Tagebuch der schlechten Zeiten
von
Illeas
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12. April 2007
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Ich sitze im Zug. Rückwärts. Rücken zur Fahrtrichtung. Wo es mir doch so schnell übel wird. Draussen prasseln die Regentropfen gegen das Fenster. Der Himmel ist schon erstaunlich dunkel, obwohl es erst 17 Uhr ist. Regenwetter halt. Scheiss Regenwetter. Ich bin völlig durchnässt und habe schon seit Tagen eine üble Erkältung. Warum muss immer alles gleichzeitig geschehen? Es ist ja noch nicht alles. Heute habe ich eine Klausur zurückgekriegt. Alles rund um den Cashflow, Geldfluss. Ich war schlecht, so schlecht wie niemand anders. Nur ich war ungenügend, und das schon im zweiten Semester an der Fachhochschule. In drei Vierteln der Fächer sieht es so aus. Mag daran liegen, dass ich zu wenig lerne – aber wann musste ich in der Vergangenheit schon lernen? Geldfluss. Der täte mir endlich mal gut. Wenn ich so weiter mache, dann bin ich bald in den roten Zahlen. Was dann? Was jetzt?! Mein Ipod spielt keine Musik mehr. Akku nicht aufgeladen, wie jeden zweiten Tag. Dieses bescheuerte Ding ist schon lange kaputt. Scheiss Regen!
20. Mai 2007
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Ich muss gestehen, oft trage ich keine Geschichten in mein Tagebuch ein. Der letzte Eintrag liegt einen Monat zurück. Vielleicht liegt es daran, dass ich nur schreibe, wenn es mir nicht gut geht. Dann bin ich kreativ, auch wenn ich nichts „Gutes“ schreiben kann. Auf jeden Fall ist heute wieder so ein Tag. Sonntag. Schlimmer Kater, deftiger Husten vom vielen Rauchen und ein leeres Portemonnaie. Wieso sind Sonntage immer so scheisse? Noch dazu liegen unzählige Rechnungen vor mir. Damit nicht genug, auch Mahnungen türmen sich auf. „Wir bitten Sie eindringlich die Rechnung für ihre Monatsmiete bis 31. Mai 2007 zu bezahlen“ – ja toll. Für eine Einzimmerwohnung am Arsch der Welt. Waldwil, das Dorf im Grünen. Grau ist es, schon das ganze Wochenende. Zuerst Nebel und Frost, dann Wolkenbruch und Hagel. Das mag im Grünen ja noch ein schönes Naturschauspiel sein, hier gleich neben dem Industriegebiet ist es aber kaum auszuhalten. Soweit ich das aus meinem kleinen Fenster sehen kann. Scheiss Regen. Und dann noch der Streit mit Jennifer. Seit ich nicht mehr Zuhause wohne und sie so wenig sehe, streiten wir nur noch. Man könnte meinen die Freude des Wiedersehens müsste unermesslich sein. Unermesslich brutal. Vorfreude wandelt sich in Vorangst um. Immer auf Konfrontationskurs mit ihr. Liebe ist gewollte Knechtschaft. Knechtschaft in der man gezwungen ist, für alles und jeden Rechtfertigungen zu bringen. Wunderbar. Und die Heizung ist auch noch ausgestiegen. Ich brauche ein Bier – und eine Zigarette.
12. Juni 2007
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Eine Betreibung. „Freundliche Grüsse, Ihr Betreibungsamt“. Ich würde auch freundlich sein, respektive glücklich wirken, wenn ich Geld einsacken könnte. Was ich bis vor kurzem ja auch konnte. Drei Wochen habe ich in der Büätzer-Bar gearbeitet, Spätschicht für die Volltrunkenen von zwei Uhr bis morgens um sechs. Sehr aufbauend das ganze. Mit ihrer Alkoholfahne, die man einen Kilometer gegen den Wind riechen konnte, laberten sie mich voll mit ihren Problemen. Als ob ich nicht genug Probleme hätte. Und dann wagt es auch noch einer mir zu sagen, ich hätte es doch gut, so jung wie ich sei. Ich antwortete: „Glauben sie mir, im Innern bin ich älter als sie“. Der Typ sah es gleich als Angriff auf sein Mitleid erregendes Leben und teilte mir unmissverständlich mit, dass ich ein Arschloch sei. Das war ich dann auch. Wahrscheinlich blutet seine Nase jetzt noch. Und für diese Tat musste auch ich bluten – vor dem Chef. Ohne Abfindung wurde ich rausgeschmissen und habe so gut wie gar nichts verdient. Habe ich das verdient?
