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Kategorien > Dichtung > Schicksal

Spring doch bitte nicht

von Michael Reißig

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Spring doch bitte nicht!

Stumm hockt Ronny auf seinem flauschigen ockerfarbenem Sessel. Beide Ellenbögen stützt er verkrampft auf seine bleiernen Oberschenkel ab. Fleischige Hände vergraben zitternd das schmerzverzerrte ovale Gesicht des schlanken baumlangen Mannes. Die einst so schönen tiefblauen Augen haben jeglichen Glanz verloren.
Ständig köchern Erinnerungen in ihm hoch. Auch in diesen schweren Minuten ist er gedanklich immer noch bei Ramona, seiner Ehefrau, die erst vor einem Monat von ihm gehen musste. Lange vorher war die Welt für den zweifachen Familienvater noch heil und in Ordnung.
Eine seltsame melancholische Stille erfüllt den Raum. Die schicken nussbaumfarbenen Designermöbel sind mit vielen liebevollen Details in Form von prächtig geschwungenen Bögen und feinen Glastüren – in denen kreuzförmig eingepasste Sprossen punktgenau eingearbeitet sind - versehen. Eine olivgrüne Lederrottomane, ein heller orientalischer Fransenteppich, sowie eine mit goldigem Rand gezierte weiße Bodenvase, in der lilafarbene Gladiolen arrangiert sind, geben diesem geräumigen Wohnzimmer den nötigen Pfiff.
Das Grübeln in seinem starren Kopf will einfach kein Ende mehr nehmen. In ihm geistert der irreale Gedanke, irgendetwas könne ihm - in jeder erdenklichen Sekunde - auf den Kopf fallen.
Ein unbestechlicher Blick auf den Adventskalender und auf die Uhr verrät, dass der vierte Advent genau acht Stunden alt ist. Obwohl das Fest der Liebe und der Geburt Jesu unmittelbar bevorsteht – die Feierlaune war Ronny gänzlich abhanden gekommen.
Keine Pyramide, kein Adventsstern, kein Räuchermännchen, können weihnachtliches Flair in die Wohnung zaubern. Nicht mal eine einzige Adventskerze steht auf dem viereckigen Tisch - von einem Schwibbogen oder einer Lichterkette gar ganz zu schweigen.
Das Schicksal hatte Ronny im letzten Jahr völlig im Stich gelassen. Ramona hatte er wirklich über alles geliebt.
Doch sie war unheilbar an Brustkrebs erkrankt und musste einen schier endlos langen Leidensweg über sich ergehen lassen. Aber die bösartigen Geschwüre, mit den immer üppiger wuchernden Metastasen, die unzählige Tochtergeschwülste gebildet hatten, waren eben stärker, als die tapfere Frau, die selbst in den bittersten Stunden noch ein Fünkchen Hoffnung mit sich getragen hatte. Das Ende ihres Herzschlages war für sie eine echte Erlösung und befreite sie von diesem unsäglichen Schmerz.

