System ausgelastet oder: Auch Computer haben eine
von
Tina
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Sowas blödes. Jahrelang habe ich diesem Handwerker gute Dienste geleistet. Ich habe ihm beim Schreiben von Rechnungen geholfen und später sogar CDs gebrannt. Es war schön bei ihm, weil ich mich nicht zu sehr anstrengen musste und jetzt gibt er mich einfach ab. Wahrscheinlich bin ich ihm nicht mehr gut genug. Mal sehen, wo ich hingebracht werde.
Ein älterer, humpelnder Mann holt mich ab. Was der wohl mit mir vorhat. Er packt mich in sein Auto und bringt mich zu einer jungen Frau. Au weia! Junge Weiber und Computer, ob das gut geht. In einer Ecke steht noch ein anderer Tower. Der muss wohl aufgegeben haben.
Bei mir wird jetzt Windows 95 neu installiert, weil ein paar Dateien verlorengegangen waren. Das muss wohl an der Fahrweise des Mannes gelegen haben, denn vorher waren sie noch da. Danach fängt der Kerl an, zahlreiche Programme zu installieren. Office 97, Publisher 98, Norton System Works, Internet Security, und so weiter. 'Hey! Ich habe zwar vier Gigabyte Festplattenspeicher, das heißt aber noch lange nicht, dass du die auch ausfüllen musst. Dann muss ich nämlich mehr arbeiten und da habe ich keinen Bock drauf.'
Das Weib meckert erstmal auf meinen schönen Desktop-Hintergrund herum. "Das Boot gefällt mir nicht", knurrt sie. "Es gibt ja noch andere Motive", beruhigt sie der Mann. Nein, die will sie nicht. Sie lässt den Hintergrund in ein einfaches grün ohne Muster einfärben. Bis spät am Abend werkeln die beiden an mir herum. Dann habe ich endlich meine Ruhe.
Am nächsten Tag macht sich das Weib allein an mir zu schaffen. Ein neuer Bildschirmschoner muss her. Der wird von einer CD aus installiert. Nein, das glaub' ich doch nicht! Ein Bildschirmschoner mit Musik und tanzenden Nudeln! Hoffentlich wird es nicht noch schlimmer.
Der Mann kommt später hinzu und rüstet mich mit Windows 98 auf. Er kopiert die Dateien auf meine zweite Festplatte und richtet das Betriebsystem dann von dort aus ein. So, das reicht jetzt. Ich schreibe ihm eine Warnung auf dem Blue-Screen. Mal sehen, wie er darauf reagiert.
>Fehler beim Schreiben auf Laufwerk D!< steht auf dem Bildschirm, wo er doch gerade an Laufwerk C arbeitet, hihihi. Ich tue einfach so, als wenn er etwas beschädigt hätte. Das wird ihn beschäftigen. Vielleicht wird er dann vorsichtiger. Hänger, Absturz, Neustart. Prima, das Spiel könnte ich unentwegt so weitermachen.
In der Zwischenzeit wird das junge Weib ungeduldig. "Och manno, mit dem Kasten kann man ja gar nicht richtig arbeiten, wenn der andauernd abstürzt." - "Nun warte es doch mal ab. Das kriegen wir schon hin", sagt der Mann optimistisch. "Hast du denn jetzt wenigstens das Paint-Programm drin?", fragt sie immer wieder. "Nerv' mich nicht mit dem Paint-Programm", knurrt er. "Das ist drauf."
Aha. Madame ist also ein Möchtegern-Picasso. Ich spiele derweil noch ein bisschen. Jetzt schalte ich das Laufwerk D mal ganz ab. "Was ist hier denn los?", fragt sich der Mann verwundert. Er schaut im Windows-Explorer nach, aber das Laufwerk D ist und bleibt verschwunden. Er versucht noch andere Tricks, ohne Erfolg. Dann will er mich mit Speed Disk optimieren. Oha, da wäre es wohl besser, wenn das Laufwerk D wieder drin ist. Aufräumen kann ja nicht schaden. Also schalte ich es erst einmal wieder ein. Danach kann ich immer noch einen Absturz produzieren und es wieder wegnehmen.
Später wird noch das Internet-Modem und die Maus eingerichtet. Na gut, dann will ich mal nicht so sein. Die Maus bekommt eine aktuellere Software. Das Weib ist linkshändig und will außerdem nicht auf den Doppelklick mit der mittleren Maustaste verzichten. Naja, das ist ja noch harmlos.
