Sturm 1
von
Roland Mückstein
ERSTES BUCH
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"... ehe Sonne und Licht und Mond und Sterne erlöschen
und auch nach dem Regen wieder Wolken aufziehen:
am Tag, da die Wächter des Hauses zittern,
die starken Männer sich krümmen,
die Müllerinen ihre Arbeit einstellen, weil sie zu wenige sind,
es dunkel wird bei den Frauen, die aus den Fenstern blicken,
und das Tor zur Straße verschlossen wird;
wenn das Geräusch der Mühle verstummt,
steht man auf beim Zwitschern der Vögel,
doch die Töne des Lieds verklingen;
selbst vor der Anhöhe fürchtet man sich und vor den Schrecken am Weg ..."
(Koh 12,2-5)
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An dem Tag, an dem man Andrahsikhs Leiche schließlich fand, hatte sich die Aufregung des Marktes schon gelegt, und mit ihr die Gerüchte. Tornìm, der Kutscher, hatte seinen Sohn zum Imker geschickt; doch statt des Honigs brachte Ono nur die schreckliche Nachricht zurück, der Körper des Imkers läge faulend am Rande des Gündelsees.
Die Gerüchte wuchsen wieder. Dòlashuë, der fahrende Händler, habe es gewußt, erzählte Tornìm an jenem Abend in Ventaryns Schänke den Zuhörern, und der junge Dior Kellanth nickte zustimmend. Aber Dòlashuë sei verschwunden, und der letzte, der ihn gesehen habe, sei der verrückte alte Törbe vom Trandhyd.
Aber noch wußte niemand im Ort vom Tod des Imkers; während Ono noch schweißdampfend zum Gündelsee hinaufstieg, plagten sich die beiden Tepacherburschen auf den Feldern ihres Vaters am Fuß des Mockbergs, und bei Kellanths nebenan kochte die schwangere Nèr Eintopf in einem großen Kessel, unterstützt von ihrem brummelnden Schwiegervater. In der strohgedeckten Mühle am Sturzwasser fegte die mutterlose Ana den Boden, während ihr Vater den Pferdewagen über die dampfenden Felder zum Hof seines Schwagers, des Tepachbauern, lenkte. Der Hügelbauer Hinthaë begleitete seine kranke Frau zum Elbenheiler am Rande des Dorfes und überließ seinem Sohn Nellas das Holzhacken; in der von dichtem Gebüsch umgebenen Hütte begegnete er dem jüngeren Kutscherssohn Wyet, der seine fünfjährige Schwester Inya dem schweigsamen Heiler zur Pflege überantwortete. Im Phless-Tempel am Dorfplatz rief die Schusterstochter Tia mit inbrünstigen Gebeten die Gottheit an, ohne den hageren Priester zu bemerken, der von der Schriftnische aus lauschte. Aus den Wiesen und Wäldern stieg der Nebel auf.
Tillo Tepach faßte die Halme, die sein Bruder geschnitten hatte, in den Armen zu einem Bündel zusammen und legte sie auf den morschen Handkarren. Wehmütig strich sein Blick über die taufeuchten Felder, die beiden faulen Knechte, die niedrigen Häuser des Dorfes, und blieb an einem gelben Fleck im Osten hängen, der im Licht der Morgensonne hell erstrahlte. - "Tillo", schimpfte sein älterer Bruder Ran, "hör auf zu träumen! Der Schuppen muß bis Mittag voll sein!" -
Der Heiler hob die Brauen und blickte Wyet aus seinen dunklen Augen an. "Du solltest jetzt gehen. Und mach dir keine Sorgen um deine Schwester; in ein paar Tagen wird sie wieder quicklebendig sein." Mit geübten Fingern faltete er ein Leintuch und breitete es über Inyas zitternden Körper. "Nun zu dir, Hinthaë: Deine Frau kann ich nicht hierbehalten. Es ist wahrscheinlich, daß sie diesen Winter nicht überleben wird. - Es tut mir leid", fügte er hinzu, als er sah, wie sich das Gesicht des Hügelbauers verzerrte. "Der Winter ist die Zeit des Todes. Niemand kann der Kälte lang widerstehen."
