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Kategorien > Aus dem Leben > Gefühle

Spuren

von Elvis

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Spuren

Entnervt durchwühlt er seine grossen Manteltaschen. Ein zerknülltes Taschentuch, ein bröckliger Kaugummi und einige Münzen. Kein Schlüssel. Er schüttelt seine Manteltaschen, doch kein vertrautes Klirren des Schlüsselbundes ist zu vernehmen. Krampfhaft versucht er sich daran zu erinnern, wo er ihn das letzte Mal gesehen hat. „Verdammt, verdammt, verdammt!“, entfährt es ihm. Entmutigt lässt er sich auf den alten, wackeligen Stuhl nieder, der nun seit Monaten im Treppenhaus steht und darauf wartet, endlich entsorgt zu werden, nachdem ihm bewusst geworden ist, dass der Schlüssel sich noch immer in der Handtasche von Melanie befindet. Melanie. Der Name versetzt ihm einen Stich ins Herzen, mitten hinein. Entschlossen nicht auf diese Gefühl zu achten, beschäftigt er sich krampfhaft mit dem Gedanken, welcher seiner Nachbarn, denen er einen Ersatzschlüssel geliehen hat, sich um diese Uhrzeit im Haus befindet. Er streicht sich die nassen Haare aus dem Gesicht und reibt sich fröstelnd die Hände. Da hört er, wie die schwere Eingangstür ins Schloss fällt. Gleich darauf erscheint eine plumpe, alte Frau am Fussende der Treppe. Frau Streicher, die Hausbesitzerin. „Oh nein, auch das noch!“, murmelt er und versucht ein gleichgültiges Gesicht aufzusetzen. „Sie sehen aus, als hätte Sie jemand mit einem Gartenschlauch gewässert. Sie sollten sich einen Schirm zulegen, so verregnet sehen sie nicht gerade vorteilhaft aus. Haben Sie sich ausgesperrt?“, fragt die Alte mit einem hämischen Grinsen, sorgsam darauf bedacht, diesen Moment auszukosten. Seit er ihrem dreckigen, kleinen Köter aus Versehen auf den Schwanz getreten ist, lässt sie keine Gelegenheit aus, ihn ein wenig zu schikanieren, und solche Momente, in denen er auf ihre Hilfe angewiesen ist, scheint sie besonders zu geniessen. „Ja, sozusagen, können Sie mir behilflich sein?“, antwortet er und versucht ihren schadenfrohen Unterton zu überhören. Die Alte zieht mit einem zufriedenen Lächeln ihren eigenen Schlüssel aus ihrer Tasche und schliesst die Wohnungstüre ihres Mieters, betont langsam und nicht ohne ihm beim Vorübergehen aus Versehen ihren Ellbogen in die Rippen zu drücken, auf.
„Alte Hexe!“, murmelt er, als er die Tür hinter sich zugezogen hat. Er wirft seinen Schal und seinen feuchten Mantel über eine Stuhllehne, schlurft in die Küche und bleibt wie versteinert stehen. Auf dem Küchentisch liegt eine angebrochene Tafel Schokolade. Ihre Schokolade. Daneben steht eine Tasse, noch bis zur Hälfte mit Kaffee gefüllt, mit einer dünnen, roten Spur am Rand. Traurig blickt er auf den Tisch, lehnt sich kraftlos gegen die Wand, schliesst die Augen. Es scheint ihm, als könnte er noch immer den Duft ihres Parfüms riechen. Vanille. Sie benutzt Vanille Parfum. Vanille, vermischt mit kaltem Rauch. Eigentlich hasst er ihre Zigaretten, genau wie ihre Sucht nach Schokolade und kitschigen Romanen. Mit einer plötzlichen, abrupten Bewegung richtet er sich auf, greift sich die Tasse, schüttet den Kaffee in einem hohen Bogen in den Abfluss und dreht den Wasserhahn so kräftig auf, dass das Wasser auf alle Seiten spritzt. Fluchend stellt er den Strahl etwas milder ein und versucht, die Tasse von dem hässlichen Kaffeerand und der ekligen Lippenstiftspur zu befreien. „Dieses Rot. Das passt nicht zu ihr, macht sie viel zu blass. Gut bleibt mir dieser Anblick in Zukunft erspart. Nun, ich bin glücklich, der glücklichste Mensch der Welt. Hab endlich meinen Freiraum. Kein Jemand sollte noch den Müll raus tragen oder Wer hat schon wieder das ganze Müsli weggegessen mehr,“, spricht er leise vor sich hin. Er stellt den