Stille der Nacht 2
von
Sven forever
Es waren 2 Tage vergangen. Sebastians Chef hatte ihm jetzt für eine Woche
frei gegeben. Zwei Kollegen aus Nürnberg übernahmen bereits die Vertretung
des alten Teams. Es war fast völlig ausgelöscht. Sebastian hatte als
einziger diese Mordserie überlebt. Er wollte nach Hause fahren, aber er
fühlte sich immer noch so leer und alles war so sinnlos. Aber im gleichen
Moment war er wütend. Wütend über diese Verbrecher, die Schuld an dem ganzen
Geschehen hatten. In solchen Momenten fuhr er nach der Arbeit oft mit zu
seinem Freund auf ein Bier oder einfach nur so zum Reden. Heute musste er
feststellen, dass es diesen Freund nicht mehr gab.
Er fuhr durch die Stadt, wollte raus. Er hielt vor dem Hochhaus mit den
runden Fenstern. Als er jetzt wieder da oben stand, fühlte er sich freier.
Die Trauer schien für einige Augenblicke vergessen zu sein. Hier oben war
alles so weit fort. Es war ruhig, nur ab und zu hörte man Autos, die unten
an der Strasse vorbeifuhren. Es war erst Nachmittag, scheinbar hatte er die
Zeit vergessen. Er setzte sich auf die Kieselsteine und sah in den Himmel.
Er war grau, die Sonne hatte sich hinter den Wolken verkrochen. Doch als die
Nacht hereinbrach, kamen langsam ein paar Sterne zum Vorschein, der Mond
blinzelte zwischen grauen Schleiern hindurch. Es war noch friedlicher
geworden.
Da hörte er von hinten leise Schritte auf ihn zukommen. "Ich wollte ihn noch
mal sehen." hörte er von hinten eine zitternde Frauenstimme sa-gen. Es war
Jana. Sie setzte sich neben ihn auf den Boden. "Ich war heute im Krankenhaus
und habe den Arzt gefragt, ob ich ihn noch mal sehen könnte. Er bat mich,
eine Weile zu warten und dann ging ich den kahlen Flur entlang. Es war
grausam. Als würde ich zu meiner eigenen Beerdigung gehen. Der Arzt öffnete
eine stählerne Schiebetür. In der Mitte des Raumes stand eine kalte Liege
bedeckt mit einem grünen Tuch." Jana stockte der Atem. Nach einer Weile
redete sie weiter: "Der Arzt nahm langsam das Tuch zurück. -Ich lasse Sie
jetzt kurz allein- hatte er gesagt und dann ging er Schritt für Schritt von
mir zurück. Ich merkte wie langsam das Leben aus diesem Raum verschwand. Als
wür-de jemand die Luft herausziehen. Ich sah zur Liege. Aber das war nicht
Andre. Das war der Kopf eines Toten, aber das war nicht Andre."
Die Nacht brach herein. Jana holte eine kleine Schachtel aus ihrer
20
Jackentasche. "Was ist das?" wollte Sebastian wissen. "Das ist ein Ge-schenk
für Andre. Ich hatte vergessen, es ihm zu geben. Ich habe ihm auch nicht
gesagt, dass ich das gewesen bin, der ihm in die Rückleuch-te von seinem
Auto rein gefahren ist, ich habe ihm nicht gesagt, das. Ich habe ihm so
vieles nicht gesagt. Er fehlt mir so. Er fehlt mir." Sebastian fühlte das
gleiche. Er hatte seinen besten Freund und Kolle-gen verloren. Übermorgen
würde die Beerdigung sein. Er sah die Blicke seiner Kameraden, all das
Mitleid von Leuten, die schon kurze Zeit spä-ter fröhlich mit ihren Familien
am Esstisch sitzen und über belanglose Dinge diskutieren würden. Vielleicht
fände er einen Weg, um mit der Situation klar zu kommen. Ein Tag lag ja noch
zwischen jetzt und der Trauerfeier.
Ziemlich spät verließen sie das Hochhausdach. Und so kam der nächste Tag.
Jana hatte sich schon gestern nicht auf Ihre Arbeit konzentrieren können.