"Nein, ich will nicht", sagte die alte Nada bestimmt und stieß ihre Enkelin zurück. "Der Ofen ist kälter als das Fenster. Wir haben kein Brennholz." - "Wir haben genug Brennholz", widersprach Ana halbherzig, aber sie wußte, daß es keinen Sinn hatte. "Du wirst dir den Tod holen, wenn du hier sitzenbleibst."
"Ich bin schon immer hier gesessen. Der Tod sitzt im Ofen drin, da drin, in dem schwarzen Ruß, im Feuer, weißt du, Ana? Er soll mich ruhig holen, wenn er will. Gib mir eine Decke."
"Es wird kalt, Oma."
"Ja, Ana", knurrte die Alte, ohne sich zu rühren. "Es wird kalt."
Der ,närrische Törbe', wie er in Ventaryns Schänke oft genannt wurde, kam an diesem Abend später als sonst in die Stube. "Blutspuren", erzählte er den aufmerksamen Stammgästen, "da waren noch Blutspuren an seiner Trage. Er hat sie gleich bei der Kreuzung fallen lassen, ist wohl vor etwas davongerannt. Aber vom Imker hat er nichts erwähnt."
"Mir hat er davon erzählt", sagte Dior. "Zuerst beim See, später dann am Weg, hat er gesagt."
Die Gerüchte wuchsen; der Tepachbauer mutmaßte über wandernde Leichen, die ihren Mörder verfolgen, und es dauerte nicht lange, bis der Kutscher wieder die alte Sage vom Fluch um den Gündelsee aufwärmte, was wiederum zu heftigen Diskussionen um Zwergenverschwörungen, mißlungene Opferfeste und umherziehende Dämonen sorgte. Ventaryn hielt die Schänke mit Zustimmung des königlichen Büttels wegen des besonderen Anlasses noch bis spät in die Nacht hinein offen, und am nächsten Morgen erwachte er mit dem zufriedenen Gefühl, sich um die Winterversorgung keine Sorgen mehr machen zu müssen: Er hatte an einem einzigen Abend so viel eingenommen wie zu dieser Zeit oft in drei Wochen nicht.
Der Unheilsbote Ono dagegen stieg mit einem drängenden Gefühl in der Brust aus dem Bett: Nicht das unangenehme Erlebnis vom Vortag beschäftigte ihn, sondern seine unheilbare Liebe zur Schusterstochter Tia, die ihn - und das war der Grund für seine Unruhe - zwar ebenso liebte, die jedoch von ihrem Vater bereits dem starken Nellas vom Hügelbauern versprochen worden war. Tag für Tag flehte sie im Phlesstempel zu den Göttern, sie mögen ihr die unglückliche Liebe erleichtern; und Tag für Tag verfluchte er den Schuster und das Schicksal für ihre blinde Grausamkeit, die ihrer beider Leben zu zerstören drohte.
Seit dem vergangenen Tag fürchtete Ono die düsteren Wälder, die Heumühl zu allen Seiten umgaben; doch an keinem anderen Ort konnte er sich mit seiner Geliebten treffen, ohne von den neugierigen Dorfbewohnern entdeckt und bestraft zu werden. Also überwand er seine Furcht und stieg unter dem Vorwand, seinen verlorenen Mantel zu suchen, die Nordschulter des Mockberg hinauf.
Tia war zum Elbenheiler gegangen, hatte dessen Hütte jedoch vermieden und war stattdessen am Südostrand des Berges in den Wald eingedrungen. Die beiden Liebenden trafen sich gegen Mittag auf einer Lichtung ein wenig südlich des Gipfels, und es dauerte nicht lange, da lagen sie ineinander verschlungen am feuchten Moos. Mit hastigen Fingern nestelte er an ihren Kleidern, sie trank seine Küsse, er umschlang ihren Körper. Sie stöhnte, er keuchte, sie schrie.
Aber nicht vor Lust.
"Kurz vor Sonnenuntergang ist er wiedergekommen", erzählte Tornìm in der Schänke, "blutbefleckt, mit zerrissenen Kleidern, in seinem Unterschenkel tiefe Kratzspuren." Der Kutscher, immer noch blaß, lutschte ausführlich am Pfeifenhals. "Er wollte niemanden sehen, hat sich sofort in Decken eingewickelt und hinter den Ofen gehockt. Rinnya mußte ihn geradezu zwingen, seine Wunden behandeln zu lassen."