abgewaschenen Becher in den Abtropfständer, wirft die Schokolade mit einem triumphierenden Grinsen auf dem Gesicht in den überquellenden Mülleimer, dem er ebenfalls ein spitzbübisches Lächeln schenkt und begibt sich zufrieden ins Wohnzimmer. Mit einem genüsslichen Grunzen wirft er sich auf das Sofa, grapscht sich die Fernbedienung und schaltet den Fernseher an. Er drückt sich durch die verschieden Sender, einfach so, ohne dass das vertraute, verächtliche Schnauben aus der Leseecke sich unter die Geräusche des Fernsehers mischt. Etwas irritiert blickt er um sich, doch dann lehnt er sich gemütlich zurück. Ach, er geniesst diese neue Freiheit. Gerade stopft er sich ein Kissen in den Rücken, als seine Finger einen Gegenstand berühren. Er erfasst ihn und zieht ihn unter dem Kissen hervor. Sein Herz macht einen kleinen Sprung. Erneut fühlt er dieses fiese Stechen, dieses leichte Zwicken in seinem Herzen. In seiner Hand hält er ein Buch. Ihr Buch, „Mondscheintarif“ von Ildikó von Kürthy. Auf dem Einband sind einige Fingerabdrücke aus Schokolade, und einige Buchseiten sind umgeknickt. Liebevoll streicht er mit seiner Hand über den Einband, glättet mit dem Daumen zärtlich die umgeknickten Buchseiten. Seine Augen schimmern verdächtig. Er richtet sich ein wenig auf, lässt seinen Blick durchs Zimmer gleiten und beleibt an dem Bild hängen, das sie ihm zu ihrem ersten Jahrestag gemalt hat. Sie ist eine begnadete Malerin. Stundelang konnte er ihr dabei zusehen. Sanft liess sie den Pinsel über das Blatt gleiten, legte dabei ihren Kopf leicht schief, wodurch der Blick auf ihren graziösen Hals freigegeben wurde. Er schluckt. Doch plötzlich ruft er: „Nein, ich bin nicht traurig, und ich fühle mich auch nicht einsam, ich bin die Fröhlichkeit in Person!“ Und wie zum Beweis streicht er sich mit seinem Handrücken energisch über die Augen, erhebt sich und geht mit erhobenem Haupt selbstsicher ins Badezimmer. Er schaltet das Licht an. Der Schein fällt auf eine Haarbürste, die dort scheinbar hinterlistig in der Dunkelheit auf ihn gewartet hat. Einige lange, dunkle Haare haben sich darin verfangen. Er erinnert sich schmerzlich an die unzähligen Stunden, in denen er Melanie liebevoll über ihre glänzenden, nach Rosenshampoo duftenden Haare gestreichelt hatte. Mit einem plötzlichen Anflug von Wut packt er das kleine Ding, wirft es in den Wäschekorb und bedeckt es mit einem Kleidungsstück. Gelb, mit einem zarten Blumenmuster. Er stutzt, als er ihren Rock erkennt, vergessen in der Hitze des Gefechtes, zurückgelassen bei ihrem überstürzten Auszug. Auf einmal kann er sich nichts mehr vormachen, er fühlt sich überhaupt nicht froh und frei. Überall scheinen Spuren zu lauern, engen ihn ein. Spuren einer gemeinsamen Vergangenheit, einer Vergangenheit mit ihr. Melanie. Weshalb hatten sie gestritten? Ging es um den überfüllt Mülleimer, hatte er ihre Zigaretten versteckt oder war er gereizt, weil es im Geschäft nicht nach seinen Vorstellungen lief? Er weiss es nicht mehr genau, die Ursache war auf jeden Fall nichtig gewesen, kindisch. Sie hatten sich schreckliche Dinge an den Kopf geworfen, während sie ihre Koffer gepackt hatte. Schreie, Vorwürfe, Tränen. Er hatte sich seinen Mantel übergeworfen, war ihr auf die Strasse gefolgt. Doch sie liess ihn stehen, im Regen, verschwand in der Dämmerung.
Nachdenklich legt er sich im Schlafzimmer auf das Bett. Er hat das Licht nicht

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Kommentare

christoph schlüter schrieb am 2006-07-12 11:28:46:
Man ist schnell in der Geschichte. Du schaffst es, die richtige Stimmung zu vermitteln.
Insgesamt zwar keine hochoriginelle, dafür aber gelungene Story mit versöhnlichem Ende.
Gar nicht übel.

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