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Kategorien > Alltag > Begegnungen

Spuren gegen das Vergessenwerden

von joLepies

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Claudia und Günter waren seit zwanzig Jahren verheiratet. Die Natur hatte den beiden rigoros die Geburt eines Kindes verweigert. Das war für Claudia nicht ohne Folgen geblieben. Im Laufe der Zeit hatte sie sich in eine lyrische Depressive verwandelt. Die Folge - Wortkunstwerke wie: „Wer will schon vergessen werden ...? Wer, den niemand weckt aus seinem Traum, wenn dessen Erdenwelt verblich?“ Trotz allem stand Claudia oft vor dem großen Spiegel. Dann fand sie, dass sie immer noch schlank und rank war. Und auch ihr Haar – immer noch voll und schwarz glänzend.

„Du kannst das Philosophieren wohl gar nicht sein lassen“, wehrte sich Günter wieder einmal gegen die poetischen Sprüche seiner Frau.

„Du doch auch nicht ...!“, entgegnete Claudia schlagfertig.

„Schon möglich ...“ verteidigte Günter sein Übergewicht, „Essen, Trinken und Schlafen erfreuen eben Leib und Seele.“

Der hat schon lange für sich den Sinn des Lebens gefunden, erkannte Claudia wieder einmal. Und ich ...? Eine Lösung muss her!“

So suchte die Frau nach weiteren Gründen für ihre Existenz, außer, dass sich ihre Eltern damals leidenschaftlich in den Armen gehalten hatten, und dadurch ein Teil des universalen Bewusstseins, auf Erden ihre Gestalt annehmen konnte.

„Ich weiß“, rief Claudia eines Tages beim Frühstück, „wie man sich gegen Vergessenwerden schützen und dabei vielleicht auch gleich den Sinn des Lebens finden kann. Wir müssen Spuren legen ...!“

„Was willst du legen ...?“, fragte Günter mit vollem Mund und tupfte sich dabei die Erdbeermarmelade von den Mundwinkeln.

„Genau ...!“, begann Claudia ihre Idee darzulegen, „wir werden bei uns einen Mittagstisch einrichten. Sonntags und an allen Feiertagen. Und da werden wir jemanden rausfüttern, uns seine Sorgen anhören, versuchen ihm diese abzunehmen oder sie wenigstens kleinzuhalten – sozusagen seine Seele zu streicheln.“

„Wenn das gut ist gegen lyrische Depressionen“, murmelte Günter, „aber eines sage ich dir, meine dreimal täglichen Portionen, meine Anzahl an Bieren und Schnäpsen werden nicht gekürzt. Und auch nicht die Zeit, die ich nach jedem Essen zum Ausruhen brauche. Löwen ruhen auch sechzehn Stunden am Tag.“

Und so kam es, dass es eines Tages im Hause von Claudia und Günter sonntags und feiertäglich eine Tafel gab, auf der sich Hasen-, Reh-, Enten- und Gänsebraten tummelten. Gern gesehen von den Hilfsorganisationen. Doch an erster Stelle von den Gästen – vom Schicksal benachteiligte Männer, Frauen und Kinder.

Doch erst die Worte eines Gastes der Tafel: „Vergelt's Gott! Er und wir werden euch niemals vergessen“, zeigten Claudia den wirklichen Sinn ihres Lebens: Für andere dazusein! Verbunden mit der Gewissheit, durch gelegte Spuren auch etwas gegen das Vergessenwerden getan zu haben.

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