Surrealismus
von
Athiel
Ich ließ die Türe zu meinen Bekannten hinter mir ins Schloss fallen und
betrat mit einem Schritt die belebte Einkaufsstraße. In dieser Stadt war ich nur
zu Besuch. Vor einiger Zeit allerdings, ein ganzes Stück meiner Kindheit
hindurch, wohnte ich noch in dieser Gegend. Ich brauchte ein wenig Zeit für mich.
Etwas Zeit, die ich in meiner eigenen Luft, in meiner Erlebniswelt, atmen
konnte. Ich wollte die Erinnerungen der letzten Tage beiseite schieben oder
vielmehr auf meine Art verarbeiten. Da war ein Trauerfall in der Familie und ich
wollte nicht trauern.
Ich blockierte aus Selbstschutz das Gefühl ganz und gar. Schon so viel
Trauerarbeit lag hinter mir. So viele Illusionen musste ich sterben lassen. So oft
war ein Teil von mir gestorben. Ich war zur Trauer zu erschöpft. Dazu fehlte
mir jede Kraft. Jede Trauer brachte mich zwar unter Wehen neu in die Welt
und schenkte, da ich sie suchte, Erkenntnisse hinzu. Sie wirkten auf den Geist
auch stets erfrischend, sodass sie es mich immer wieder versuchen ließen, das
Leben. Doch im Geist verjüngter als wie ein Kind, das nicht nur im Hier ist,
es sein möchte, noch jünger, das ging nicht. Und trotzdem war ich in all den
Jahren immer dieselbe geblieben. Die Illusionen starben zwar zu manchen
Zeiten und an manchen Orten, aber ich hielt sie dennoch lebendig. Weil sie immer
schon zu mir gehörten. Es brauchte in all den Jahren nur einen Anker, einen
Halt, an dem ich sie festmachen konnte. Es brauchte mehr Verständnis um das
Wesen der Dinge in der Welt, damit ich ihnen lebendiges Feuer einhauchen
konnte. Nicht an jedem Ort, nicht zu jeder Zeit können sie lebendig sein.
So, wie ich die Türe hinter mir ins Schloss fallen ließ, so waren es die
Trauer, Erinnerungen, ja, Vergangenheit. Ich war nun gerade jetzt in der
Gegenwart und zu meinem Glück pochte da immer noch ein Herz in meiner Brust, das
zuoberst meines ist und mich wärmt. Es hat für mich da zu sein. Es hat mir Kraft
zu spenden. Zu sehr hatte ich es an andere verschenkt. Ich ging links die
Straße herunter am Gemüsehändler vorbei und beobachtete Überraschendes. So, wie
ich die Vergangenheit in mir geschlossen hatte, so öffnete sie sich im
Außen.
Ich ging an Menschen vorbei wie an Stationen meiner Selbst. Als ich an einem
Harmonikerspieler vorüberging erlebte ich meine Lebensfreude. Seine Freude
war meine Freude. Ein höflicher Eisverkäufer spiegelte die ganze Höflichkeit
wider, die ich fähig bin zu geben. Ein offensichtlich sehr in der materiellen
Welt angewurzeltes, geschäftstüchtiges, gehetztes Pärchen erinnerte mich an
ein früheres Dasein meines Selbst. Ein in einem Jogginganzug
daherschlendendender junger Mann mit sinnentleertem Blick, erinnerte mich an eine Episode
meines Lebens. Auch ich hatte in der Welt schon alle Kraft verloren. Eine alte
Frau, die mit verängstigtem, verwirrtem Blick die Welt nicht mehr verstand -
ihr Zustand war mir nicht fremd. In einer Boutique hörte ich zwei junge
angestellte Frauen über ihre Kollegin lästern. Auch diese Lebensepisode kannte ich.
Während die Angstellte des feinen Parfumgeschäftes einen ruhigen,
ausgeglichenen Eindruck machte. So kannte ich mich auch und viel lieber noch als
hässlich lästernd. Eine Frau mit ernstem Blick. Eine in Träumen versunkene
Jugendliche. Ein Mensch, der sich eine Frage stellte. Eine nervöse Dame. Eine
bettelnde Frau. Ich sah noch viele weitere alte, ähnliche Lebensanekdoten und
Verhaltensweisen, die mir bekannt waren, sodass sich das Paradoxon eröffnete in
mittleren Jahren schon ein langes, altes Leben geführt zu haben. So, als sei ich
eine greise Frau mit neugierigen Kinderaugen in mittleren Jahren.
Nach der Sinnesflut begab ich mich in ein altbekanntes Café, das mir in
abgeschiedener Ecke die Möglichkeit gab, mein Buch auszupacken um darin zu lesen.
Bei einer schönen Tasse Milchkaffee, die hoffentlich auf einem kleinen
Unterteller daherkam, der einen Keks nach Art des Hauses transportierte. Das
geräumige Café, mit schönen großen Festern ausgestattet, ließ genug Licht hinein
in dieser rauhen Jahreszeit, die die Welt so trist aussehen lässt.
Ich setzte mich also, bestellte, doch ein Mann verhinderte das Lesen, der
sich zwei Tische vor meinem niederließ. Seine Augen, die Fenster zu seiner
Seele, schauten so traurig, als sei darin die ganze Traurigkeit gefangen, die ich
nicht spüren wollte. Von der ich eigentlich gerade jetzt nichts wissen
wollte. Und nun saß die Traurigkeit genau vor mir, deren sehnsuchtsvolle Augen
verrieten, dass sich jemand mit ihr beschäftigen sollte. Mit diesen trauervollen
Augen schaute der aus dem Fenster hinaus und blickte in das
gegenüberliegende Schaufenster, das eigentlich zu dunkel war um wirklich hineinzublicken. Was
war das für ein Bild!
Ich hatte doch die Traurigkeit eben noch ganz stolz und ganz bewusst
abgelegt. Was für eine Ironie! Das vielsagende Bild raubte mir beinahe den Atem. Das
ist Surrealismus! Das ist Kunst, die über der Realität steht! Ich lehnte es
nach wie vor ab, Traurigkeit zu fühlen. Ich lehnte es ab aufzustehen, um mich
nun aus Mitgefühl mit der Trauer eines Unbekannten zu beschäftigen. Ich war
zur Trauer zu erschöpft. Aber zu meinem Glück pochte da immer noch ein Herz
in meiner Brust, das zuoberst meines ist und mich wärmt. Ich packte mein Buch
aus und las darin. Bei einer schönen Tasse Milchkaffee.
©athiel 28.01.04
Kommentare
SiS schrieb am 2006-02-21 10:22:16:
Deine story gefaellt mir, da sie realistisch ist, obwohl sie surreale gefuehle beschreibt!
Doch warum muss die Konfratation mit dem Trauer anderer, das eigene Herz (bzw das herz der protagonistin)
automatisch auch damit fuellen/erschoepfen?
kann die Entlastung (von Trauer) des anderen nicht auch bei einem selbst Entlastung bewirken?
Fincayra@web.de schrieb:
Keine Kommentare?
Hat wohl niemand bis zu Ende gelesen...
Kann ich verstehen.
? schrieb:
Doch, es gibt einen Kommentar:
Ich finde deine Geschichte sehr gefühlvoll und wirklich wunderschön. Julie
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