"Bei Ornië", knurrte Dom, der Müller, nach einer kurzen Schweigepause. "In unseren Wäldern geht was um."
"Dämonen", stellte Ventaryn im Vorbeigehen fest und ließ zur Betonung einen Humpen Bier auf den Tisch krachen. "Der Dòlashuë hat recht gehabt."
"Wülhath behauptet, Ono wäre an allem schuld." Der Schuster war heute nicht am Stammtisch erschienen, was angesichts der Ereignisse auch niemanden wunderte. - "Wülhath hat der Verlust seiner Tochter die Sinne geraubt", entgegnete Tornìm scharf. "Mein Sohn ist kein Mörder."
"Ono?" Ventaryn wischte sich die Hände an der Schürze ab und blickte nachdenklich in die Kerzenflamme. "Aber der Priester behauptet, die beiden liebten sich -"
"Liebe vermag vieles", entgegnete Dior nachdenklich; "Leben erzeugen - und Leben vernichten."
Tornìm stand ohne ein weiteres Wort auf, nahm seinen Mantel und eilte mit großen Schritten in die Nacht hinaus.
"Dämonen?", lachte Hinthaë trocken. "Dummer Aberglaube. Schwarze Magie, Poltergeister, marodierende Ungeheuer - alles nur Unsinn! Ich lebe seit dreiundfünfzig Jahren auf diesem Berg, mein Sohn, und nie ist mir so etwas wie ein Dämon begegnet. Unheimliche Geräusche - gut; nächtliche Tiere, der Wind zwischen den Bäumen, die eigene Angst, die den Verstand benebelt. Aber was sollten Dämonen in unseren friedlichen Wäldern wollen? Wahllos Leute abschlachten?"
"Andrahsikh und Tia sind tot", beharrte Nellas.
"Wilde Tiere", entgegnete Hinthaë. "Jeder stirbt einmal. Und diese Hure hat es ja wohl nicht besser verdient." Der Hügelbauer beobachtete seinen Sohn aus den Augenwinkeln, um seine Reaktion auf die Beleidigung seiner versprochenen Braut zu sehen; doch in Nellas' Miene rührte sich nichts. "Komm jetzt", sagte Hinthaë. "Wenn wir nicht bald Holz sammeln gehen, sterben wir auch noch - nicht durch Dämonenhand, sondern durch die einfache, natürliche Gewalt der Kälte. Los, mach den Esel los. Und komm mir nicht noch einmal mit deinem dummen Aberglauben!"
Die ganze Nacht hindurch hatte Ono getrauert; bis zum Sonnenaufgang war er wachgelegen, den ganzen Körper in Schmerz gehüllt, unbeweglich und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Dann, gerade als die ersten Sonnenstrahlen den Nebel über Heumühl in Gold erstrahlen ließen, sank seine Stirn auf die verschränkten Arme, und er ließ den Schlaf gewähren.
Doch das Dunkel bot ihm keine Ruhe, keinen Schutz vor den entsetzlichen Gedanken, und als er endlich aus fiebrigen Träumen erwachte, riß er sich mit fahrigen Bewegungen die Decken vom Leib und stolperte unbemerkt und unbeherrscht so wie er war aus dem Kutscherhof hinaus, in die tiefen Karrenspuren auf der Dorfstraße und an den Tepacherfeldern entlang auf den hochragenden Phlesstempel zu.
Allerorten guckten die Leute aus ihren Fenstern, hielten die Knechte in der Arbeit inne, hörten die Kinder auf zu spielen, als der nackte, blutbefleckte Bursche mit stierem Blick und humpelnden Schrittes auf den Tempel zustrebte. Vielen kam das Gespräch des letzten Abends in den Sinn, und erschrockenes Mitleid verwandelte sich in gärenden Haß; und mit einem Schrei stürzte der Schuster aus seiner Hütte, die Ahle in der Hand erhoben, und warf sich mit seinem ganzen Gewicht auf den Taumelnden, schleuderte ihn zu Boden und sah sich unversehens von einem wüsten Rudel Dorfbewohner unterstützt, die bald mit Fäusten und Stöcken auf den wehrlosen Nackten einschlugen. "Mörder!", schrie so mancher, und noch schlimmere Anschuldigungen verdichteten die haßerfüllte Luft; und "Laßt mich!" und "Es waren doch die Dämonen!", kreischte der Angegriffene heraus, bevor seine Schreie unter den unnachgiebigen Schlägen erstickt wurden. Einige behaupteten später, sie hätten Wülhath den Nackten mit bloßen Händen erwürgen sehen; doch ihr Publikum war gering, denn an diesem Abend hielt Ventaryn die Schänke auf des Büttels Befehl hin geschlossen.
