Tagträumer
von
Wasserratte
1
Kapitel 1 Sand, Sand und noch mehr Sand
Die Sonne brannte auf das Tal, natürlich tat sie das, schon seit Jahren. Viele hatten es vorhergesagt, die Welt würde verglühen. Es war ein schleichender Prozess gewesen, der sich jedoch stetig fortsetzte.
Es hatte damals viele Katastrophen gegeben, Unwetter, Sturmfluten und dann irgendwann gab es keine Fluten mehr. Heiße Sommer hatten das Land ausgedörrt. Es könnte sich um das Jahr 3029 nach dem christlichen Kalender handeln, aber das wusste niemand. Dieser Kalender verschwand im Überlebenskampf der menschlichen Art irgendwo im Nichts.
Es gab noch kleine Städte, die umgeben von Wüste, dem Land ihre Nahrung abrangen und sich dem Aussterben wiedersetzten.
"Wir hätten links abbiegen sollen."
Damian schüttelte den Kopf. "Links ist nichts mehr..."
Sein Begleiter plusterte sich auf. " Erst vor wenigen Tagen gab es Lebenszeichen im Funknetz! Da müssen noch Menschen sein."
Die beiden Jungen waren in weiße Mäntel gehüllt, die im heißen Wind wehten.
"Diese 'Lebenszeichen' können schon Wochen alt sein. Manchmal bleiben Frequenzen im Netz zurück. Passiert hier ziemlich oft, hat was mit den starken Magnetfeldern zu tun"
Damian setzte seine Schweißerbrille, mit getönten Gläsern, auf und strich sich eine nervige blonde Strähne unter die Kapuze zurück, die ihm augenblicklich wieder ins Gesicht fiel.
Der etwas größere Kerl neben ihm grunzte missmutig. Er verbarg seine langen roten Haare unter einem leinenhaft gebundenem Turban.
"Wir schaffen es vielleicht eine Woche." Conner verstränkte die Arme vor der Brust und sah trotzig in das glühende Land vor ihnen.
Damian sah zum Himmel hoch, gerne stellte er sich vor wie Vögel über sie hinwegzogen. Selber hatte er noch nie welche gesehen, er kannte sie nur aus Büchern.
Die Sonne prangte wie ein rieses Mahnmal am Himmel, riesig, drohend. Es konnte nicht mehr lange dauern bis sie den Kampf um den ehemals blauen Planeten gewannen.Die Menschen, die Geld hatten, lebten schon lange nicht mehr hier. Die, die zurückgeblieben waren, erzählten sich Geschichten über andere Planeten mit Tieren und Wasser. Ob es wahr war?
"Dann sollten wir uns beeilen." Mit diesen Worten machte der Blonde auf dem Absatz kehrt und lief zu seinem Motorrad. Die beiden Maschinen waren bepackt mit viel zu vielen Satteltaschen und Kanistern, Rost färbte sie rötlich. Sie funktionierten, das war das Wichtigste.
Conner folgte ihm, gemeinsam fuhren sie in die vor Hitze schwelende Weite.
Den ganzen Tag sahen sie kein einziges Lebewesen, denn die Tiere, die es noch gab waren nicht ohne Grund nachtaktiv.
Sie bahnten sich den Weg auf Etwas, das vielleicht einmal eine Straße gewesen war. Kaum zu erkennende Spuren im Sand zeigten das es nicht lange hergewesen sein konnte, dass jemand sie überquert hatte.
Damian hielt mit quietschenden Reifen sein Motorrad an und rutschte im weichen Sand noch ein Stück.
"Bist du verrückt?" Conner konnte gerade noch rechtzeitig bremsen, um nicht in den quer auf dem Weg stehenden Jungen hineinzufahren. "Erkläre dich!" sagte er mit einem schiefen Lächeln.
"Lass den Quatsch und guck dir das an." Er wies auf die Spur die den Weg kreuzte.
"Hmm... könnte ein Konvoi gewesen sein." Der Große schwang sich von seinem Gefährt und kniete sich zu den vermeindlichen Reifenhinterlassenschaften auf die Straße. "Mehrere Autos wenn du mich fragst. Vielleicht einen halben Tag her."
Damian grinste zufrieden. "Ich wusste doch, dass dir beim Anblick eines Haufen Drecks auf der Straße das Herz aufgeht."
"Was soll das? Ich nerv dich doch auch nicht mir deinem Techniktick."
"Du verstehst ja auch nicht was ich mache, aber dass du gerne im Matsch wühlst kannst du nicht abstreiten."
Kampfeslustig stand Conner auf. "Hör mal Kleiner, wenn ich du wäre, würde ich aufpassen, dass ich nicht gleich mit dem Gesicht im Dreck liege!"
Die beiden Jungs schmunzelten. Sie hatten schon zu viel Zeit zusammen verbracht um nicht zu wissen, dass es keiner wirklich ernst meinte.
Als beide wieder auf ihren Rädern saßen, tauschten sie einen kurzen Blick und ließen dann knatternd ihre Maschinen an.
Der Spur zu folgen konnte ein Wagnis sein, doch jedes Lebenszeichen versprach auch die Aussicht auf Menschen.
Einige Stunden folgten sie dem beschwerlichen Weg durch den tiefen Sand, der irgendwann so tief wurde, das sie die Motorräder schieben mussten. Eine gefühlte Ewigkeit quälten sie sich die Dünen auf und ab, bis der Boden unter ihren Füßen härter wurde und allmählich in Stein überging.
"Fantastisch.... eine Steinwüste..." Maulte Conner.
Enttäuscht ließen sich die beiden, dort wo sie standen, in den letzten weichen Sand sinken. Sie sahen wie sich die Reifenspuren ein paar Meter vor ihnen auf dem harten Boden verlor.
"Hätte ja mal was klappen können." Immer noch vor Erschöpfung schnaufend wischte sich Damian den Schweiß von der Stirn.
"Wir sollten irgendwo ein Plätzchen zum Schlafen suchen, vielleicht dahinten..."
Der Große folgte dem Fingerzeig seines Freundes zu den Anfängen einer zerklüfteten Hügelkette und nickte.
"Ich hasse diesen Planeten." Er wickelte seinen Turban neu, der ihm schon fast vom Kopf rutschte.
Diese steinerne Einöde hatte auch etwas Gutes, sie mussten nich länger die schweren Maschinen durch den Sand zerren. Einigen kraterähnlichen Löchern ausweichend erreichten sie ihr Ziel. Mit dem Verschwinden der Sonne war es die Kälte, die ihnen in die Glieder kroch. Trotz der dicken Handschuhe konnten sie ihre Hände kaum noch spüren. Diese widerliche Welt, um sie zu verlassen musste man reich oder kriminell sein.
Reich war keiner der beiden, also blieben ihnen nicht mehr viele Möglichkeiten und hier bleiben wollten sie nicht.
Mit abgehackten Bewegungen lenkten sie ihre Räder zu den Felsen, bei einem kleinen Felsvorsprung hielten sie.
Das Aufschlagen eines Lagers ging schnell, sie waren ein eingespieltes Team. Das was einmal ein Zelt gewesen war, stand innerhalb einer Viertelstunde und auch Satteltaschen und Kanister waren schnell verstaut.
Damian hatte sich mit einer Petroliumlampe vor den Zelteingang gesetzt. Ein großes offenes Feuer wäre zu auffällig gewesen und hätte wer-weiß-was aus der Dunkelheit angelockt. Dünnes fades Licht hüllte ihn ein.
Er strich über den ledernen Einband seines Buches. Es war alt, verwittert und die Seiten waren vergilbt. Bücher wurden nicht mehr gedruckt, wie auch ohne Bäume. Die wenigen die noch erhalten waren, waren so selten geworden, das kaum noch jemand lesen konnte.
Fast liebevoll blätterte er die Seiten durch, sie zeigten Bilder von Tieren und einem einst blühendem Planeten. Ein wenig konnte er lesen, nicht so gut wie er es gewollt hätte, aber er kämpfte sich beharrlich im schummrigen Licht der Lampe Seite für Seite voran.
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