Sie hätte einem Grundschulkind beinahe ein Horrorbuch ver-kauft und einer
alten Dame, die ein Kochbuch suchte, zeigte sie Ge-sundheitsbücher mit dem
Thema "Wie nehme ich am schnellsten ab". Ihre Chefin gab ihr zwei Tage frei,
Sie würden im Buchladen schon mal alleine klar kommen, so viel los war
dieser Tage nicht. Jana fuhr nach Hause, vergrub sich in ihrem Bett, sie
versuchte einzuschlafen, manch-mal gelang es ihr für zwanzig Minuten, für
zehn, dann lag sie wieder ei-ne Stunde wach. Das ging so bis zum nächsten
Morgen.
Der Kaffee schmeckte erbärmlich, Jana hatte die Löffel nicht gezählt, die
sie für eine Tasse in den Filter schüttete. Ihr Gesicht war ohne Far-be,
fast kreidebleich. Tiefschwarz gekleidet verließ sie ihre Wohnung. Ihre
blonden Haare hätte sie sich am liebsten auch noch schwarz ge-färbt. So zog
sie sich nur ein schwarzes Kopftuch auf und ging runter zur Haustür, wo
Sebastian bereits auf sie gewartet hatte.
Der Weg zum Friedhof war lang und so schwer, als wenn man einen
Gerichtstermin vor sich hätte und der Richter das Todesurteil sprechen
würde. Sie wollte zurück, sie wollte ausbrechen, aber es gab kein
ent-rinnen. Sie fühlte sich leer und ratlos. Sie lehnte ihren Kopf an die
Scheibe der Beifahrertüre. "So haben sie Andre gefunden." sagte Sebastian.
"Was hat er da gefühlt, als er um Hilfe gerufen hatte. Wa-rum hat dieses
Schwein ihn angeschossen? Wenn es ihm doch nicht gut ging, warum ist er dann
überhaupt zum Dienst gegangen?" Sie hatten sich diese Fragen immer und immer
wieder gestellt. Aber so sehr sie
21
auch nach einer Antwort suchten, sie fanden sie nicht. Als die Beiden am
Parkplatz angekommen waren, wurden sie bereits von den anderen erwartet.
Jana setzte sich ihre Sonnenbrille auf und zog ihr Kopftuch noch tiefer über
ihr Gesicht.
Da saß sie nun. In der ersten Reihe der kleinen Friedhofskapelle. Links
neben ihr Andres Mutter. Jana hatte sie ja noch gar nicht so recht ken-nen
gelernt, nur einmal gesehen im Krankenhaus. Dort hatte sie mir al-les Gute
zu unserer Verlobung gewünscht. Die Verlobung, die doch so richtig nie
stattgefunden hatte. Das hatte Jana doch nur der Kranken-schwester erzählt,
um Auskunft zu bekommen, wie es um Andre steht. Und nun sahen sie alle, als
Andres Verlobte an. In ihrem Herzen war sie das ja auch. Dann saßen noch ein
paar Freunde und Verwandte von Andre eine Reihe hinter ihnen. Jana kannte
manche nur von Fotos und Andres Erzählungen, die Frau ganz außen mit dem
überdrehten Hut, das musste eine weit entfernte Tante von ihm sein, über die
hatte er immer gesagt - Für diese Person ist selbst das Beste noch nicht gut
ge-nug-. Auf der anderen Seite saßen lauter Kollegen von ihm und der
Hauptkommissar Tegges, der Vorgesetzte von Andre und Sebastian. Alle in
Polizeiuniformen. Die Trauerrede hörte sich an wie lauter anein-ander
gereihte sinnlose Worte. Was immer man jetzt sagte, davon wür-de Andre nicht
mehr lebendig. Sie starrte die ganze Zeit auf den Sarg. Sie bemerkte gar
nicht, als sich die Trauergemeinschaft auf den Weg nach draußen machte.
Andres Mutter gab ihr einen Schups in die Seite und Jana schreckte auf.
Wie in Zeitlupe folgten alle dem Sarg. Jana und Sebastian gingen direkt
dahinter. Es war grausam, keine Worte gibt es für diesen letzten Weg eines
Menschen. Jana hielt ihre Sonnenblume in den Händen, als ver-suchte sie sich
daran festzuhalten. Jetzt war es soweit. Sie warf die Blu-me vor sich ins
offene Grab. Ein letzter Blick und dann wendete sie sich weg. Sie schaute
hinweg über die lange Schlange, welche sich hinter ihr angesammelt hatte.