Die Knöchelchen landeten in einer tiefen Karrenspur, doch Tillo dachte nicht im Geringsten daran, sie wieder herauszuholen. Er dachte nicht einmal an die Müllerer Ana, die - was ihn noch vor einer Sekunde vor Glück erschaudern hatte lassen - neben ihm saß und an seiner Schulter lehnte; und schon gar nicht dachte er an den vorlauten kleinen Wyet, dessen Knöchelchen nun gerade im Schlamm versanken. Für den Augenblick war das Schauspiel, das sich ihnen bot, viel zu fantastisch und entsetzlich, um an irgend etwas anderes zu denken.
"Ono!", keuchte Wyet ungläubig, doch er wagte nicht, sich zu bewegen. Tillo konnte nicht sagen, wo all die Männer hergekommen waren, die sich jetzt um den offenbar besessenen Kutscherssohn scharten; doch auch er hatte seinen Teil der jüngsten Ereignisse mitbekommen, und die Schreie der Menge waren für ihn nicht ohne Bedeutung.
"Es waren die Dämonen!", erhob sich mit einem Mal Onos Stimme über den allgemeinen Lärm, und der kleine Wyet sprang in einer krampfigen Bewegung auf, nur um mit vor den Mund gekrampften Händen erneut zu erstarren.
Sein Bruder schrie nicht mehr.
"Tillo!", schrie Ran vom Dorfplatz her. "Geh zurück zum Hof! Geh schon!" - Als Tillo nicht reagierte, lief sein Bruder auf ihn zu, die immer noch brodelnde Menge vermeidend, und packte Tillo und Ana am Arm. "Weg hier", kommandierte er barsch, gab den beiden einen Schubs in Richtung Tepacherhof und packte dann noch den regungslosen Wyet an den Schultern. "Komm mit, Kleiner! Du gehst jetzt nach Hause!"
"Ono", wisperte der Junge tonlos; doch er beugte sich der Gewalt, ließ sich von Ran mitzerren und fiel schließlich mit stierem Blick und hohler Miene in Gleichschritt mit den anderen Kindern.
"Verdammt", fluchte Ran, während er die drei vorwärts trieb. "Jetzt sind sie alle wahnsinnig geworden."
"Es waren die Dämonen", flüsterte Tillo vor sich hin, während er dumpf die dunkle Holzdecke anblickte. "Es - waren - die - Dämonen." Er preßte die Augenlider zusammen und zog sich die Bettdecke über den Kopf.
"Es waren die Dämonen", raunte er am nächsten Morgen Ana zu. Sie gingen ohne besondere Eile die Dorfstraße entlang auf den Kutscherhof zu, um sich nach Wyets Befinden zu erkundigen.
Ran hatte bessere Ohren als erwartet. "Das hat er gesagt, richtig? Ich meine - geschrien. Es waren die Dämonen."
Tillo biß sich auf die Unterlippe und nickte.
"Ich glaube, er hatte recht."
Ana klopfte an die Tür des Kutscherhofes. "Er hatte recht?", fragte Tillo. "Wieso hatte er recht?"
"Ono war doch kein Mörder. Er hätte nie drei Menschen umgebracht. Und erst recht nicht Tia."
"Drei Menschen?" Ana zog eine Grimasse und klopfte erneut.
"Den Imker, Tia, und diesen fahrenden Händler. Einer von Törbes Knechten hat gestern Abend seine Leiche gefunden."
"Aber es gibt doch keine Dämonen." Tillo war beinahe enttäuscht über die Leichtgläubigkeit seines älteren Bruders. "Das ist doch Aberglaube. - Sagt jedenfalls Vater."
"Vater glaubt nur, was er sieht."
"Ich auch. Und ich habe noch keine Dämonen gesehen."
