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Kategorien > Kurzgeschichte > Stadt

Sunday Morning I

von Lars Waejder

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Vor ihrer Tür blieben sie stehen. Die letzten Meter der Straße, in der ihr Haus stand und in der kein Licht brannte und wo kein Leben war, legten sie in Schweigen zurück. Träge leuchteten die Lichtkegel eines Streifenfahrzeugs, das wie in Zeitlupe eine Seitenstrasse patrouillierte. Das Licht brach zwischen den Bäumen durch, so dass sie für einen Augenblick wie ertappt stehen blieben um ihren langen Schatten nachzusehen, die sich irgendwo in der Finsternis vereinigten. Es war wieder Nacht um sie herum.

- Kommst du mit hoch? Auf einen Tee – fragte das Mädchen, wie sie es immer tat. Und er sagte wie immer –Nein. Dann gaben sie sich die Hand und hielten für einen Augenblick inne. Sie, als wollte sie sich an den Augenblick klammern und ihn nicht gehen zu lassen und er, weil er um das Grün ihrer weit geöffneten Augen wusste. Obwohl es stockdunkel war, sah er deutlich die großen Pupillen, die sich nach ihm sehnten.

Er wartete wie immer, bis das Licht in ihrem Fenster erloschen war und machte sich auf den Weg. In die Stadt. Vorbei an Spelunken, Lusthäusern und schmierigen Typen, die von Schüttelfrost geplagt auf ihre Chance lauerten. Angst hatte er nicht. Um ihn herum häufte sich menschliches Elend, er aber ging achtlos daran vorbei. Aus den Absteigen drang das Gemisch von billigen Tabak, Muskarinrauch und Fusel auf die Strasse, vermengt mit dem für solche Löcher typischen Gezänk der Berauschten, das hier und dort zur einer Schlägerei ausartete. Aber das störte hier niemanden. Nur wenn zwei wirklich tollkühne Streithähne aneinander gerieten unterbrachen die anderen ihr Gespräch und schauten für einen Augenblick auf die sich im Dreck wälzenden Männer. Aber nicht für lange.

Wohl machte seine ausgewachsene Gestalt und seine gute Kleidung den Pöbel neidisch und gierig und wohl sah er auch die hasserfüllten Blicke um ihn herum. Es war nicht nur sein Aussehen, das ihre Augen rasend leuchten ließ – es war viel mehr sein sicherer Schritt, seine saloppe Haltung, die mehr als alles andere an seiner Person demütigend auf sie wirkte. Jeder Schritt, den dieser junge Mann auf ihrem dreckigen Bürgersteig tat, war voller Missachtung, barg mehr Schmach in sich als der Reichtum der anderen Welt, zu dieser die Bewohner dieses Stadtteils ohnehin keinen Zugang hatten. Er erniedrigte sie mit seiner Unantastbarkeit, die er offen zu Schau stellte. Dort, wo Polizei sich nachts ohne Geleitschutz nicht hinwagte, ging dieser freche Jüngling regelmäßig spazieren als ginge er durch sein Revier. Die berauschten Gehirne kochten vor Wut, die Augen glänzten, Fäuste krampften sich zusammen bis auf Blut. Aber dabei blieb es auch. Ein einziges Mal hatte es eine Gruppe von kräftigen Dockarbeitern gewagt, ihm den Weg zu versperren und nach Wegezoll zu fordern. Sie hatten ihn in eine unbeleuchtete Seitengasse gedrängt. Geld hatte er keins, das war in seiner gesellschaftlichen Stellung unwichtig. Das machte sie noch mehr rasend. Schon wollte der kräftigste von ihnen, Ronny, ihm sein Fleischermesser in die Rippen jagen, als der junge Herr spielerisch leicht die Mordhand abfing und sie gegen die Kehle des Angreifers lenkte. Der Hüne spürte wie der Jüngling seine Kräfte mit seinem Blick förmlich aus ihm aussog, bis sein starker Oberarm, der Tag für Tag Reepe band und Kähne mit Kisten belud, schlaff daherhing wie ein nasses Tau während er selbst, etwas über 2 m groß, vor dem Fremden auf die Knie ging. Dieser hielt das Messer direkt vor seinem Kehlkopf, aber etwas in seinem Blick verriet ihm, dass er nicht zustoßen würde. Es war jedoch keine Güte in diesem Blick vorhanden, sondern etwas, was ihm mehr Angst machte als das Messer an seinem Hals. Er hatte bei seiner Arbeit und im Viertel oft dem Tod ins Auge gesehen – in diesen Augen sah er etwas Unheilvolles, etwas was bereits Macht über ihn hatte bevor er die Hand gegen diesen Menschen die Hand erhob.

