Tod dem Dämon
von
Kira
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Seit Tagen hatte er ab und zu einen kleinen Blick riskiert. Ein paar Sekunden, in denen er sich auf die Zehenspitzen gestellt hatte, um durch die rostigen Gitterstäbe der eisenbeschlagenen Tür kurz das Wesen beobachten zu können, das in der Zelle saß.
Der Mann darin war groß gewachsen, wie alle Mitglieder seines Volkes. Er hatte dunkelgraue, beinahe schwarze Haut und silberglänzendes Haar, das jedoch in seinem Fall dreckverkrustet war. Die Augen des Mannes leuchteten gelb, glühend und sein scharf geschnittenes Gesicht war von den Schlägen der anderen Gefängniswärter gezeichnet. Ein paar zerrissene Fetzen, deren ursprüngliche Farbe man nur noch erahnen konnte, bedeckten seinen Körper. An seinem rechten Ober- und Unterarm befanden sich Riemen, an denen Klingen befestigt gewesen waren. Die jedoch hatte man ihm natürlich abgenommen. Es hieß, ein Zerdris mit seinen Klingen kämpfte und mordete wie ein Teufel und ihre Klingen seien immer und jederzeit mit Blut besudelt.
Zerdris war der Name dieses Volkes, den sie sich selbst gaben – aber die Menschen nannten sie einfach nur Dämonen.
Die schüchternen Blicke, die sich der junge Wärter erlaubte, wurden immer länger. Langsam aber sicher siegte seine Neugier über die Angst und den Aberglauben, den man ihm anerzogen hatte, bis er schließlich den Blick kaum mehr von der beeindruckenden Gestalt des Zerdris abwenden konnte – als ihn schließlich die stechenden Augen des Dämons direkt ansahen.
Vernon taumelte zurück und wäre beinahe über seine eigenen Beine gestolpert. Sein Herz raste vor Schreck und er atmete schneller. Hastig sah sich der junge Mann um, vergewisserte sich, dass niemand ihn gesehen hatte, bevor er sich erneut an die Tür heranwagte. Noch bevor er wieder durch die Gitterstäbe sehen konnte, hörte er von drinnen die dunkle, knurrende Stimme des Zerdris:
„Ich sollte Eintritt verlangen...“
Vernon spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss, aber hier unten war es zu dunkel, als dass es jemand anders hätte sehen können. Anstatt jedoch von der Tür zurückzutreten, verspürte er plötzlich das Bedürfnis, dem Zerdris etwas zu erwidern. Also sah er wieder durch das Gitter, zuckte kurz zusammen, als der Mann seinen Blick erneut auf ihn richtete und sagte dann:
„Tut mir Leid, ich... habe nur... geguckt.“ Verflucht, warum stotterte er so herum? Er musste sich zusammenreißen.
„Verzeih, aber ich mache keine Kunststücke,“ versetzte der Zerdris scharf und Vernon fühlte sich wie ein ertapptes Kind. Wenn die anderen Wärter davon erfuhren, dass er sich von einem Dämonen so anfahren ließ...
Trotzdem nahm er sich zusammen. „Ich weiß. Es tut mir Leid, ich war nur neugierig.“ Es entsprach der Wahrheit. Noch nie hatte er einen Zerdris von so Nahem gesehen. Man sagte ihnen alles mögliche nach, von magischen Fähigkeiten, bis hin zu der Behauptung, einige von ihnen seien unsterblich. Alle hatten sie aber eines gemeinsam: Sie waren starke Krieger, zäh und ausdauernd. Und sie waren abgrundtief böse. Ein Leben bedeute ihnen nichts und es zu beenden kostete sie nur einen kurzen Hieb ihrer Klingen.
Naja.
Wenn er die zusammengesunkene Gestalt in der Zelle sah, hatte Vernon irgendwie das Gefühl, die Leute übertrieben etwas.
Erleichtert stellte er fest, dass der Zerdris den Blick wieder von ihm nahm und an die Wand starrte.
„Was treibt einen Jungen wie dich dazu, Gefängniswärter zu werden?“ Ihm war, als spreche der Zerdris eher zu sich selbst als zu ihm. Trotzdem überraschte ihn die Frage und er setzte zu einer Antwort an:
„Getrieben hat mich nichts. Es war meine Entscheidung.“
„Noch schlimmer,“ gab der Mann zurück.
„Ich wollte nicht jeden Tag die Felder bestellen, bis ich alt und schwach bin. Nur in der Stadt kann man heute noch etwas erreichen.“ Rechtfertigte er sich etwa? Vor dem Gefangenen, dessen Zelle er zu bewachen hatte und der noch dazu ein Zerdris war? Erneut sah Vernon sich um. Die Wärter hier waren ihm zuwider, das musste er gestehen. Aber was sollte er tun? Es war einer der wenigen Posten gewesen, die sie ihm hatten geben wollen.
„Außerdem...“, begann er, und bevor er es merkte, hatte er die nächsten Worte auch schon ausgesprochen, „muss ich nach dem Tod meines älteren Bruders meiner Familie die Ehre wiederbringen.“
„Woraufhin du den ehrenvollen Beruf eines Gefängniswärters angenommen hast.“
Vernon sah ihn böse an. Wieder errötete er, diesmal jedoch, weil er sich beleidigt fühlte.