Die Haustür öffnete sich. "Aber es gibt sie", sagte Wyet.
Mit ungelenkem Hinkeschritt tappte der Esel auf die Wiese, wankte leise schnaubend auf den Hof des Hügelbauern zu. Aus seinen Nüstern stieg Dampf auf; die Nacht hatte scharfe Kälte gebracht.
Die kranke Neimid wischte sich die Augen und blickte blinzelnd aus dem Fenster. Das Tier schien zu lahmen, und das Schleppseil, mit dem es die Brennholzbündel aus dem Wald zerren sollte, hing lose zu Boden. Als es näher kam, röhrte es einmal auf, wie Neimid es noch nie von einem Esel gehört hatte, und ließ sich dann in einer absurden Bewegung zu Boden fallen.
Neimid wandte den Blick ab und wickelte ihre Decken fester um sich. "Hinthaë", wisperte sie, "Neimid"; und mit besorgtem Blick beobachtete sie, wie auch ihr eigener Atem vor dem Mund zu feinem Dampf wurde, "wir brauchen doch das Holz. Ihr kommt doch und bringt das Holz. Ihr kommt doch." Sie schauderte, schlang die Hände um die Knie, zwang sich, nicht zu husten. "Ihr seid doch nicht weggegangen. Ihr kommt doch wieder. Wir brauchen ja das Holz, nicht? Es ist doch Winter, es ist kalt."
"Nein", sagte Tillo. "Das ist doch lächerlich."
"Du bist nur zu feige", stichelte Wyet, und Ran gab seinem Bruder einen aufmunternden Klaps. "Was ist denn schon dabei?"
"Ich bin müde."
"Du traust dich nicht", hänselte der Kleine.
"Es ist lächerlich."
"Wenn du mitkommst", sagte Ana, "dann bekommst du einen Kuß."
Und das erledigte die Sache. Nachdem sie mit vereinten Kräften die letzten Getreidebündel in den Schuppen gekarrt hatten, brachen sie auf, ohne jemanden in nähere Kenntnis davon zu setzen, was sie vorhatten. Die Sonne hatte den Zenit bereits überschritten.
Der Fuß des Mockbergs war von niedrigem Strauchwerk überwuchert, das sie mit aufgekrempelten Hosen durchstelzten und jeden zweiten Schritt verfluchten; dennoch hob sich die Stimmung in Erwartung eines Abenteuers. Als sie in den Wald eintauchten, schlug Dior Kellanth gerade seinen widerspenstigen Vater, und Aine Tepach schmiert mit einer Kelle den Knechten ihren Eintopf aufs Brot. "Beeilt euch", ermahnte sie die Burschen, "wir müssen mit einem Unwetter rechnen." Und im Phlesstempel leierte der verzweifelter Wülhath an der Seite seines Sohnes Tor die alten Totengebete herunter, durchmischt mit Haßausbrüchen und Flüchen, die den neugierigen Priester in seiner Schriftennische zum Erzittern brachten.
Sie wußten nicht, wohin sie gehen sollten; doch Ran, der das Grüppchen anführte, hielt die dichten Wälder nahe dem Gipfel des Hügels für den besten Ort, an den sie ihre Mutprobe führen konnte. Natürlich erwartete er nicht, tatsächlich auf Dämonen zu stoßen; es war der Kitzel der möglichen Gefahr, der ihn antrieb, und aus Neugier und Langeweile hatte sich Ana ihm angeschlossen. Wyet, noch immer schockiert vom gewaltsamen Tod seines Bruders, verschaffte sich immerhin das Gefühl, etwas zu tun, statt nur untätig dazusitzen und dem zunehmenden Verfall der Dorfgemeinschaft zuzusehen; und der ängstliche Tillo erlebte Schauer romantischen Stolzes bei dem Gedanken daran, daß er all die Anstrengungen, all die Gefahr nur aus Liebe zu Ana auf sich nahm: Weitere Gründe brauchte er nicht. Der herbstliche Sonnenglast wurde unter dem Astgeflecht zu grauem Dunst, und wo die hellen Strahlen durchdrangen, tanzten sie im Takt des Windes auf dem faulenden Blattwerk; mit kräftigen Schritten, ohne zu sprechen, schritten sie rasch hügelan und schützten sich durch die Bewegung vor der schleichenden Kälte des späten Herbstes.