Sie suchte Sebastian, der stand auf einmal nicht mehr neben ihr. Sie konnte
ihn aber nicht entdecken und so ging sie allein ein Stück weiter. Nach einer
Weile war Sebastian auf einmal wie-der hinter ihr. Sie schwiegen sich an,
ihre Blicke zum Boden gerichtet. Und in ihrem Kopf andauernd nur eine
einzige Frage: "Warum?"
Jana wollte noch ein Stück gehen und so fuhr Sebastian allein fort. Sie
würde dann den Bus nehmen oder ein Taxi. Als etwas Zeit vergangen
22
war und sie sich sicher sein konnte, das niemand von den Trauergästen mehr
auf dem Friedhof war, ging sie noch mal zurück. Sie blieb stun-denlang vor
Andres Grab, versuchte einen Abschluss zu finden, einen Gedanken mit dem sie
weiterleben könnte. Nur sie fand keinen. Lang-sam wurde es dunkel. Der
Friedhof würde schließen und so machte sie sich auf den Heimweg. Jana ging
durch die einsamen Straßen. Zunächst etwas ziellos, sie hatte Angst, jetzt
allein in ihrer Wohnung zu sein. So ging sie in Richtung Innenstadt vorbei
an dem Cafe, wo sie sich zum ersten Mal getroffen hatte. Sie sah ihn für
einen Moment auf dem Stuhl dort in der rechten Fensterecke sitzen. Doch es
war spät und das Cafe hatte schon geschlossen. Nur ein kleines Licht schien
noch in das Fenster hinein von der Straßenlaterne gegenüber.
Zwei Wochen lang ging sie jetzt jeden Abend den gleichen Weg. Erst zum
Friedhof, dann durch die Stadt, zuletzt vorbei an dem Cafe. Manch-mal traf
sie Sebastian, der gerade vom Friedhof zurückkam. Sie redeten nicht viel
miteinander. Ihre Kollegen meinten zu Jana, sie dürfte sich nicht völlig
zurückziehen und alles in sich hineinfressen. Das war leicht gesagt.
Irgendwann würde vielleicht auch die Sonne einmal wieder scheinen, im Moment
waren aber noch viele Wolken davor.
Heute lief Jana auch wieder den Weg. Allerdings viel später als sonst und
nicht zum Friedhof, da sie heute die einzige im Buchladen gewesen ist und
bis zum Ladenschluss die Stellung halten musste. Danach noch die
Kassenabrechnung und eh man dann Feierabend hat, ist es schnell neun Uhr.
Sie hatte in der Stadt etwas gegessen und kam gerade an dem Cafe vorbei,
ging ein Stück weiter und ihr war es, als folgte Ihr je-mand. Sie blieb
stehen und sah sich um, doch sie konnte niemanden sehen. So ging sie ein
Stück weiter und wieder hörte sie Schritte hinter sich. Sie hörte es ganz
deutlich. Früher hätte sie Angst gehabt, aber jetzt fühlte sie nichts. Keine
Angst, überhaupt nichts. Würde ich ster-ben, ich sähe Andre wieder. Sie sah
zum Himmel, als wollte sie ihm sa-gen, das sie ihn gleich besuchen kommt.
"Ich will dich doch nur noch einmal in den Arm nehmen können, ich will dir
nur noch einmal sagen, das ich dich liebe." sagte sie leise. "Ich vermisse
dich so."
Die Schritte kamen immer näher. Bis sie direkt hinter ihr Halt machten.
Erneut sah sie sich um und da stand er. Sie traute ihren Augen kaum.
"Andre!" sagte sie zu der fremden Gestalt hinter ihr. Etwas verdutzt
antwortete ihr der Fremde: "Sorry, ich heiße nicht Andre. Entschuldigen
23
Sie, das ich Sie verfolge, aber Sie sind die einzige, die so spät in der
Nacht noch hier herumlief. Ich bin auf Geschäftsreise in Bayreuth und ich
habe überhaupt keine Ahnung wo ich jetzt hier bin. Ich suche mein Hotel.
