Thornfield
von
Mekare
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Die Morgendämmerung wich langsam einem zarten Frühnebel, der die umliegenden Hügel in eine geheimnisvolle Aura hüllte. Die Luft war so feucht das ihr das Haar unter der Kapuze in losen Strähnen an der Stirn hängen blieb. Mit dem Blick eines Adlers suchte sie die grüne Umgebung ab und fuhr sich automatisch mit dem Handrücken über ihre nasse Stirn. Der Aufstieg war anstrengend und obwohl es so kalt war, dass sie ihren Atem als kleine, weiße Wölkchen aus ihrem Mund kommen sah, fühlte sich Anna wie in ihrer persönlichen Sauna gefangen. Den dicken Parker den sie sich noch im Duty-Free Shop am Flughafen gekauft hatte, hätte sie sich wirklich sparen können. Nicht nur das sie darin schwitzte wie im Hochsommer, sie sah auch noch aus wie das fleischgewordene Michelinmännchen. Aber woher bitte hätte sie auch wissen sollen, dass ihr Chef Henry für den neuen Bildband über irische und schottische Burgen gerade das alte Gemäuer „Thornfield“ für unbedingt nötig hielt. Anna linste unter ihrer feschen Kopfbedeckung hervor und glaubte endlich in nicht allzu weiter Ferne die ersten Grundrisse ihres hoffentlich letzten Fotomodels zu erkennen. Schließlich hatte sie das bevor der Zeitungsbeitrag über Thornfield auf ihren Schreibtisch geklatscht worden war, auch gedacht. Henry war mit einem breiten Grinsen und den Händen hinter dem Rücken verschränkt, vor ihr gestanden und hatte ihr laut verkündet. „Anna, du musst nach Shannon!“ Gerade aus Edinburgh zurückgekehrt führte diese Aussage nicht gerade zu Jubelschreien und verrückten Siegestänzen auf ihrem Bürotisch. Stattdessen viel ihr das Schinkensandwich aus der Hand und hinterlies einen irreparablen Fleck auf der neuen weißen Jeans. „Ah“ hatte sie nur herausbekommen und in Gedanken bereits in Schubladen nach Silk dem Fleckengel geforstet. Henry fuchtelte mit seinen überdimensionalen Wurstfingern vor ihrem Gesicht herum und wollte wohl so ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Zeitungsausschnitt vor ihr richten. „Wieder zwei junge Frauen für vermisst erklärt!“ las er vor. Anna funkelte ihn leicht gereizt an und legte den Rest ihrer Sandwichs beiseite. „Danke Henry, ich bin des lesens durchaus mächtig!“ Sie raffte die Zeitung und überflog kurz den Text. Im wesentlichen ging es darum das seit über 20 Jahren an die Dutzend Touristen spurlos verschollen waren, nachdem sie Burg Thornfield besucht hatte. Anna konnte sich ein Grinsen einfach nicht verkneifen. Das kam ihr doch durchaus bekannt vor. Seit einem knappen halben Jahr hatte sie nun unzählige Burgen und alte Denkmale abgelichtet und so gut wie bei allen sollten mysteriöse Dinge passiert sein. Sie kannte unzählige Geschichten über eifersüchtige Gutsherren, misshandelte Ehefrauen, raffgierige Grafen und natürlich trieben alle ihr totes Unwesen auf den Burgen. „Ich weiß, dass der Bildband dein Baby ist, Kleine, aber ich habs im Gefühl, diese Fotos werden der Knüller.“ So war sie also ins nächste Flugzeug gestiegen und nach Irland geflogen. Anna lief großen Schrittes durch das nasse Gras. Ihre Turnschuhe waren schon vollkommen durchweicht und quietschten bei jedem ihrer Schritte. Wie sie heute morgen die kleine Pension verlassen hatte, konnte sich die Haushälterin Abigale einen Kommentar nicht verkneifen. „Passen Sie bloß auf Miss. Auf Thornfield sind schon einige tödlich verunglückt!“ Anna hatte nur ein müdes Lächeln für die pummelige Dame übrig und winkte ab. „Danke, aber ich weiß schon auf mich aufzupassen.“ Abigale hob warnend ihren Zeigefinger in die Höhe. „Ein Gast von mir.“ Ihre dünnen Lippen verzogen sich zu zwei angespannten Linien und sie bekreuzigte sich. „ Richard Smith, die gute Seele, war auch ganz vernarrt in das alte Schloss bis es ihm das Genick brach.“ Sie legte ihr Küchentuch beiseite und stemmte sich auf der Kommode ab. „Ja Miss, es ist von einer Mauer heruntergestürzt und war sofort mausetot.“ Sie bekreuzigte sich wieder; etwas zu religiös für Anna die gute Abigale. „Ist gut, wenn es Sie beruhigt verspreche ich hiermit mich vor kleinen grünen Kobolden, herumfliegenden Bettlaken und anderem unheimlichen Zeug fernzuhalten.“ Die gutmütige Haushälterin bedachte sie mit einem mürrischen Blick und zog von Dannen. Sie brummelte noch irgendetwas in ihren nicht vorhanden Bart, was Anna jedoch nicht verstehen konnte.
