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Kategorien > Alltag > Gefühle

Susanna, im Banne

von Epiklord

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Die Farben des Herbstes signalisierten Vergänglichkeit. Baltus blickte zornig in eine düstere, wolkenverhangene Welt. Die Galaxien rotierten unruhig oder er. Seine dritte Lebensgefährtin in kurzer Folge hatte ihn gerade verlassen. Er suchte Zerstreuung in Jerry’s Schlemmerbude. Da kam Susanna herein, ein gedrungenes Neunzigkilo-Weib. Nach kurzer Anstrengung hatte sie am entgegengesetzten Tischende ihre Wonnehaxen unter der Tischplatte verstaut. An ihrem Kopf perlte sich Schweiß. Über einem schäbigen Mantelkragen quoll der Hals hervor wie eine medizinische Manschette, aus der das bleiche Gesicht hervorlugte, von seidigen blonden Haaren umfangen. Wäre eine Nase dazu bestimmt, einem Schädel eine Kontur zu geben, so war ihre kleine fleischige Knolle unnütz. Eine Mischung aus 4711 und urbanen Körpergeruch umströmte Susanna. Ihre wabbeligen Hände, die wie sensorische Greifer aus dem Unterarmspeck heraus ragten, krallten sich in einen Hamburger.

Ein schweres Leiden musste sie quälen, ein ferner Schmerz. Feste, trübe Gräben zogen sich durch ihr weiches Antlitz und sie schien des herzhaften Lachens unfähig. Als Baltus sie bat, ihm den Salzstreuer zu reichen, errötete sie. Von ihm aus bräuchte sie sich doch nicht zu schämen. Ja, die verlogene Doppelmoral und ihr gesellschaftlicher Sittenkodex sowie diese kleine Dickmadam als ein Opfer und die Angst davor, er könnte sie kompromittieren. Und so überlegte er, wenn plötzlich eine Methode da wäre, einen Menschenkörper nach dem Ideal umstrukturieren zu können. Oh, Gott, wenn sie jetzt mit gestähltem schönen Leib da säße, ginge all diese spießbürgerliche Herzigkeit, alle Sympathie, die er in ihr erblickte, verloren. Eine scheußliche Vorstellung. Da war er froh über diese nudeldicke Dame.

Und ihm stellte sich die Frage nach seiner Persönlichkeit: wer war er eigentlich, außer seiner vordergründigen Identität als halbwegs erfolgreicher Industriekaufmann; doch nur ein armer, nackter Spatz, der aus dem Nest gefallen war, eine Raupe, die sich einen herrlichen Kokon produziert hatte, und längst selbst zu einem erstarrt war. Er hatte sich eine tolle Fassade geschaffen, und als schillernder Hahn war ihm eins sicher - viele Hennen. Seine ehrwürdigen Damen hatten allesamt diese aufgeputzten, mumifizierten Visagen gehabt, die einem aus sämtlichen Illustrierten anlächelten, wo jede Falte, die das Leben geschrieben hatte, zugespachtelt war und sie wollten unbedingt gefallen. Auf jeder Cocktailparty hatte er in diese aufgemotzten Fassaden-Gesichter gesehen. Es erschien ihm alles selbstverständlich, und nach der Rückseite dessen, was er sah, hatte er nie gefragt. In Susannas aquamarinblauen Augen spiegelte sich ihm erstmals die Stille eines selbstlosen Seins, wenn ihr Anblick auch immer gleichzeitig gequält wirkte. Auch ihr Gang war schleppend, gab ihr dennoch eine seltsame Form von Würde.

Ohne Absprache trafen sie sich nun jeden Freitagabend in Jerry’s Schlemmerbude, saßen meistens still da, horchten schwerblütig in sich hinein und in eine ungenannte Hoffnungsträchtigkeit, sahen sich gelegentlich an, und waren glücklich. Und Baltus erahnte, dass Glück wie ein Schatten ist; es lässt sich nicht einmauern. Vielleicht idealisierte er seinen Umgang mit Susanna auch zu sehr und hatte Angst vor der Wahrheit. Sind doch unsere Ideale wie Rockzipfel, die uns ein Stück vorauseilen. Er erzählte ihr von dem Pech mit seinen Lebensgefährtinnen und sie trafen sich immer häufiger. Susanna war mit einem Alkoholiker verheiratet gewesen, der seinen ganzen Unrat menschlicher Enttäuschung von sich und der Welt über seine Frau ausgeschüttet hatte. Vor einem halben Jahr war ihr Mann gestorben.

