt. Aus der Ferne schon hörte man sie rufen. „Lea! Lea! Ich hab was Unglaubliches gehört!“ Sie hielt inne und schnappte nach Luft. Lea sah ihre Freundin verwirrt an. „Was ist denn los, Michelle?“ Das Mädchen richtete sich auf und fing an: „Du wirst es nicht glauben! Die haben unten am See eine Leiche gefunden! Und zwar die von Jane!“ Lea starrte ihre Freundin an. „Was? Etwa die Jane Doe?“ „Ja, Lea! Jane Doe, die, die vor einem Jahr spurlos verschwunden ist. Am See steht jetzt die Presse rum und befragt diejenigen, die ihre Leiche gefunden haben. Komm schon!“ Am Arm zerrend schleppte Michelle Lea zum Ort des Geschehens. Am See angekommen, wunderte sich Lea über die Menschenmasse, die sich um die Reporter scherte. Ein Krankenwagen stand an dem kleinen Hügel und zwei Notärzte trugen eine mit einer Plane bedeckten Liege in den Wagen. Neugierig liefen die beiden 13-Jährigen zu den anderen Schaulustigen und drängten sich bis nach vorne durch. Der Reporter bemerkte sie und versuchte, die Menge zu übertönen. „Kannten Sie das Opfer Jane Doe?“ Lea zeigte fragend auf sich, worauf der Mann nickte. „Ja. Sie ging in meine Klasse.“ Der Reporter reichte ihr einen kleinen Zettel, auf dem sein Name und sein Büro standen. Der Mann rief noch ein „Bitte melden Sie sich für ein Interview“, bevor er versuchte, den vielen Menschen zu entkommen und in den Wald lief.
Wortlos stand Lea da, mit Michelle neben ihr, alleine am See. Die anderen rannten hinter dem Reporter her. „Und“, fragte Michelle. „Machst du das Interview?“ Lea schwieg. Der Krankenwagen fuhr los. Traurig sah sie ihm nach. „Ich weiß nicht. Vielleicht…“ Sie drehte an einer langen braunen Strähne herum. „Lass uns gehen. Wir wollten doch ins Kino, oder?“ Michelle nickte.
Als sie aus dem Kino raus kamen, redete Michelle den Weg nach Hause nur über den Film. Wie gut Brad Pitt aussehen würde, wie gemein die Frau wäre und wie schön sie das Ende gefunden hätte. Doch von alle dem bekam sie nichts mit. Lea dachte nur noch an Jane. Die Arme. Wie sie nur umgekommen war. Ob es schmerzvoll war oder ein schneller Tod. Diese Fragen ließen sie auch in der Nacht nicht in Frieden. Sie konnte nicht einschlafen, immer musste sie an die arme Jane Doe denken. Doch dann, irgendwann schlief sie ein.
Der Wecker klingelte. Sechs Uhr morgens. Eine Qual. Weshalb konnten die Schulen nicht erst um zehn beginnen? Doch schnell verschwanden diese Gedanken. Und ihr Albtraum kam ihr wieder in den Sinn.
Es war dunkel. Man hörte bloß das Plätschern von Wasser. Und sie hörte Schritte. Erst Schritte auf Stein, dann Schritte im Gras. Nach und nach verging die Dunkelheit. Doch alles war verschleiert. Es schien wie Nebel, durch den sie sah. Sie blickte nach unten. Wasser. Sie schwebte auf dem Wasser. Doch ein Blick durch den Nebel ließ sie erschrecken: Dort stand Jane am Ufer. Hinter ihr flog ein dunkles Loch. Lea hörte eine Stimme. Sie rief: Lauf! Lauf! Die Dunkelheit wird auch dich einholen! Sie wollte laufen, zu Jane. Sie wollte ihr helfen. Doch sie kam nicht von der Stelle. Sie konnte sich nicht rühren. Das Einzigste, was sie konnte, war zuzusehen, wie Jane in den See fiel und ertrank. Dann wurde der Nebel wieder zu der Dunkelheit…

Wie jeden Morgen traf sie sich mit Michelle vor der Schule. „Gott, Lea, wie siehst du denn aus?“ Betreten schlich Lea zu ihrer Freundin. „Danke. Hab schon bessere Komplimente gehört.“ Michelle sah sie besorgt mit ihren blauen Augen an. „Ich habe heute Morgen nichts gefrühstückt. Ich muss immer noch an Jane denken. Ich weiß auch nicht, aber irgendwie lässt mich das nicht los.“ Lea blickte verwirrt zu ihrer Freundin. „Du musst aber was essen. Sie verschwand doch schon letztes Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch am Leben sein konnte, war so gering.“ Es läutete. Die erste Stunde. Sechs Stunden lagen noch vor ihr. Sie stieg die Treppe empor. Sie verlor das Gleichgewicht und fühlte harten Boden unter sich. Michelle kam angerannt. „Lea! Lea! Kannst du mich hören?“ Lea murmelte etwas Unverständliches. Behutsam hangelte sie sich wieder am Geländer hoch. Eine dicke Lehrerin kam hinzu. „Ach, was ist denn hier passiert?“ Sie sah zu Lea. „Kind, geht es dir nicht gut? Willst du nach Hause?“ Doch Lea schüttelte den Kopf. Zu Hause würde sie sich nur noch mehr Gedanken über die Geschehnisse vom vergangenen Tag und den Albtraum machen. In der Schule würde sie wenigstens abgelenkt werden. In der ersten Stunde hätte sie eh nur Deutsch. Vorsichtig schlich sie mit Michelle zum Klassenzimmer.

Als sie das Gebäude verließen, schnappten sie tief nach Luft. Ende. Das war’s. Das Wochenende konnte kommen. Doch leider kam es nicht so gut, wie erwartet. Autounfall. Drei Tote. Darunter Michelles Eltern. Lea blieb am Freitag bei ihr. Am Abend beruhigte sich Michelle und schlief ein. Schon wieder Tote. Erst Jane, jetzt Michelles Eltern. Am nächsten Morgen kamen ein Mann und eine Frau vom Jugendamt. Leas Eltern haben vorgeschlagen, Michelle zu adoptieren, doch das Jugendamt hielt das für keine gute Idee. Wenige Tage später war sie weg. Einfach weg. Ihre beste und einzigste Freundin. Sie war genauso schnell weg wie damals Jane. Doch dieses Mal wollte Lea nicht zusehen, wie wieder eine Freundin stirbt. Sie hatte Angst. Sie griff nach ihrem Telefon. Sie legte es wieder weg. Was sollte sie sagen? Hallo, Michelle. Ich bin es, Lea. Ich hatte ein ungutes Gefühl und ruf dich deshalb an. Das hörte sich selbst in ihren Ohren dämlich an. Doch was, wenn wirklich etwas mit Michelle war? Wieder griff sie zum Hörer. Die Zweifel jedoch holten sie wieder schnell ein. Der Hörer lag wieder neben ihr. Bis es plötzlich klingelte. Doch wer sollte bei ihr anrufen? War es vielleicht Michelle? Bitte lass es Michelle sein. Bitte! Sie nahm den Hörer ab. Sie zögerte. „Hallo?“ fragte sie vorsichtig. Stille. „Hallo? Wer ist da?“ Wieder Stille. Lea wurde ängstlich. War es einfach nur ein dummer Scherz? Aber was, wenn nicht? „Wer ist da?“ fragte sie erneut,

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