Eigentlich wollte ich nur eine Runde um den Block laufen, aber ich habe mich
total verirrt, weil ich mal wieder viel weiter gegangen bin, wie ich
vorhatte."
Wie von Sinnen starrte Jana den Mann an und bekam kein Wort heraus. So
redete er weiter: "Entschuldigen Sie. Können Sie mir sagen, wo ich dieses
Hotel hier wieder finde?" Er zeigte ihr ein kleines Kärtchen mit der
Anschrift des Hotels. "Habe ich Ihnen jetzt die Sprache verschla-gen? Ich
wollte Sie nicht erschrecken!" Jana stotterte ein paar Worte: "Eh, nein.
Nein, nein. Ist schon okay. Zeigen Sie noch mal." Erneut reichte er ihr das
Kärtchen herüber. Jetzt sprudelte es auf einmal nur so aus Jana heraus:
"Ach, das ist ganz in der Nähe. Wissen Sie, Sie gehen hier gleich rechts und
dann gehen Sie über zwei Strassen und dann links und dann kommen Sie an
einen großen Platz, da gehen sie schräg drüber und dann sind sie in so einer
kleinen Gasse, dann kommt noch eine Kreuzung, da..." Der Mann unterbrach
sie: "Entschuldigen Sie, ich. Können Sie mir das noch mal." "Ich kann ihnen
den Weg zeigen. Ich gehe den gleichen." fuhr Jana dazwischen. Sie überlegte
überhaupt nicht. Was hatte sie da eben gesagt? Sie musste doch eigentlich
genau in die entgegen gesetzte Richtung. Außerdem kannte sie den Mann nicht.
Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Aber er erinnerte sie so dermaßen an
Andre. Der verträumte Blick, sein Lachen, seine Art zu re-den, als wäre es
Andre. Sie fühlte zum ersten Mal nach Andres Tod wie-der so etwas wie einen
Funken Hoffnung in ihrem Leben.
"Kommen Sie." forderte Jana ihn auf. Der Fremde war froh und dachte dass er
so wenigstens heute noch in seinem Hotel ankommen würde. "Wer ist dieser
Andre, sehe ich ihm ähnlich?" wollte der Fremde wissen. Was sollte Jana ihm
antworten? Sie wusste es nicht. "Etwas." sagte sie. "Ist das Ihr?" Doch
bevor er weiterfragen konnte, beantwortete sie ihm die Frage. "Er war mein
Stern. Seit heute liegt er auf dem Friedhof und ich auch." Erschrocken blieb
der Fremde stehen. "Ihr Stern? Ihr Mann!? Er ist tot? Das tut mir leid.
Entschuldigen Sie, ich konnte es ja nicht wissen. Oh, ich hätte es merken
können. Sie ja tragen schwarz und sehen so traurig aus." Jana war es
eigentlich zum weinen, doch konnte sie sich ein kleines Lachen nicht
verkneifen: "Das ist jetzt schon das vierte Mal, dass Sie sich bei mir
entschuldigen. Haben Sie immer so ein
24
schlechtes Gewissen?" Fragend blickte der Fremde Jana an, als wollte er von
ihr wissen, was er jetzt darauf antworten solle. Vielleicht hätte er lieber
auf die Strasse schauen sollen, denn direkt vor ihm lag ein etwas größerer
Stein und wie es das Schicksal wollte, nun auch der Fremde. "Haben Sie den
Stein nicht gesehen?" fragte Jana. "Autsch. Wohl nicht, sonst würde ich kaum
hier unten liegen. Es gibt gemütlichere Orte, als ein Straßenpflaster."
Jetzt konnten beide sich ein Lachen nicht mehr verkneifen. Die Situation war
wirklich komisch. "Geben Sie mir Ihre Hand, ich helfe Ihnen auf!" bat Jana
ihm an. "Danke!" er verzog sein Gesicht. "Was ist?" "Wissen sie auch, wo das
nächste Krankenhaus ist? Ich glaube meine Hand ist im Eimer. Sie tut
ziemlich weh. So ein Mist."