Während Wald und Boden dunkler wurden, warf Tillo, sonst angestrengt auf den Rücken seines Bruders oder seine eigenen Füße starrend, die rauschend das Laub durchfurchten, nervöse Blicke in Anas Richtung, der, offenbar fasziniert von dem neuartigen Erlebnis und der bukolischen Szenerie, von dem fallenden Licht ein ganz neuer Grad der Schönheit verliehen wurde: Wie glänzende Augen im Kerzenlicht, dachte Tillo bei sich und fühlte das Blut in seinem Nacken pochen. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und tauchte weg, in einen kegel-förmigen Graben, den ein Rinnsal in den weichen Waldboden gegraben hatte, während ihr Verehrer sich noch in verzücktem Schaudern wand.
Sie durchquerten die schlammige Furche, nur um wenige Schritte weiter auf ihren Seitenarm zu stoßen; Wyet, erschöpft und abgelenkt, stak mit einem Mal knietief im Morast, wand sich und keuchte dem Grüppchen hinterher. Oberhalb des rutschigen Walles aus feuchter Erde und vermoderndem Laub wurde das Gehen einfacher: Sie wanderten nun die Südschulter des Mockberges entlang, einem Wildpfad zwischen Waldgestrüpp und sonnendurchtränkten Lichtungen folgend; gegenüber ragte die Kimme am Jägerpaß wie ein goldenes Königsbild über den Wäldern auf.
"Was suchen wir?", fragte Tillo in das allgemeine Keuchen hinein.
"Dämonen", zischte Ran. "Ruhe jetzt."
"Wie lange wollen wir noch gehen, wenn wir nichts finden?"
"Wir werden finden, was wir suchen. Den Beweis."
Wyet biß sich auf die Unterlippe, um ein Schluchzen zu unterdrücken. Er dachte an seinen Bruder, dachte an Blut auf der leeren Dorfstraße. Blut und Schlamm, kaum zu unterscheiden. Von irgendwo zirpte ein teuflisches Lachen her.
"Es gibt keine Dämonen", keuchte Tillo; die Anstrengung pochte in seinem Nacken und ließ seine Lungen stechen.
Vor ihnen wurde der Wald dunkler; auf einer Wölbung knapp unter der Hügelkuppe glühte ein Kohlenfeuer inmitten eines Lagers aus geschwärzten Steinen, wie eine schwärende Wunde. Düstere, schwer zu fassende Gestalten bewegten sich in den Schatten.
"Ruhe", wisperte Ran erneut, und diesmal gehorchten sie alle.
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>>> Fortsetzung folgt!
Kommentare
. schrieb:
Hallo,
Es wäre schön gewesen, wenn es ersichtlich sein könnte, das dies hier eine Fortsetzung ist. Da es im Titel aber heißt „Sturm 1“ habe ich gedacht, es sei eine ganz neue Geschichte.
Im Prinzip könnte ich hier das gleiche sagen, wie über den Prolog (?). Die Namen sind verwirrend. Außerdem gibt es hier einfach zu viele Personen, man kann dem Ganzen nur sehr schlecht folgen. Erst nach mehrmaligem Lesen war klar, wer hier was tut, denn manchmal verwendest Du Namen und dann trotz gleicher Person nur den Titel bzw. Beruf.
Die Dorfbewohner finden also Leichen und Blut und tun anscheinend gar nichts weiter, halten keine Versammlung ab und treffen sich nur wie immer zufällig im Wirtshaus. Und wenn die Liebe des Pärchens geheim war, wieso wussten dann plötzlich alles davon, als er ins Dorf gerannt kam? Der Priester spricht mit allen über persönlich gesprochenes? Außerdem war es im Prolog noch eine Kirche, nun ist es ein Tempel. Und das sie so extrem hart gegen ihn vorgehen, ein Mitglied des Dorfes, das offenbar schreckliches erlebt hat, kann ich mir nur schwer vorstellen. Aber das ist sicher Ansichtssache. Wie kommen sie eigentlich darauf, das er die drei Menschen umgebracht hat?
Trotzdem finde ich Deinen Stil zu schreiben nicht unbedingt schlecht, im Gegenteil. Auch interessiert es mich schon, wie es weitergeht.
Gruß
Soleil
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