21. Juni 2007
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Ich kann nicht schlafen. Alleine lag ich drei Stunden im Bett und wollte einfach nicht die Augen schliessen. Es war wahrscheinlich gar nicht möglich, so verquollen waren sie von den bitteren Tränen, die ich gegen meinen Willen weinte. Jennifer hat mich verloren. Vorhersehbar, aber nichtsdestotrotz schmerzhaft. Wir haben um die zwei Stunden telefoniert bis sie mir endlich mitteilte, dass sie nun einen anderen, besseren Macker am Start habe. Das Besser musste sie natürlich unnötig in die Länge ziehen. Wer die Telefonrechnung bezahlen muss, ist ja klar. Und dann stehen nächste Woche auch noch die Semesterprüfungen an. Ich habe zwar gelernt, aber nicht gut. Und meine Vornoten sehen alles andere als rosig aus. Eher wie ein Dornengestrüpp ohne Blüten, aber mit einer stinkenden Zwiebel tief unter der Erde, von Dreck und Würmern umgeben, allein. So wie ich in meiner kalten Einzimmerwohnung. Immerhin habe ich noch meine geliebte Whiskeyflasche. Scheisse! Flasche ja, Inhalt nein.
25. Juni 2007
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Schön so ein Sommer. Bilderbuchwetter für den Herbst. Der Regen fällt seit Tagen unerbittlich auf Waldwil nieder. Wie gerne wäre ich im Süden, mit Jennifer, ein Platz an der Sonne. Aber ohne Geld und ohne Jennifer ist dieser Traum zum Scheitern verurteilt. Es geht bergab. Ich kann nicht mal mehr das gute Waldwiler Königsbräu kaufen. Für den halben Preis gibt’s das Billigbier Vollmund. Mein Vollmund.
17. Juli 2007
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Der Brief mit den Prüfungsergebnissen ist angekommen. Ich weiss nicht recht, ob ich ihn öffnen soll. Ich öffne ja grundsätzlich keine Briefe mehr. Das Ergebnis steht ohnehin schon fest und aus dem Bauch heraus heisst das, dass ich nicht bestanden habe. Teils Prüfungen gab ich gänzlich leer ab. Genau so leer fühle ich mich im Moment. Vielleicht sollte ich dieses Wochenende meine Familie besuchen. Schlechter gehen wird es mir danach kaum.
22. Juli 2007
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Wieder in meiner Einzimmerwohnung. Alleine. Gestern und heute war ich Zuhause bei meiner Familie. Es hat sich nicht viel geändert, seit ich fort bin. Naja, mein Zimmer ähnelt nun mehr einer Gerümpelkammer und meine Eltern haben häufiger mit mir geredet. Leider. Gleich zu Beginn öffnete ich den Brief mit den Prüfungsergebnissen. Ich war überrascht – in zwei Dritteln der Fächer hatte ich bestanden. Leider reicht das nicht aus. Mir bleibt nur die Möglichkeit, das Studienjahr zu wiederholen. Aber wie, ohne Geld? Meine Eltern waren weniger erfreut. Sie tadelten mich die ganze Zeit, ich hätte mehr lernen sollen, ich trinke zu viel, kurz gesagt, ich nähme das Leben nicht ernst. Ernster als ihr denkt. Respektive das, was von meinem Leben noch übrig geblieben ist.
Um einen schönen Übergang zum nächsten Abschnitt zu finden noch folgendes: das Schweizer Militär hat geschrieben. Aber wie gesagt, ich öffne keine Briefe mehr. Wahrscheinlich wollen sie eh nur Geld sehen, wie alle anderen. Obwohl ich bereits etwa neun Monate Dienst geleistet habe, was wohl noch nicht ausreicht. Immerhin gab es eine Knarre. Eine 9mm-Pistole, die etwa 30 Jahre alt ist. Trotzdem funktioniert sie noch. Und liegt vor mir auf dem Tisch.
29. Juli 2007
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Seit einer Woche sitze ich in meiner Wohnung rum, habe nichts zu arbeiten, nichts zu studieren, nichts zu unternehmen, niemanden zum
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