Baltus Mietvertrag lief aus, auf Susannas Vorschlag hin zog er zu ihr. Sie erzählte ihm von der Zeit vor ihrer Ehe, als noch nicht alle Blumen unter dem Schotterhaufen von Resignation und Hoffnungslosigkeit begraben waren. Und er bemühte sich, ihrem grämlichen Gesicht ein Lächeln zu entlocken, wenn sie versuchte, sich mit ihren erfüllten Jahren zu trösten. Sie konnte kein gleichgültiger, eintöniger Mensch gewesen sein; sie musste etwas gefordert haben, denn sonst hätte sie jetzt nicht verbittert sein können, und warten verwelkte Blumen nicht darauf, auferstehen zu können in einem neuen Frühling.

Eine platonische Beziehung gewährte sie ihm. So konnte er sich endlich ohne sexuellen Druck verdingen, dem er sich täglich bei seinen verflossenen Weibern ausgesetzt wähnte. Und vielleicht hatte diese Frau ja eine verborgene schöngeistige Disposition, von der sie selber nichts ahnte.

An einem Sonnentag im Frühling fuhr er mit ihr ins Gebirge, mit der Seilbahn hinauf auf einen Gipfel. Baltus frohlockte über die Ästhetik der weiten Naturlandschaft, ihm war, als wenn ein Flair des Schöpfers jeden Grashalm, jeden Strauch beseelte. Ehrfurcht übermannte ihn, doch Susanna trottete zu einem riesigen Stein, ließ sich seufzend nieder, blickte unentwegt grüblerisch vor sich hin und stöhnte: „Wir müssen unbedingt noch Hähnchenschenkel einkaufen, damit sie bis morgen Mittag auftauen können.“ Er nahm Susanna nie wieder mit in die Natur, der Schmerz, die Enttäuschung über den misslungenen Versuch, gemeinsam ihre Seelen zum Klingen zu bringen, konnte er nicht verwinden. Er sagte ihr, dass alle Psychiater pseudomedizinische Pfeifenköpfe wären und sie endlich allmählich Abschied von diesen toxischen Antidepressiva nehmen solle. An besonders glücklichen Tagen umarmte sie ihn wie eine neurotische Mutter ihren Sohn; sie drückte ihn an sich und gleichzeitig stieß sie ihn ein wenig zurück.

Aus Verdruss drang er immer tiefer in sich, begrub das Modell, was er von der Wirklichkeit hatte, denn es war nicht ganz falsch, aber auch nicht richtig. Nun wollte er die ganze Wahrheit der Stadt erfassen, jedes Augenzucken ihrer Bewohner, jedes Kacken einer Taube als Puzzleteil zu einem Ganzen zusammentragen, denn alle vorliegenden Charakteristiken über ihre Stadt Hannover dienten lediglich einer Stadtkennung und weitläufigen Orientierung.

Der Ariadnefaden zurück zu seinem Selbst war in Gefahr abzureißen. Doch er spürte eine neue Macht in sich, die Ebenen der Realität nach Belieben für sich zu verschieben und verstieg sich immer mehr in gefährliche Tiefen phantastischer Visionen, was ähnlich euphoriesierende Wirkung hatte, wie sie vor allem ältere Leute beim Hören von moderner Volksmusik erleben.

Zehn Jahre, Arbeitstag um Arbeitstag wartete Baltus regelmäßig am Feierabend an der Hintertreppe eines Bürohauses auf Susanna, die hier putzte. Jedes Mal stieg sie schwerfällig schnaufend zu ihm herab, dann trottete er hinter ihr her zum Auto. Doch diesmal rissen ihn flotte hakenharte Schritte aus seiner Lethargie, er sah zur Treppe hoch, sein Blick streifte zwei kniehohe, rote Lederstiefel und blieb an wundervoll ebenmäßig erotisierende Schenkel haften. Diese Schenkel gehörten einer ehemaligen Jugendfreundin von ihm, die ihn spontan zum Essen einlud, worauf er sofort einwilligte und so vorm Wahnsinn noch

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Kommentare

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