Der fremde junge Mann trat das Messer zu Seite. Die Dockarbeiter, jeder von Ihnen um die 2 Zentner schwer und 2 Meter groß, standen wie gelähmt. Er aber kam auf jeden von Ihnen zu und gab ihm etwas aus seiner Manteltasche. Das ist gegen Eure Schmerzen. Nehmt es als Geschenk an, sagt er milde.

Er hatte die sonderbare Gabe, aus der Seele eines Menschen herauszulesen, was sein größtes Verlangen war. Er lähmte die Männer mit seinem Blick und brauchte sie gar nicht zu überzeugen, dass das, was er ihnen gab, gut für sie war.

Und auch als er diesmal durch die Strasse flanierte, kamen ihm die Elenden von weiten angelaufen, sie witterten ihn von weiten. „Herr, gib uns ein Geschenk, bettelten sie ihn an, wir tun alles nur mach uns wieder glücklich.“ Er erfüllte ihren Wunsch. „Ich werde euch einst um einen Gefallen bitten. Werdet ihr ihn erfüllen?“ „Herr, was immer du willst. Sage es!“

Er aber gab jeden von Ihnen etwas aus seiner Manteltasche und ging seines Weges, vorbei an dem Viertel, geradezu in die Welt, die schöner gar nicht war.

Er betrat das hübsch hergerichtete Zimmer des Hotels Ultra in der Innenstadt. Hier dufteten sogar die Gardinen nach Lavendel, rund um die Uhr war ein Zimmermädchen zur Verfügung, jeden Wunsch zu erfüllen. Er war heute bescheiden – nur 2 Mädchen ließ er nach oben rufen, 2 tadellos hübsche Gesichter, beide aus dem Viertel, aus dem er gerade kam. Von einem der Mädchen ließ er sich auskleiden und rasieren, während das andere darauf zu achten hatte, dass das Badewasser nicht zu heiß war. Erst dann begab sich der junge Herr zu ihr in die Badewanne, während das andere Mädchen daneben stand, darauf wartend, dass sein Weinglas stets gefüllt war. Dann trockneten sie ihn ab und bekleideten ihn und waren für den Tag entlassen, denn auf den Herren wartete bereits ein Gast.


Das Mädchen lag noch wach. Ein Sturm von Gedanken und Gefühlen durchfegte ihr Kopf und Herz. Sie war reif. Sehnsucht und Verlangen stiegen hoch in ihr. Lust und Hass brauten sich zusammen zu einer gefährlichen Mischung, die doch seit Menschengedanken für Antrieb und Unglück gesorgt hat. Lust, weil er unwiderstehlich war, weil er sie mit seinem Blick und Geruch gierig machte. Hass, weil er sie dennoch ablehnte. Ja, er verstieß sie mit seiner Korrektheit, mit seinen guten Manieren und seinem Gentelmentum. Seine nahezu brüderliche Einstellung war Demütigung und Herausforderung zugleich. Je mehr er sie ablehnte, desto mehr brannte sie darauf, ihn zu besitzen. Sie schätzte das Gespräch mit ihm, die langen Spaziergänge zur abendlichen Stunde, doch sie hasste ihn und die ganze Welt, wenn diese jedes Mal vor Ihrer Haustür endeten. Sie liebte es, zuzuhören, wenn er von der großen weiten Welt erzählte, von Reisen, die er unternommen. Oft, wenn sie am Waldesrand spazieren gingen und er ihr, wie heute Nachmittag von den weißen Nächten in St. Peterburg erzählte, wünschte sie sich, dort zu sein und sich mit ihm zu lieben.. Sie stellte sich vor, der Garten des Winterpalais Katharinas II wäre menschenleer und Spielplatz ihrer Phantasien. Jedes andere Mädchen, das seine

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