Natürlich wusste Jana wo sich ein Krankenhaus befindet. Andre hatte darin
gelegen. Und schon waren ihre Gedanken wieder bei ihm. "Es ist aber ein
ganzes Stück weiter, wie ihr Hotel. Wir nehmen uns besser ein Taxi." riet
sie dem Fremden. "Ein Taxi zum Krankenhaus. Perfekt, ich muss morgen früh zu
einem wichtigen Meeting. Ou man." Es war zum Glück ein Taxiplatz ganz in der
Nähe und so bekamen sie direkt einen Wagen, der sie sicher zum Krankenhaus
Hohe Warte brachte. "Wie darf ich Sie eigentlich nennen?" wollte der Fremde
wissen. "Oh Entschuldi-gung, ich heiße Jana." "Jetzt haben Sie sich auch
entschuldigt." lachte er zu Jana rüber. "Ich heiße übrigens Sven." "Sven -
schöner Name." "Jana ist auch ein schöner Name." erwiderte er und schon bald
sahen sie die Lichter des großen Krankenhauskomplexes. "Wir sind da, Sven."
Jana fühlte sich eigenartig. Als würden tausend kleine Flugzeuge in ihrem
Bauch Kunstflüge veranstalten wollen. Sie stiegen aus und betra-ten die
Notaufnahme des Krankenhauses. Eine Nachtschwester nahm sie in Empfang. "Was
haben wir denn da?" fragte sie die Beiden. Sven schilderte kurz den Vorfall
und die Schwester bat ihn mitzukommen, der Arzt würde sich das dann mal
ansehen.
Jana wartete draußen. Mulmig war ihr zumute. Das letzte Mal, wo sie hier auf
dem Krankenhausflur gewartet hatte, war als Andre hier einge-liefert wurde.
Doch diesmal ging es schnell. Sven kam wieder raus, schaute zwar, als hätte
ihn ein Betonlaster überfahren, dabei war die Hand nicht einmal gebrochen,
nur verstaucht. Einen Verband hatte man ihm verpasst und so konnte er das
Krankenhaus direkt wieder ver-lassen. "Das Taxi hätte ja fast hier solange
warten können, was?" fragte Jana. Sven antwortete ihr nicht. "Sven?" sie
tippte ihn leicht an. "Ou, ja? Ja, klar. Das Taxi. Wir bestellen uns ein
neues." antwortete
25
Sven noch etwas benommen. "Dann können Sie auch morgen pünktlich zu Ihrem
Meeting." "Ja! Obwohl so ein Meeting ist immer echt an-strengend und kann
ganz schön nervig sein. Naja."
Der Mond schien hell in die nächtliche Stille. "Sehen Sie dort oben, die
Sterne leuchten?" fragte Sven als sie draußen vor dem Eingang auf das Taxi
warteten. "Die Sterne? Wie kommst du, wie kommen Sie darauf?" wollte Jana
wissen. " -Du- ist okay. Du hast mir doch vorhin von dei-nem Stern erzählt.
Weißt du? Du magst die Sterne? Ihr habt die Sterne gemocht?" Jana war
überrascht. Sie hatte Sven doch erst vor kaum ein paar Stunden kennen
gelernt, aber es war ihr, als kannten sie sich schon eine halbe Ewigkeit.
Das Taxi kam und nun standen sie vor dem Arvena, Svens Hotel. Sie schauten
zusammen in die Sterne und Jana erzählte ihm weiter von Andre. "Komm, wir
gehen noch etwas." Aus dem "Etwas" wurden Stunden. "Schrecken, es ist schon
3.00 Uhr! Dein Meeting." bemerkte Jana. "Das ist mir egal! Bis zum Meeting
sind es ja noch ein paar Stunden und das Hotel - da komme ich jetzt doch eh
nicht mehr hinein." Jana lachte. "Du bist doch nicht in irgendeiner
Ab-steige, da kommst du die ganze Nacht noch hinein." "Wo wohnst du?" fragte
Sven. "Das ist ganz in die andere Richtung. Da komme ich jetzt nur mit dem
Taxi hin." "Wie? Du hast doch erst gemeint, mein Hotel läge auf deinem Weg."
Sven schaute etwas verdutzt. Jana versuchte sich irgendwie zu rechtfertigen,
aber Sven lenkte ein: "Dann hätten wir uns nicht getroffen! Was machen wir
nun?" Sie sahen sich an und es war, als könnten sie allein durch ihre Blicke
sprechen ohne ein Wort zu reden. "Ich komme noch mit bis zum Eingang und
dann rufe ich mir ein Taxi." sagte Jana. "Wenn morgen dein Meeting aus ist,
sehen wir uns wieder?" Sven reichte ihr seine Handynummer: "Hier. Ruf mich
morgen an so gegen Mittag, okay?!" "Okay."
