Spiegel der Seele
von
Anvormi
Es war ein wunderschöner Morgen. Die Sonne schickte ihre Strahlen durch jedes Fenster und weckte Ronja sanft durch das Kitzeln an der Nasenspitze. Langsam öffneten sich ihre Augen und erfassten wandernd jeden Gegenstand im Raum. "Der Sonntag ist mein Lieblingstag", dachte sie und sprang erfreut aus dem Bett.
Nachdem das Brötchen, der Tee und das Ei in ihren Bauch gewandert sind, eilte Ronja zu dem Ort, der ihr alles an Glück und Ruhe geben konnte. Eine Oase an Stimmungen und Eindrücken vermochten all die farbenfrohen Bilder wieder zu geben, die ihren wohlverdienten Platz im Museum an den Wänden fanden.
Ein großes rotes Sofa lud Ronja zum Niederlassen ein, so weich und kuschelig, dass man den ganzen Tag darauf hätte verbringen können. Ein Gemälde auf der gegenüberliegenden Seite fing ihren Blick ganz und gar ein. Grüne Augen starrten sie neugierig aber leer an, denn es gab kein Glitzern und keinen Ausdruck in ihnen, die auf ein Gefühl hätten hindeuten können.
"Hast du Gefühle?", fragte Ronja neugierig, aber das Gesicht verzog keine Mine. "Was sollen mir Gefühle bringen? Bin doch eh alleine hier in meinem Bild", erwiderte das Gesicht.
Ronja blickte erstaunt auf und suchte in den Blicken ihres Gegenübers irgend eine Regung. Es war sonderbar sich mit diesem Wesen zu unterhalten, ohne eine Stimmung zu erkennen. Dieser "Jemand" zuckte einige Male und versuchte rasch hinzuzufügen: "Ich kenne diesen, meinen Blickwinkel in allen Einzelheiten, seit ich ein Gemälde bin, auch die Welt ist mir genaustens bekannt. Alle Abläufe des Lebens sind von mir vorhersehbar und planbar. Glaube mir, ich bin sehr stolz darauf. Viele haben versucht mit meinen Augen zu sehen, es gelang aber bisher niemanden verdienter Weise in meinem Rahmen Platz zu nehmen. Magst du es mal versuchen?" Erwartungsvoll und und mit einem Funken Hoffnung schaute das Gesicht Ronja an. Diese lächelte, eilte zu ihm und ließ sich alles erzählen, was solch ein Rahmen alles in sich verbirgt.
"Nun ja, dein Rahmen ist sehr schön, aber gibt es nicht auch anderen schöne Dinge außerhalb deines Rahmens? Erlebnisse vielleicht, die deinen Rahmen umschmeicheln könnten?"
Das Gesicht blickte erschrocken, fast erzürnt auf. "Mein Rahmen ist das Leben. Keine Unregelmäßigkeit, keine unvorhergesehenen Ereignisse könnten mich je aus diesem Rahmen werfen, nicht einmal du."
Nun begann sie zu verstehen, wie wichtig diesem Wesen sein Rahmen war, und eine Idee begann in ihrem Herz und Kopf zu wachsen. "Darf ich dir einen kleinen Teil von meinem Leben zeigen?"
"Hm", murmelte das Bild nachdenklich, "wenn du meinst und es dir hilft" und schloss die Augen, um den Blick auf Ronja`s funkelnden Augen zu vermeiden. Oft hatte er an Tagen ihrer Besuche dieses Funkeln gesehen und manchmal glaubte er sogar Sterne darin zu erkennen.
Ronja griff in ihren Rucksack und zog ein farbiges Seidentuch heraus, legte es vorsichtig um das Gemälde und trug es aus dem Museum heraus. Die Augen fest verschlossen, harrte das Gesicht der Dinge aus, die nun kommen sollten. Es dauerte nicht lange, als der Augenblick gekommen war, das Seidentuch zu entfernen. Sehr gespannt erwartete das Gesicht alles, nur nicht das was es nun zu sehen bekam.
Schmerzverzerrt begann jeden Muskel seines Gesichtes zu verkrampfen, so stark waren die Schmerzen dieses Momentes. Die Augen verschlossen sich im gleichen Augenblick, um sich den unendlichen Qualen zu entziehen. Ronja reagierte blitzartig, indem sie das Gesicht wieder mit dem Seidentuch zudeckte. "Ich werde dir jetzt meinen Rahmen zeigen", sprach sie behutsam zu ihm.
Kurz darauf befanden sich beide auf einer Wiese bei sternenklarer Nacht, als das Gesicht vom Seidentuch befreit, aufschaute und ein zartes Murmeln zu hören war: "Oh, welch ein Anblick". Funkelnde Sterne leuchteten den Weg in die Unendlichkeit des Universums mit all der Weite und Vielfältigkeit, die eine Welt mit sich bringen kann. Viele Geschichten hatten alle funkelnde Sterne zu erzählen, so dass Stunden vergingen bis sich Ronja mit dem Gemälde zurück zum Museum begab.
"Aus solch einem weiten Rahmen kann man schnell herausfallen", unterbrach das Gesicht die unheimliche Ruhe. "Dies kann mir zum Glück nicht geschehen, da ich alle Ereignisse vorweg bestimme."
Es gab auf diese Feststellung seinerseits keine Worte, die Ronja als Antwort hätte finden können, stattdessen brachte die das Bild wieder an seinen Platz zurück, lächelte und sagte zum Abschied: "Es war sehr schön mit Dir. Ich wünsche dir noch ein schönes Leben."
Die Augen verschlossen wartete er, bis Ronja sich umdrehte, um den Saal zu verlassen. Die Lider langsam öffnend fühlte er, wie sich diese mit Wasser zu füllen begannen. Sein ganzer Rahmen wurde vom hemmungslosem Weinen geschüttelt und qualvolle Gedanken wanderten an den Ort zurück, an dem er sich selber begann zu erkennen. Dieser Anblick würde ihn ein Leben lang begleiten und die Bilder bei Tag und Nacht verfolgen, "der große Rahmen des Himmels und seine eigenen Toten Augen im Spiegel".
Sie hat Dich gespiegelt, wie sie dich sah.
Doch dieses Spiegelbild gefiel dir nicht,
und deshalb wandtest du dich ab,
nicht ohne vorher den Stein deiner Enttäuschung
in das Spiegelglas zu werfen.
Doch es zerbrach nicht
und reflektierte deine unglaubliche
Härte.
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