Jetzt war sie also auf dem Weg zu diesem berühmt, berüchtigten Schauergemäuer und harrte der Dinge die da kommen mochten. Nach weiteren 15 Minuten über matschige Wiesen und Schlammlöcher lag Thornfield entgültig vor ihr. Anna blieb kurz stehen um wieder zu Atem zu kommen und sich umzusehen. Sie stemmte die Hände in die Hüften und lies ihren Blick über die Landschaft schweifen. Es war wirklich beeindruckend. Geradezu majestätisch ragten die dicken Steinwände aus dem Boden. Der riesige Turm war, trotz seiner Jahrhunderte die er auf dem Buckel hatte, noch nahezu unbeschädigt. Langsam und mit gespannter Ehrfurcht erfüllt kam sie näher. Der Nebel hatte sich nun einigermaßen verzogen, doch es lag immer noch eine melancholische Stimmung in der Luft. Vielleicht hatte Henry recht behalten: Dies würden tolle Fotos werden! Thornfield war weitaus beeindruckender als alles andere was sie zuvor vor der Linse gehabt hatte. Ohne zu wissen wo ihre Beine sie hintrugen fand sich Anna plötzlich vor dem Turmeingang wieder. Alles war mucksmäuschenstill und nicht ein kleiner Windhauch neckte an ihrer Kleidung. Sachte und fast zögerlich streckte sie ihre Hand aus und fuhr über die dünne Moosschicht, die sich fast auf ganz Thornfield breit gemacht hatte. Ein leises Geräusch hinter ihr trieb Anna eine Gänsehaut über den Rücken. Mit zu Berge stehenden Nackenhaaren wand sie sich um und späte über den Hügel und die umliegende Mauer. Alles war ruhig und sah so unberührt aus als wäre noch nie ein Mensch zuvor hier oben gewesen. Anna atmete erleichtert aus; vor Schreck hatte sie die Luft angehalten und kam sich selbst total dämlich dabei vor. Sie lächelte in sich hinein. „Du stellst dich an wies Kind beim Dreck!“ flüsterte sie und tat schließlich den ersten Schritt hinein in die Dunkelheit. Einen kurzen Moment verweilte sie geradezu versteinert im Eingang. Dann schnallte sie ihren Rucksack ab und begann nach ihrer Taschenlampe zu suchen. Ein komisch vermoderter Geruch drang durch ihre Nase. Die Luft roch stickig und zugleich feucht. Von irgendwo kam ein monotones Tropfgeräusch. Platsch, platsch, platsch. „Endlich“ zischte Anna durch ihre zusammengebissenen Zähne und hielt die Taschenlampe in ihrer Hand. Kaum das Licht angeknipst spürte sie wie etwas über ihre Füße fleuchte., gefolgt von einem zweiten ‚Etwas’ das fipsend dem vorherigen folgte. Mit zittrigem Unterkiefer stand sie da und konnte nur einen Gedanken fassen: Ratten. Dann doch lieber der Geist von einer gequälten Seele, wie diese ekelhaften Viecher. Erst jetzt bemerkte Anna, dass sie die Lampe hatte fallen lassen. Entnervt lies sie sich auf alle Viere nieder und tastete den Boden ab. Am liebsten hätte sie ein Stoßgebet in den Himmel
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