System
von
hångematte
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Am 17.07.1972 um 6:45 am mit einem Lebensgewicht von etwa 3400g, einer Größe von um die 49 cm einen Kopfumfang von 34 cm erblickt Rene das Licht dieser Welt. Zunächst besteht noch kein Grund zur Sorge, da diese Angaben dem normalen Durchschnitt entsprechen. Es sind also alle zufrieden. Die Eltern, Großeltern die noch so weit, verwandtschaftlich gesehene, entfernte Tante- eben alle. Zu diesem Zeitpunkt konnte man ja auch noch nicht ahnen, dass kommende Normen nicht würden einzuhalten sein.
Zum Beispiel das späte zahnen. Das viel zu späte krabbeln. Das lange tragen von Schuhen mit Klettverschluss, weil die Fingerchen nicht in der Lage sind die Schnüre zu beherrschen. Bis dato war es ja fast kein Problem dem Durchschnitt nicht zu entsprechen. Aber dann kommt das erste größere Ereignis im Leben eines jeden Menschenkindes. Mit einer großen bunten Schultüte steht man stolz, vielleicht auch etwas ängstlich mit den ganzen anderen in Reihen für ein Foto. Im Hintergrund wieder Eltern, viele Eltern, Großeltern und die entfernte Tante. Bis jetzt waren nur Löffel, Schnürsenkel und der Umgang mit Scheren zu bewältigen gewesen. Doch nun beginnt das lange stille sitzen und das zuhören. Das nachmalen der Buchstaben die die Lehrerin vorn an die Tafel schreibt. Und darauf hoffen, dass daraus einmal ganze Sätze würden. Das verzweifelte versuchen den bunten Holzstäbchen ein Verständnis für die Zahlen abzuringen. Wie Mutti versucht diese durch ebenfalls bunte Smarties zu ersetzen, die aber letzten Endes die Mathematik auch nicht näher bringen. Einige Jahre später, die Grundschule ist überstanden. Er hat sich damit abgefunden das es die Mathematik gibt. Das es doch tatsächlich Menschen gibt die darin aufgehen. Er versteht sie nicht, will es auch nicht. Versucht es erst gar nicht. Sollen andere die Welt und alles was sich darin befindet in Listen mit Zahlen einordnen. Sie mit Zahlen versehen. Nummer 6 im Klassenbuch, weil heut der sechste ist. Der muss an die Tafel. Das beschließt die Lehrerin, als sie mit dem Finger über die Liste aus Zahlen mit den dazugehörigen Namen fährt. Nummer sechs ist heute ein armes Schwein. Weil es sich vor der gesamten Klassen beweisen darf. Nummer sechs trägt ein Röckchen mit Blumen. Nummer sechs denkt warum sie ausgerechnet mit G geschrieben wird. Der Rest der Welt atmet erleichtert aber leise auf. Gott sei dank fängt ihr Familienname mit T oder mit M an. Ist ja auch egal. Rene gibt nicht den Namen die Schuld sondern den Zahlen. Der sechste ist schuld daran, dass Anne- Marie an die Tafel muss und das sie feuchte Hände hat, das ihr Herz rast und das es noch viele Mal in ihrem Leben so sein wird. Und das immer die Zahlen daran Schuld sein werden . Auch wenn Anne – Marie denkt die Welt dreht sich in den nächsten Minuten nicht mehr um die Sonne sondern um sie- so irrt sie. Rene schaut aus dem Fenster. Er träumt, weil er ein Träumer ist. Mutti ist darüber nicht glücklich. Sie möchte das er wie alle anderen auch, wie die ganze Welt auch… Die sich in den nächsten acht Minuten um Anne – Marie dreht, weil sie vorne an der Tafel mit den Tränen kämpft. Und mit Zahlen wohl gemerkt die eine Gleichung ergeben sollen. Auch wenn die Gelehrten später anhand von Zahlenreihen , die ein Apparat ausgespuckt hat, beweisen wollen das sich die Erde niemals, aber auch wirklich niemals um Anne – Marie auch nur eine Sekunde gedreht haben kann. Rene liebt die Worte. Auch wenn es am Anfang nicht so ausgesehen hat. Er wie mit den