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Kategorien > Psycho > Der andere Blickwinkel

Täuschungen

von Candie Bambie.

1

Nervös trommelte sie mit ihren blassen Fingern auf der hölzernen, vermoderten Bank.
Das Singen der Vögel schien nicht so beruhigend wie sonst, eher hektisch, hetzend, als wollte es ihr Raten, wieder zu gehen, sich ihrem Unbehagen hinzugeben und einfach wegzulaufen.
Aber wenn sie das tun würde, würde sie wieder Tagelang auf ihre Bett sitzen und Trübsal blasen, mit dem Gedanken daran, es wieder nicht geschafft zu haben. Sie müsste sich wieder damit herum quälen, ein Angsthase zu sein.
Sie prägte sich noch einmal die nähere Umgebung ein, sie musste sie in Erinnerung halten, für den Fall, das sich etwas veränderte.
Rechts neben ihr stand ein Mülleimer, schon voll, aber das war er immer, wenn sie hier herkam, wahrscheinlich leerte ihn niemand aus. Nie kam jemand hierher. Niemand außer ihr.
Hinter ihr war der Wald, dicht, dunkel. Sie hatte Angst vor Wäldern und vor den Gefahren, die darin lauerten, bei dem Gedanken an den Wald lief ihr ein Schauer über den Rücken, hoffentlich hatte es Nichts mit dem Wald zu tun.
Vor ihr lag der Weg, ein harmloser Fußweg aus Kies und Sand geformt, kaum genutzt, er wurde schon von Gräsern überwuchert, am Wegrand standen Maiglöckchen, die ihren Kopf hingen ließen.
Hinter dem Weg stand ein Zaun, nur ein Drahtzaun, als sie einmal nicht an dem Wald entlang laufen wollte, war sie rüber gestiegen, dabei hatte sie ihr weißes Kleid zerrissen.
Das Feld hinter dem Zaun war unendlich, jedenfalls dachte man das, wenn man auf der Bank saß, aber sie wusste es besser, sie war über das Feld gelaufen, es war nicht unendlich, am Ende des Feldes war ein Bach, über den sie sich nicht traute rüber zu steigen.
Dann lenkte sie ihren Blick wieder auf den Weg, in die Richtung, wo die Sonne gerade unterging, aus dieser Richtung musste sie kommen, wie sie es in ihren Träumen gesehen hat.
Sie würde ihr blaues, langes Kleid tragen, das hatte sie auch getragen, als sie in die Kirche gegangen war.
Da war ein schwarzer Punkt in der Sonne, er kam immer näher und nahm menschliche Gestalt an, das musste sie sein, sie hatte kein Kleid an.
Das Mädchen, das eigentlich schon eine Frau war, stand von der Bank auf und ging langsam auf sie zu, warum hatte sie kein Kleid an? Das war falsch! Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten und blieb wieder stehen.
„Emily! Bitte bleib dort stehen, wir kommen.“
Das war nicht die richtige Stimme, es war nicht das richtige Kleid, nicht die richtige Stimme, alles war falsch! Kraftlos stolperte sie einige Schritte zurück, warum hatte es nicht geklappt? Hatte sie etwas nicht richtig gemacht? Es war genauso, wie ihr ihr Mutter es gesagt hat. Auf der alten Holzbank, wenn die Sonne untergeht. Jeden Tag wäre sie da für sie, hatte sie gesagt, immer.
„Emily, alles ist in Ordnung, du kennst mich doch. Ich bin Betty, wir sind Freunde.“
Betty war ihre Freundin, ja, aber sie durfte nicht hier sein, dies hier war ein verbotener Ort, nur für sie selbst und ihre Mutter geschaffen, niemand durfte hier her, niemand außer ihn beiden.
„Geh weg! Verschwinde!“ wütend kreischte sie ihre Freundin an, sie hob ein Stein vom Boden auf und warf nach ihr, verfehlte sie aber.
Hinter Betty kamen noch mehr Menschen, Männer, Frauen, sie hatten eine Trage dabei.
Sie sollten weggehen! Wenn sie hier waren würde ihre Mutter nicht kommen!
Emily stieß einen verzweifelten Schrei aus. Sie ließ sich kraftlos auf den Boden fallen und blieb liegen, sie würden nicht weggehen, nie gingen sie weg, sie nahmen sie immer wieder mit.
„Emily, alles ist gut, hast du wieder auf deine Mutter gewartet? Emily, sie kann nicht kommen, das weißt du, ich habe es dir erzählt.“
Betty hatte es ihr schon so oft erzählt, fast jeden Tag, seit 14 Jahren, aber sie wollte es nicht hören, sie sagte, sie würde nie wieder kommen, das Gott sie in der Kirche behalten hat, als sie Feuer gefangen hat, aber sie log, ihre Mutter kam jede Nacht und versprach ihr, für sie da zu sein, immer. Jede Nacht traf sie sie an diesem Ort, hier, auf der Bank, aber sie konnte sie nie berühren, sie wollte sie umarmen, ihr Gesicht in ihrem Kleid vergraben, wollte von ihr auf den Arm genommen werden.
Sie öffnete noch einmal die Augen und schaute in den dunklen Wald hinein. Ein Eichhörnchen kletterte ein Baum hoch und verschwand in der Krone. Alles war falsch gewesen, von Anfang an.

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Kommentare

Jane schrieb am 2009-09-29 01:13:39:
Hmm etwas irritiert mich ziemlich.. wenn dort niemand hinkam, wieso war dann der mülleimer voll? und woher will sie das wissen, dass da niemand hinkommt außer ihr?

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