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Kategorien > Avantgarde >

Tanzen, Trinken, Träumen

von Philipp

Das Leben tobt, es macht mich fertig. Die Arbeit bringt mich um. Ich bin
dadurch langsam nicht mehr derselbe wie früher. Ich verliere mich in einer
Traumwelt der Musik und des Rausches, der Parties und Nachtleben, der
Ziellosigkeit und der Depression, angetrieben durch die Flucht vor dem
Alltag. Ein spiralförmiger Taumel in ein geistiges Nirwana, beschleunigt
durch die dämpfende Wirkung des Alkohols.

Wenn ich nicht ausgehe, dann erhellt das Flimmern des Fernsehers meine
Sinne, der dumpf dröhnende Beat der House-Musik hält meine
Koffein-induzierte Nervosität aufrecht, hält mich wach. Denn ich bin müde.
Immer müde, und sollte eigentlich regelmäßig früher schlafen gehen. Aber
meistens gehe ich in Diskos, zum Tanzen, oder einfach nur zum Rumstehen,
Trinken und Vergessen.

Wenn ich dann da bin, dauert es meistens nicht lange, und allmählich, immer
schneller, dreht sich der Raum um mich herum. Rote, grüne und gelbe
Scheinwerfer blitzen und blenden, blitzartige Schnappschüsse von Leuten um
mich herum, wild die Arme in der Luft schwenkend, lachend, trinkend,
verdrängend. Ein Drink, ein Blitz, ein Beat, wieder und immer wieder –
Leute, tanzend, trinkend, anrempelnd, sich gegenseitig anbaggernd, proletig
und billig.

Und ich dreh mich, schneller, schneller, ... immer schneller...

Dann, ganz langsam durchdringend, lullen mich die schweren, dröhnenden
Bassbeats ein. Der Alkohol strömt mir warm durch den Kopf. Die Wahrnehmung
wird merklich langsamer, die Musik verschwindet im Hintergrund, die Gedanken
werden unscharf.

Dann der Riß. Die Umgebung verschwimmt. Ein großes Loch, Dunkelheit,
durchsetzt von roten, grünen und gelben Blitzen. Bässe wabern quer durch den
Hinterkopf, eine angenehme, leichte milchglasige Schallmauer legt sich über
den Raum.

Und endlich: Vergessen – Nein! Verdrängen. Wenigstens bis morgen. Nicht an
die Arbeit denken. Nur für heute Abend. Das reicht schon. Dann war es ein
guter Abend. Nichts wirklich wahrnehmen. Nichts verarbeiten müssen. Keine
Fragen, keine Antworten, keine Meinung und vor allem: keine Entscheidungen.
Keine Zwänge, keine Verstellung, nicht mal mir selbst gegenüber, denn: die
Leute sind egal. Alles ist egal, austauschbar und unrelevant. Eine sich
bewegende Kulisse, die lediglich dazu dient, die Musik im Raum mit Bewegung
zu füllen. Alles was zählt ist: Tanzen, trinken, träumen.


Kommentare

julia schrieb am 2009-01-06 22:49:30:
Unglaublich! was für eine Ähnlichkeit auch mit meinem Zustand oder meiner Sicht der Dinge! Einerseits traurig, dass sich so viele Leute in diesen Zeilen wieder finden, anderseits ist es "schön" oder eher beruhigend zu wissen, dass man nicht alleine mit solchen Gedanken, Gefühlen und Empfindungen da steht!
herzu@lycos.de schrieb:
hallo phillip,

wow, wenn man deinen Text ließt, dann kann man kaum mehr aufhören! es ist mitreisend und deprimierend in einem! hast du dabei über dich geschrieben? oder über einen bekannten?

gruß mederia
philipp@junglemail.de schrieb:
Tja, das habe ich zu einer Zeit geschrieben, als ich im Büro viel Stress hatte, und dann Abends immer auf irgendwelche "After-Business" Parties gegangen bin. Ist sicherlich ein wenig hochstilisiert, dieser Text, gibt aber durchaus viel von dem wieder, was ich zu der Zeit empfunden habe...
Gruss,
p.
Independence@web.de schrieb:
Das hast du gut getroffen. Genau das gleiche passiert mit mir. Kaneda
sweetpsychal@gmx.at schrieb:
Das passiert fast jedem der Alkohol und Probleme verbindet. Das ist der heutige Rausch, man besäuft sich, oftmals in einer Gruppe und versucht zu vergessen, bis man nicht mehr kann und der Alkoholspiegel sich sänkt. Man erwacht wie aus einem Alptraum und erkennt seine Einsamkeit und Trauer und das Leben der anderen. Du stehst neben dir und musst erkennen das du mal wieder verloren bist! Und dann fragt man sich... war es diese kurze Zeit des Verdrängens wirklich wert?
nelle.perlbach@freenet.de schrieb:
In dem Text kommt eher der Wunsch nach Vergessen, Träumen, Tanzen usw. zum Ausdruck. Denn Leute, die Trinken, machen das zwar aus diesen Motive - insofern ist der Text schon stimmig - allerdings wissen sie in der Regel nicht darum. Kein Säufer holt sich seinen Schnaps und sagt: Ich will jetzt mal vergessen. Das sagt nur jemand, der nicht (krankhaft) trinkt.
Die Sehnsucht nach Zerstreuung ist aber sprachlich gut vermittelt.
Gruß
sweet-angel2207@web.de schrieb:
Respekt! Die Geschichte ist dir echt gelungen, muss man schon sagen!
Was mich auch interessieren würde, woher du diese Idee hast.
naja,
greeeetz
*Tinka*
abc schrieb:
Die Geschichte ist echt gut. Nur irgendwie traurig. Erinnert mich am mich.

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