Zahlen um Verständnis gekämpft hatte. Noch hatte er nicht gewonnen. Oft, öfter als bei anderen schlichen sich böse Fehler ein. Aber im Gegensatz zu den bösartigen Zahlen dem er nicht das geringste Geheimnis abringen konnte war es mit seinen lieben Worten anders. Mutti versuchte ebenso verzweifelt wie mit den Smarties im die Worte beizubringen. Sie zu lesen. Es war nicht damit zu rechnen das es im jemals gelingen würde das Gesprochene halbwegs in eine Vernünftige Form zu bringen. Sie sollten sich alle irren. Sie hatten im allem recht. Was die Mathematik anging, die Schnürsenkel und alles eben. Anne – Marie wird dieses Erlebnis überstehen, weil sie es verdrängt. Nach ganz hinten in ihr Köpfchen schiebt. Wo noch viele andere solcher Demütigungen, die fast alle durch Zahlen und ihres gleichen angerichtet werden, liegen. Obwohl sie abends beschließt nie so gemein wie Frau Conradi, die doch auch einmal Schüler gewesen musste, zu werden. Während sie ins Kopfkissen weint. Sechsundzwanzig Jahre später wird sie, Mathematiklehrerin wie Frau Conradi, Nummer 13 aufrufen. Ian Kevin. Damit konnte man nicht rechnen, dass man auf deutschen Breitengraden einmal so heißen könnte. Und um es korrekt zu sagen wäre es Ian Kevin Alexander Müller gewesen. Aber das findet sie äußerst lächerlich. Es reicht wenn man in fernen Jahren, wenn sie schon nicht mehr ist, die Zeitung aufschlägt und zu lesen bekommt. Unserer geliebter Ehemann, Opa, Uropa, Schwager, Freund… Ian Kevin Alexander Müller. Als sie ihn aufruft, und wie es so manchmal ist mit dem lieben Gewissen es genau an der verkehrten stell aufmuckt. Sie sieht die kleine Anne- Marie die sie nun einmal war, sie mit feuchten Händen und den nicht zu vergessendem rasenden Herz. Was das schlimmste Gefühl auf Erden ist. Sie bekommt einen Nervenzusammenbruch. Einen von dem die Welt um sie herum sagt, sie hätten das voraus gesehen. Was sie anhand von Statistiken beweisen. Sie sei in dem Alter und allein, geschieden und überhaupt gibt es viele Zahlen die das bestätigen in ihren Statistiken. Die Worte in diesen Statistiken die können nichts dafür. Sie wollten auch lieber in einem schönen Roman stehen und wollen etwas erzählen. Sie wollen Anne – Marie etwas erzählen. Das der Zusammenbruch unnötig war. In der Klinik kann man ihr nicht helfen. Sie malen. Sie reden. Man kann sie verstehen wird in der Gruppe gesagt. Obwohl sie die einzige ist die wegen ein paar Zahlen an der Tafel durchgedreht ist. Und was nützt es ihr das wöchentliche Gewicht in eine Skala einzutragen damit der Doktor, der Psychotherapeut, die Schwester, der Zivil es ablesen. Rene hat in seinem weiteren Verlauf, wie von allen erwartet, die Normen nicht einhalten können. Ob es daran liegt das sie als sie ihn das erste Mal sahen, als er in diesem Glaskasten lag schon in ihrem unermüdlichen Drang nach Tabellen ihn in einem Leben sahen das er nie hätte erreicht können. Sie sich nicht einfach erstmal freuen hätten können. Das er da war. Ihn vielleicht lieber nicht Schuhe mit Klettverschluss schenken sollen, bloß weil er immer noch nicht die Schnürsenkel binden konnte. Ihm vielleicht etwas Zeit geben sollen in ihrer Zahlen bevölkerten Welt. Anne- Marie verlässt die Klinik in der außer ihrem Gewicht nichts gemessen wird was ihr in der Welt die sich dreht um was auch immer, hilft. Sie arbeitet von nun an in einer Behindertenschule, wo das lernen von Zahlen wirklich das Geringste ist was sie beschäftigt. Sie braucht Zehn Minuten um gemeinsam mit Jakob eine
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