Leider war das bei weitem nicht der einzige Schicksalsschlag, den Ronny zu verdauen hatte.
Im November des letzten Jahres wurde er - faktisch über Nacht - aus dem örtlichen Metallbetrieb gefeuert, da dieser plötzlich Pleite gegangen war.
Dennoch wollte er nicht,wie Metall auf dem Schrottplatz, einfach so dahinrosten. Obwohl er selbst, mit fast fünfzig, nur noch geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt sah, kam ihm sein sprichwörtlicher Ehrgeiz sehr zugute. Fast jeden Abend klickte er behänd die Tastatur seines Computers. Auf eine Bewerbung folgte die nächste, doch die ständigen Absagen hatten ihn tief ins Mark getroffen und sein anfangs noch vorhandenes Selbstwertgefühl geriet von einem Tag auf den anderen immer mehr ins Wanken.
Nach fast elf Monaten Erwerbslosigkeit blieb dem Familienvater – der wenigstens seinen Stolz noch nicht ganz verloren hatte - nichts anderes übrig, als den bitteren Gang in die Arge anzutreten, um Hartz IV zu beantragen.
Für Ronny war es depremierend feststellen zu müssen, dass einen Monat nach Auslaufen des Arbeitslosengeldes, nicht mal ein magerer Euro auf sein Konto überwiesen worden war.
Zuerst der Tod seiner Frau und dann auch das noch. Schlimmer hätte es wahrlich nicht mehr kommen können. Er musste auch noch die letzten kümmerlichen Ersparnisse zusammenkratzen, um die teure Bestattung überhaupt finanzieren zu können.
Das Klima in der Arge war sehr rauh - dennoch versuchte Ronny geduldig dem Fallmanager die prekäre Situation ausführlich darzulegen. Doch der blockte entschieden ab.
„Da kann ich doch auch nicht dafür!“ antwortete er lakonisch. Das höhnisches Grinsen auf seinen Lippen, und dazu noch die provokante Taubheit in seinen Ohren, brachten Ronny erst so richtig auf die Palme.
Ein anderes Mal musste er sich sogar mit anhören: „Dieses interessiert doch keinen hier!“
Eine derartige Respekt- und Herzlosigkeit, war ihm bisher nur sehr selten begegnet.
Ronny trieb es die dunkelste Zornesröte, die er jemals hatte, in sein Gesicht.
„Was Sie hier von sich geben, ist eine Frechheit ohne Gleichen. Sie müsste man mal als Erntehelfer aufs Feld schicken, damit sie mal erfahren, wie sich Arbeit überhaupt anfühlt“, stellte Ronny den arroganten Wichtigtuer an den Pranger und er ließ gleich so viel Dampf ab, dass selbst die stummen hochsensiblen Wände und der akribisch gepflegte Oberlippenbart dieses sturen Bürokraten vibrierten.
Doch dieser fackelte nicht lange. Mit voller Wut im Bauch schnappte er sich den Telefonhörer.
„Robert, komme doch bitte sofort mal in mein Zimmer!“, raunzte der völlig erboste Fallmanager durch die weiße Muschel des Hörers.
Ronny konnte natürlich ahnen, wer der gestrenge Herr wohl sein könnte, der am anderen Ende der Leitung klemmte.
Er war gerade dabei sich umzudrehen, um fluchtartig den Raum zu verlassen.
„Moment, ich muss mit ihnen noch etwas klären, zischte der Fallmänager wütend.
Ronny machte sofort kehrt. Ohne ein Wort zu sagen, stöberte er in seinen Akten – wahrscheinlich nur um Ronny abzulenken - und seine gläsernen Augen schauten immer wieder auf, während Ronny's sensible Hände anfingen zu zittern.
Urplötzlich klopfte es an die Tür. „Robert“, outete sich der Mann krächzend. Der Fallmanager bat ihn herein.
Die Tür wurde weit aufgerissen und nachdem er die Schwelle überschritten hatte, baute sich ein Riese mit stahlharten Muskeln, bedrohlich vor Ronny auf. Er musterte ihn gründlich. „Was ist denn hier los!“, fragte der dienstbeflissene Sicherheitsbeamte neugierig.
„Führe den Mann aus dem Zimmer, der ist eben total ausgerastet!“, sagte der Fallmanager trocken.
„Kommen Sie mit!“, polterte der Mann zornig und setzte dazu noch ein hochmütiges Lächeln auf.
Der Bedienstete krallte sich mit seiner linken Hand an Ronny's rechter Hand fest und riss mit der rechten Hand die Tür auf, knallte diese wieder wutentbrannt hinter sich zu und zerrte ihn durch die weiträumige, lichtdurchflutete Eingangshalle. An der blitzenden gläsernen Ausgangstür ließ er schließlich von ihm ab. Ronny hatte neugierige Blicke auf sich gezogen. Einigen Besuchern war der Schreck so sehr in die Glieder gefahren, dass sie auf der Stelle stehen geblieben waren.
„Dieses passiert mir nicht noch einmal!“, fauchte er Ronny zum Abschied mit großen feurigen Augen an.
Ronny nutzte die reichlich vorhandene Zeit und steuerte mit federnden Schritten gleich noch die Sparkasse an, um seinen Kontoauszug zu prüfen. Er wagte kaum noch zu zählen, zum wievielten Male er die Schwelle zu dieser kleinen Filiale der Kreissparkasse bereits überschritten hatte.
Doch das

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Kommentare

BlueSteel schrieb am 2009-03-02 20:27:37:
sehr nette Geschichte, doch, hat mich wirklich berührt. Du hast auch viele Sätze schön ausgeschmückt und alles gut beschrieben, Meist passende Wörter verwendet, an manchen Stellen hättest du den Satz nochmal lesen sollen und prüfen, ob eins der Wörter nicht doch zu ersetzen ist. Bis auf ein paar Rechtschreibfehler oder verwirrend konstruierte Sätze lässt es sich recht flüssig lesen, ich persönlich finde das Ende zu kitschig, aber das ist Geschmackssache :).

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