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Kategorien > Humor > Parodie

Thomas Mann will eine Tasse Kaffee trinken

von Alex

"Sag mal, Heinrich" begann sein Bruder und neigte das Kännchen mit dem Kaffee, der ihm so gut tat, da er ihn zugleich wärmte und weckte, was die optimale Vorbereitung zum Schreiben war. Das Kännchen war aus Porzellan. Ein Blumenmuster bedeckte die annähernd kreisförmige Oberfläche, lediglich auffällig durch diese neugotische, spitzförmige, ja beinahe scharfe Ausbuchtung, Henkel genannt, welche, von Thomas´ Hand umschlungen, den Überträger der Kippbewegung von Thomas´ Bewusstsein zu den Neuronen seines Gehirns in seine Hand und schließlich zum Kännchen darstellte.
"Ja, was ist, Thomas?" antwortete sein großer kleiner bzw. kleiner großer Bruder dessen Antipathie ihm bzw. Thomas nichts Neues darstellte, schließlich mehr oder weniger, für Thomas mehr, für Heinrich weniger, aber doch irgendwie erzwungen, logisch begründet in den Irrungen und Wirrungen, für Thomas mehr Irrungen, für Heinrich wohl wilde Wirrungen der deutschen Geschichte, und die Tapete war billig. Kaum setzte Thomas zur Fortsetzung des Gesprächs an, rieselte bereits der erste Tropfen aus dem Schnabel des Kännchens - und ausgerechnet dieses Kännchen! - in den Laderaum der Tasse - Nein! Warum diese Tasse. belastet mit den schweren Erinnerungen einer ohrenbetäu-benden Stille zwischen den beiden nicht zusammen passenden und doch miteinander verbundenen Brüdern zwischen dem 14. März 1947 und dem 23. April des selben Jahres - mit dem gleichen Blümchenmotiv wie das Kännchen.
Das Kännchen erschien geradezu erleichtert, seine flüssige Last auszukotzen, was Thomas angesichts der unerhörten Macht des Dranges zunächst leicht. vielleicht sogar nur unbewusst. aber wer kann das heutzutage noch trennen, zurückschrecken ließ. Doch einmal ausgelöst, konnte der verhängnisvolle Mechanismus der Gravitation in Verbindung mit der fließenden Flüssigkeit nicht mehr aufgehalten werden, Tropfen für Tropfen. Mikroliter für Mikroliter ergoss sich gierig in die Tasse unter dem Kännchen - weiß Gott, warum dieses Kännchen! Selbst Heinrich zwang diese Aktion ein Befeuchten seiner Unterlippe mit Hilfe seiner Zunge. "Was diese Zunge nicht schon alles befeuchtet hatte?" blitzte es im Geiste des Bruders auf, ab. Doch ständig floss der Kaffee, der Kaffee aus dem Kännchen in die Tasse, immer das gleiche Kännchen und die gleiche Tasse, nichts schien die Gesetze der Kausalität außer Kraft setzen zu können, auch wenn Thomas' latente Homosexualität sich dies manchmal zu wünschen schien. Doch dies ist ein anderes Thema, dachte auch das Kännchen.
Es schien die billige Tapete die Atmosphäre des Verfließens sogar noch zu unterstützen, auch
sie mit dem historisch unbelasteten Blümchenmotiv belastet. Thomas fühlte die Verbindung
zwischen sich und seinem Bruder, antagonal zur Linie Kännchen - Tapete. Und im gleichen
Maße wie die Tasse sich füllte, leerte sich das Kännchen und je mehr Erfahrungen man
macht, um so weniger bleiben einem noch zu erhoffen, der ewige Kreislauf des Lebens, die
helle Flamme brennt am schnellsten nieder, wie du mir, so ich dir und all die billigen
Weisheiten des billigen Lebens, eingezwängt von billigen Tapeten. "Deinem Anzug entnehme
ich, du brauchst Geld." meinte Thomas korrekterweise.

Kommentare

alex schrieb am 2006-07-06 02:34:54:
Ach und übrigens, Thomas war schwul, Heinrich nicht (siehe Kommentar von moonelbe).
alex schrieb am 2006-07-06 02:34:10:
Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare. Ich war total überrascht, als ich nach einer längeren Zeit mal wieder diese Seite "aufgeschlagen" hatte. Die positive Resonanz freut mich sehr, weswegen ich auch mal wieder was neues eingesandt habe. Hätt nicht gedacht, dass eine Stilparodie so gut ankommt ;-).
ein Bewunderer deiner Schreibkunst schrieb am 2006-05-23 15:58:09:
einfach klasse, nicht zu übertreffen und bevor ich es vergesse: ich finde es nicht nur lustig, nein, ich will auch ma gern deine Deutschnote sehen^^
silent h schrieb am 2006-05-23 11:32:56:
ich find ihn sehr gut, auch wenn einige Sätze etwas gekürzt werden sollten. Der Mensch denkt in kurzen Sätzen,
demnach merkt er sich auch od verarbeitet kurze Sätze auch besser.
Ich mein auch, dass müsste eher gleich in "Seltsames" passen, denn Humor ist nicht ganz die richtige Sparte.
LG Silent
yaragut@gmx.ch schrieb:
Hmm... irgendwo is das noch lustig, ich finde nur, dass die vielen Fremdwörter etwas künstlich klingen! Ansonsten gefällt mir dein Schreibstil und die Geschichte im allgemeinen sehr gut!
Crabbable.
Incognito@incognitos.com schrieb:
Wirklich gut geschrieben, gefällt mir, obwohl es eher nicht zu Humor passt.
moonelbe@bluemail.ch schrieb:
Am Anfangen fiel es mir einbisschen schwer deine Story zu lesen,denn du hast sozusagen ohne Punkt und Komma(kommas schon aber kein Punkt)geschrieben.Aber gegen Ende gings gut.
Aber sag mal,sind die Brüder zusammen oder ist nur Heinrich schwul?
la_defiance@web.de schrieb:
*g*
Ja, das mit den Satzzeichen, aber sonst - ... Mir gefällt der Stil (auch die Fremdwörter!) und die ganzen gut formulierten Einschübe.
f2ajm.gymmuenchenstein.ch schrieb:
Hey Alex du hast es voll im Griff.
Einfach genial, trotz der kleinen Verwirrung am Anfang, bei mir, durch das Lesen dieser Geschichte, welche von meinen Augen gelesen und an mein Hirn weitergeleítet wurde um kapiert zu werden,was sich als ziemilich kompliziert herausustellte und zweimal angefangen werden musste.:-)
Mach so weiter, gefällt mir sehr sehr sehr gut! je

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