Gut, dass der Bildschirmschoner bis jetzt noch nicht angesprungen ist. Den Gag bewahre ich mir für später auf. Der Schoner ist nämlich nicht Windows 98 kompartibel, aber das weiß das Weib wahrscheinlich nicht. Sie lässt mich eingeschaltet und geht mit dem Mann weg. Den anderen Tower nehmen sie mit.
Als das Weib nach einer Stunde allein zurückkommt, sieht sie das Desaster: >Schwerer Außnahmefehler.< steht auf dem Bildschirm. Tja Mädel, tanzen ist schließlich Leistungssport und da ich sowieso schon viel zu lange eingeschaltet bin, musste das ja mal passieren. Hmm, eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass sie verzweifelt ist. Vielleicht hat sie doch etwas mehr Kenntnisse, als ich dachte. "Der Bildschirmschoner bleibt trotzdem drin", sagt sie mutig. "Und wenn Du deswegen Ärger machst, fliegst Du raus." Sie fährt mich runter und startet mich dann neu.
Danach holt sie eine dreieinhalb Zoll Diskette heraus und legt diese ein. Auf der Diskette hat sie ein 30-seitiges Worddokument gespeichert. Das will sie jetzt aktualisieren und als E-Mailanhang absenden. Na gut, dann bin ich jetzt mal friedlich. 'Hey, dass finde ich gemein!' Sie mailt ihrer Freundin, dass es nur Probleme mit mir gibt und, dass nichts richtig funktioniert. Was kann ich denn dafür, dass der Mann mich mit seinen Aktionen dermaßen überstrapaziert? Na warte. Das zahle ich dir morgen heim.
Am nächsten Tag kann ich leider nicht hochfahren, weil plötzlich beide Festplatten nicht erkennbar sind. Was nun, Mädel? Sie ruft jemanden an, den sie Papa nennt. Das wird wohl der Mann sein, der in den letzten Tagen öfter hier war. Gegen Mittag kommt er. Er wendet den Masterbootrecord an, um mich wieder flottzukriegen. Okay, du hast gewonnen. Also arbeite ich wieder ein bisschen.
Natürlich mache auch heute wieder meine Spielchen mit dem Blue-Screen: >Fehler beim Schreiben auf Laufwerk D< oder >Schwerer Ausnahmefehler<. Am besten gefällt mir der Satz: >Das System ist ausgelastet oder instabil.< Vielleicht begreifen die beiden irgendwann, dass ich nicht alles mit mir machen lasse.
Am folgenden Tag wiederhole ich das Spiel mit dem "nicht hochfahren können". Das Weib sagt: "Pöh, mit dir ärgere ich mich doch nicht herum. Dann bleibst Du eben ausgeschaltet. Ich hatte heute eh etwas anderes vor. Äätsch." Am späten Nachmittag klingelt das Telefon. Papa hat wohl eine erfreuliche Nachricht, denn das Weib zeigt mir eine lange Nase und triumphiert: "So, das hast Du nun davon. Mein alter Rechner funktioniert wieder und den tausche ich jetzt gegen dich aus. Dann kann Papa sich mit dir herumärgern." Tja, da muss ich wohl den Bogen ein bisschen überspannt haben. Aber zu ihrem Papa gebracht zu werden, ist immer noch besser, als auf der Müllkippe zu landen. Vielleicht kann ich mich mit ihm irgendwie arrangieren. Mit Männern komme ich eh besser zurecht.
E N D E
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Kommentare
Sonnenwoelfin schrieb am 2009-06-17 11:19:39:
Ich hoffe doch sehr das mein Rechner nicht so von mir als weiblichem Nutzer denkt :D aber das könnte die häufigen Abstürze erklären... :D
Die Geschichte ist toll =) vllt könnte man ja mal mehr solche Geschichten einstellen ;) Ich würde glatt behaupten auch Fernseher können tolle Geschichten erzählen ;)
Mit freundlichen Grüßen
Wölfin ;)
Osthexe schrieb am 2009-03-05 12:21:34:
Ich kann mich Traumfänger nur anschließen. Konnte mir an einigen Stellen einen Lauten Lacher nicht mehr verkneifen. Wirklich schön geschrieben. Auf so etwas muss man erst einmal kommen. Ich hoffe, es gibt eine Vorsetzung ;-)
LG Osthexe
Traumfänger schrieb am 2008-10-14 09:10:05:
Eine klasse Geschichte und schön geschrieben.
Sehr amüsant!^^
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