„Zumindest bin ich außerhalb der Zelle und nicht darin,“ brummte er.
Der Zerdris lachte. Nach einer kurzen Pause sah er Vernon wieder an, sein Blick verriet Belustigung.
„Du willst deiner Familie also die Ehre zurückbringen? Ihr Menschen und eure merkwürdigen Vorstellungen.“
„Wieso?“ Vernon runzelte die Stirn.
Zuerst knurrte der Zerdris ungeduldig, dann seufzte er und meinte: „Es hat keinen Zweck, es dir zu erklären, Kleiner. Du wirst es sowieso nicht verstehen.“
„Was erklären?“, hakte Vernon nach. Die Worte des Mannes verwirrten ihn, ja, machten ihn sogar zornig. Wieso sprach der Zerdris mit ihm wie mit einem kleinen Kind?
„Die Ehre,“ begann er, „ist etwas, das einem nicht genommen werden kann. Man besitzt sie sein ganzes Leben lang, bis man stirbt und manche bewahren sie sogar noch darüber hinaus.“ Mit einem Mal hielt er inne, legte den Kopf schief und lächelte kühl in Vernons Richtung. „Kannst du mir folgen?“
„Ja, ich... denke schon.“ Der junge Wärter kam sich reichlich fehl am Platz vor. Mit so einer Äußerung hatte er nicht gerechnet, vor allem nicht von einem Dämon. Wollte er ihn auf den Arm nehmen?
„Und deshalb kannst du dir das mit dem Zurückbringen der Ehre eigentlich sparen, Junge.“
„Ich heiße Vernon.“
Der Zerdris lachte leise. „Dein Name interessiert mich nicht.“
Gekränkt verzog Vernon das Gesicht. Er wollte etwas erwidern, jedoch wusste er nicht so recht, was und schließlich schloss er den Mund wieder, den er bereits geöffnet hatte – was ihm erst jetzt auffiel.
„Willst du auch wissen, warum du es dir sparen kannst?“, fragte der Zerdris weiter und zeigte seine spitzen Eckzähne. „Wenn ihr Menschen den Glauben an euch selbst verliert, dann verliert ihr damit auch eure Ehre und diesen Glauben kann euch niemand zurückbringen. Es ist eure eigene Schuld. Zu sagen, die Ehre sei einem genommen worden, ist nur eine feige Ausrede für die eigene Unfähigkeit.“ Seine Worte klangen hart und bestimmt, allerdings auch überzeugend, wie Vernon zu seinem Schrecken feststellen musste. Trotzdem kam es Vernon falsch vor, was der Zerdris sagte.
„Du kannst nicht einfach so über die Menschen urteilen. Damit wirfst du sie alle in einen Topf, das ist nicht richtig.“
„Ihr tut doch genau dasselbe mit unserem Volk, nicht wahr? Ausgleichende Gerechtigkeit,“ erwiderte der Zerdris mit undefinierbarem Blick. Vernon spürte jedoch die Anspannung des Mannes, seine Gestalt straffte sich kaum merklich, aber als sich der Zerdris mit dem Rücken an die schmutzige, feuchte Wand lehnte, verflog der Eindruck wieder.
„Aber bevor wir
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Kommentare
BlackRose schrieb am 2008-07-27 17:28:15:
Hey, Deine Geschichte ist super. Sie stimmt einen Nachdenklich und es kommt das thema Menschen und Dämonen auf und ob wir nicht die Dämonen sind. Mein Respekt und ein großes Lob für diese Story.
Elfi schrieb am 2007-01-20 09:58:27:
Das ist die beste Geschichte, die ich je gelesen habe! Schreib bitte noch mehr solcher Geschichten.
Ich würde mich riesig freuen!
Lg, Elfi
Anariel schrieb am 2007-01-18 18:05:21:
Hab die Geschichte noch nicht ganz gelesen, aber muss schon jetzt sagen: "VErdammt gut geschrieben!"
Mein Kompliment!
Mit liebem Gruße
Anariel
Kira schrieb am 2007-01-18 17:26:35:
Hallo sternenkind,
noch jemand, der sich durch diese lange Story gekämpft hat? Cool. ^^ Freut mich riesig.
Wow kann ich da auch nur sagen - und vielen Dank für das Lob. Mal sehen, ob das mit dem Buch irgendwann tatsächlich was wird, mein Traum ist es jedenfalls. Hab aber noch viel zu lernen.
.K.
sternenkind schrieb am 2007-01-18 13:33:21:
Wow, verdammt kannst du schreiben.
Hab selten eine soooo gute geschichte gelesen, und das ist mein voller ernst.
Meine Hochachtung, weiter sooo, und freue mich schon auf dein erstes buch. g*
lg sternenkind
Kira schrieb am 2007-01-18 13:13:01:
Hi Susanna,
freut mich riesig, dass dir die KG gefallen hat. *strahl* Ein paar andere Kurzgeschichten (wenn auch nicht Fantasy) hab ich noch auf Lager, aber erstmal abwarten, ob zu dieser hier noch jemand was sagen möchte.
THX nochmal. ^^
.K.
Susanna schrieb am 2007-01-17 22:10:10:
Wau, klasse Geschichte. Super Geschrieben und ich habe jedes Wort geglaubt. Wahnsinn, schreib blos weiter und
lass uns etwas davon haben, ich will mehr mehr mehr....
Weiter so!!!!!
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