Am Eingang angekommen, wartete bereits ein Taxi. Es war wohl für ei-nen
anderen Hotelgast bestimmt, aber das konnte der Fahrer ja nicht wissen und
so gab sich Jana als der Fahrgast aus: "Stadtteil Saas bitte!" Sie warf ihm
noch einen kurzen Blick zu und verschwand im Auto. Jana hielt den Zettel mit
der Handynummer fest in ihrer Hand. Sie konnte sie bereits auswendig. Das
lag aber kaum daran, dass sie sich Nummern so gut merken konnte. Es muss an
der Situation gelegen haben. Diese Nummer schien ihr im Moment das
wichtigste zu sein, wie die Sonnen-strahlen, welche zwischen den Wolken
hervorblitzen oder wie ein neuer Stern am Horizont.
26
Das Taxi war fort. Bevor sie die Wohnungstür aufschloss, schaute sie noch
einmal zum Himmel hinauf, dann verschwand sie im Haus. Sie brauchte morgen
nicht aufstehen, hatte ihren freien Tag, wegen der Samstagsschichten alle
zwei Wochen und des Öfteren durfte sie auch drei Samstage im Monat arbeiten.
Jana lag wach in ihrem Bett und starrte an die weiße Zimmerdecke. Sie dachte
an Andre. So lag er auch da in den Stunden vor seinem Tod. So lag er den
Rest bis zu seinem Lebensende da und starrte nur die weiße Krankenhausdecke
an. "Was hat er da gefühlt? Was hat er gefühlt als Sebastian ihm die Fotos
zeigte? Er fühlte sich bedroht, er hatte Angst. Warum konnte ich ihm nicht
helfen?" Doch heute dachte sie nur im ersten Moment an diese immer
wiederkehrenden Fragen, denn ihr ging das Gespräch mit Sven nicht aus dem
Kopf. Er hatte ihr gesagt, dass es niemandem etwas bringen würde, wenn sie
sich mit Vorwürfen ihr gan-zes Leben zerstörte. Jeder Tag ist ein Geschenk.
Ein wertvolles Ge-schenk. Sie musste darüber nachdenken, wie er von seiner
Schwester erzählt hatte. Sie war erst 11 Jahre, als sie von einem LKW
überfahren wurde. Sven war damals 16. Seine Mutter hatte ihn gebeten, Serena
von der Tanzschule abzuholen. Er kam damals zu spät. 5 Minuten zu spät.
Serena war bereits ein Stück des Heimweges allein gelaufen. Sie wollte eine
Straße überqueren. Sie musste nur 2 Straßen überqueren. Sie war unachtsam,
hatte den LKW nicht bemerkt. Sven kam von der anderen Straßenseite. Von
weitem sah er den großen Laster. Er hörte die quietschenden Bremsen und er
sah Serenas Tasche. Doch es war zu spät. Zu spät.
Monatelang hatte er nur über Serena nachgedacht und über jene Minu-ten vor
dem schrecklichen Unfall. Wäre er damals nur etwas eher losge-gangen. Er
hatte tausend "Was wäre wenn" Möglichkeiten durchdacht. Er fühlte sich
unendlich schuldig. Aber es war nicht seine Schuld. Serena war 11. Sie hätte
sich umschauen müssen. Heute weiß er das. Er hatte Jana erzählt, das ihm
damals eine Therapie geholfen hätte, da-mit klar zu kommen. Jana überlegte.
Wäre eine Therapie für sie das richtige? Mit anderen Leuten in einer Runde
sitzen und über seine Pro-bleme sprechen? Nein. Sie konnte nichts für Andres
Tod. Dafür nicht. Und das wusste sie auch.
Es war 5.00 Uhr morgens und draußen würde es schon bald hell. Sie holte noch
den Zettel aus ihrer Jacke, welche sie, wie immer, neben ihr
27
Bett geschmissen hatte, hervor und legte diesen auf ihr Nachttischchen.
Beruhigt schlief sie ein.
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen