Talkshow
von
Eichhörnchen
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Tag: CXXVI
Ich sitze tief in einem braunen Ledersessel mit vor langer Zeit aufgekratzten Armlehnen, der durch die vielen ertragenen Jahre ganz durchgesessen ist. Im Zentrum meines Sichtfeldes steht ein alter Fernseher mit einer verbogenen Antenne. Das Bild rauscht etwas, aber der Ton ist meist klar, nur manchmal ertönen Stimmen, die das Programm etwas stören. Im Sessel versunken folge ich dem Programm. Der angeschossene Moderator der heute durch eine Wunde an der Schulter den ganzen Boden zwischen dem ringförmig aufsteigenden Publikum und den Talkshowgästen verblutet wird langsam bleich, aber hält sich tapfer, wenn man die Blutlache auf dem Boden betrachtet, de den Weg nachzeichnet, den er seit der Verwundung zurückgelegt hat. Die Treppe die das Publikum in zwei Hälften teilt ist etwas betropft, der Freiraum zwischen Publikum und den Gästen ist trägt Spuren des längeren Aufenthaltes, da im Zentrum, wo er meistens steht um das Gespräch zu leiten eine größere Lache ist, zu den Seiten hin, die er manchmal benutzt um sich einem speziellen Gast zu nähren sind leichte gepunktete Striche und Fußspuren, die er mit seinen Pradaschuhen gleich einem modernen Kunstwerk im gehen gezeichnet hat. Das Thema heute ist: dicke Hausfrauen mit dicken Haustieren. Sieben dicke Frauen mit unterschiedlicher Begleitung sitzen auf der leicht erhöhten Bühne. Gerade kläfft ein ca. 50 kg schwerer Chinchilla der nach Angaben der Besitzerin seit zwei Jahren in einer Tragetasche lebt einen Rotkopfkakadu an, der zu den Füßen seiner Besitzerin in einem Körbchen liegt. Die beiden Besitzerinnen sind ebenfalls in einen heftigen Disput verfallen. Der Kakadu krächzt mit einer stimme die kurz vor dem erbrechen steht Schokoladenhuchen-huchen. Der Chinchilla hat äußerste mühe ein Bellen aus seinen Lungen durch die von allen Seiten bedrängte Kehle vorbei an der riesigen Zunge zu zwängen und bringt deshalb nur ein halbes Rülpsen zustande das sich einmal in der Minute wiederholt. Die anderen drei dicken Damen sind von dem Streit in ihrer Mitte nur leicht abgelenkt und versuchen sich unbemerkt aus den Sporttaschen , die sie hinter ihren Liegesofas platziert haben kleine Naschereien einzuflößen. Die Dame auf der rechten Seite, die sich offenbar verplant hat fummelt unschlüssig in ihrer Sporttasche und stellt dann fest, dass ihr Vorrat verbraucht ist. Verstohlen wagt sie einen Blick auf den Vorrat der Dame rechts. Dabei kneift sie ihre dünnen Lippen zusammen, wodurch sie einen Fettlappen ihres Doppelkinns verliert, das zum größten Teil auf ihrem Oberkörper liegt und versucht über die aufgequollenen Unterlieder zu schielen. Die Versuchung ist zum greifen nah. (Die Liegesofas wurden vor der Sendung aus Tradition in Schlagnähe angeordnet, falls es mal wieder zu Handgreiflichkeiten kommen sollte.) Aber auch der nachbarliche Vorrat geht schnell zu ende. Doch durch die aufsteigenden Tränen und die Lichtbrechung des Wassers wird der Blick der Dame links auf das Hausschwein der Dame nebenan geführt. Eine Idee keimt und wenn jemand die Dame genauer beobachtet hätte , hätte er vielleicht den leichten Speichelfluss bemerkt, der aus dem kleinen Mund durch eine Falte am Mundwinkel abwärts in die horizontal angeordneten Doppelkinnfalten floss. Kohäsionskräfte zwängten den leicht gelblichen Speichel weiter durch die Kinnfalten von links nach rechts, dann eine Falte tiefer von rechts nach links. Während der Speichelfluss sich langsam weiter seinen Weg durch das Kinnlabyrinth suchte reifte etwas höher die auf das in Reichweite liegende Schwein gerichtete Idee. Der Streit in der Mitte der Gruppe hatte sich mittlerweile verschärft. Nachdem den Teilnehmerinnen der Gesprächsstoff ausgegangen war hatten sie begonnen sich gegenseitig anzugrunzen. Der mittler weile in die Knie gegangene Moderator, offensichtlich erfreut über den Gesprächsverlauf erfreut, lächelt und ist stolz in Erfüllung seiner Pflicht zu verscheiden. Während die zweite Dame von links aufmerksam versucht dem grunzen zu folgen hat die linke schon die ersten Happen aus dem Schweinerücken verschlungen, die sie mit einem großen Fleischermesser, das sie irgendwo aus ihrem Körper gezogen hat langsam abschneidet, während sie ebenfalls bemüht ist dem Grunzen zu folgen, das aber mittlerweile in ein Keuchen übergeht, weil sich die beiden überanstrengt haben. Schon eilen Mitarbeiter mit Beatmungsgeräten herbei und klemmen den streitenden Gasmasken übers Gesicht.
Die Dame ganz rechts, die eine Spiegelqualle in einem großen Wasserbecken vor sich mitgebracht hat, ist schon längst wütend über die Nichtbeachtung ihrer beachtlichen Person wutentbrannt auf den Boden geglitten und versucht nun ihren Abgang zu beschleunigen indem sie eine Flasche Olivenöl auf den Boden vor sich verteilt und dann mit fischähnlichen zuckenden Bewegungen auf dem Rücken versucht den stummen Blicken zu entkommen. Nachdem sie die kleine Stufe der erhöhten Bühne überwunden hat steckt sie sich einen langen Fahnenmast in den Bauchnabel und spannt das Segel, indem sie das Tau, an dem das lange Segeltuch aufgenäht ist durch den Mund einsaugt, bis das Segel ganz gespannt ist. Schon trägt der erste Windstoß den Körper aus dem Studio, über die Straßen der Stadt, vorbei an Sehenswürdigkeiten und Attraktionen. Diese Dame von rechts erlebte in den folgenden Tagen, vor ihrem Tod am Ostseestrand noch einige Geschichten die der Erzählung wert gewesen wären. Aber zuerst muss man sagen, dass sie die einzig glückliche der Gäste war. Die Flucht und der Weg des Einsamen, der Weg über das unendlich scheinende Meer sind oft der einzige Ausweg, aus einer Talkshow, in der jeder nur sich selbst sieht und jeder nur auf den eigenen Magen spekuliert.
Und tatsächlich, nur wenige Atemzüge nach ihrem so ruhmlosen und unbeachteten Verschwinden begannen die anwesenden Damen sich gegenseitig zu attackieren. Messer wurden gezückt, Beile geschwungen, öliges Blut floss zäh und in kleinen Fäden von der leicht erhöhten Bühne. Keiner kannte Schmerz, nur Genuß und Sättigung. Jeder fraß seinen Nächsten. Nachdem die Show beendet war, denn der Schlus dauerte nur wenige Minuten, nahmen die grauen Herren aus dem Publikum ihre Hüte, zogen ihre grauen Jacken an, räusperten sich vereinzelt oder schüttelten die Köpfe und begannen dann ihren langen Abstieg in den Bauch der Erde, von wo sie jedes mal zu diesem Schauspiel gerufen wurden. Auch diese Erkenntnis hilft nicht.
Als nächstes steht eine Gerichtsshow auf dem Programm. Der alte Fernseher wird beiseite geschoben und ich erkenne den kahlen Richter, nachdem sich meine Pupillen langsam dem entfernteren Punkt angepasst haben. Durch die lange Verhandlung ist er ganz staubig, ich dachte eigentlich er wäre schon längst tot und habe ihn schon lange vergessen, weil ich durch das Programm abgelenkt war. Er sieht mich kurz an, und öffnet dann das große, schwarz eingebundene Buch, das vor ihm liegt und liest etwas vor, dass keinen Sinn ergibt, erhebt sich und verlässt den Raum.
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