Totenfreitag
von
das Chaos
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Andrej hat schon die ganze Woche auf diesen Tag hingefiebert. Nicht, dass das etwas Besonderes wäre. Eigentlich läuft jede Woche nach dem gleichen Muster ab, es tut sich nichts Aufregendes, nichts Innovatives mehr und er glaubt auch nicht mehr daran, dass solche grundlegenden Änderungen eintreten werden, auch wenn viele das behaupten, doch dafür ist er zu welterfahren und gebildet, hat dieses ganze Gestrüpp der Lügen durchschaut, lässt sich nicht länger etwas vormachen, na ja, und selbst wenn das jemand bei ihm schaffen sollte, dann ist es ihm auch egal, in seinem Leben jedenfalls hat sich schon seit Jahren nichts mehr getan, müde und träge liegt es herum, wie ein fauler Hund in der Sonne, der zu schlapp ist, um aufzustehen, der einfach nur herumlungern möchte und sich die Hitzepfeile ins Fell feuern lässt, und der dann, wenn er doch mal die Lust verspürt, sich aufzurichten, auf seinen verkümmerten Vorderläufen nicht mehr stehen kann. Andrejs Woche gestaltet sich in einer stetig ansteigenden Kurve. Montag, erste Schulstunde, ist bereits der Tiefpunkt, ganz unten im Morast, könnte kotzen, wenn er das Heulen der Schulglocke hört, die ihm verkündet, dass eine ganze Woche voller Scheiße vor ihm liegt, fast so schlimm wie das gleiche Heulen seines Nachttischweckers, auf Punkt sieben Uhr gestellt, der ihn eine Stunde früher aus seinen süßesten Träumen reißt. Wahrscheinlich würde er diesen ganzen Mist gar nicht aushalten, wenn es nicht diesen Lichtblick gäbe, auf den er hinarbeitet, ein gewisses Ziel vor Augen, das ist seine Ansicht, muss jeder Mensch haben, und wenn er auch noch so bescheuert ist, aber ein richtiges Ziel, und nicht so was wie eine leuchtende Zukunft, mit Abitur in der Tasche und einem Studienplatz und Jura und Psychologie und die ganze Scheiße, die ihn nicht interessiert und von der er nichts wissen will, weil es für ihn sowieso keine Zukunft gibt, und darin ist er sich ausnahmsweise sogar mal hundertprozentig sicher. Sein Ziel jedenfalls ist der Freitagnachmittag. Das Gute an diesem Ziel ist, dass es nicht nur einmal gebraucht werden kann und dann weggeschmissen werden muss, so wie ein Kondom zum Beispiel oder eine Flasche Wein, sondern dass es immer wiederkehrt, im Wochentakt, ein bisschen wie dieser mythische Vogel, keine Ahnung, wie er heißt, der immer wieder verbrennt und sich dann regeneriert, nur um dann wieder in Flammen aufzugehen, so in etwa fühlt auch er sich, nur geht er nicht in Flammen auf dabei. Etwas, an dem man sich hochziehen kann, wenn man montags, erste Schulstunde, irgendwelchen Dreck von Bach und Mozart interpretieren muss und was diese Arschlöcher mit ihrer Scheißmusik ausdrücken wollten und so weiter. Dann denkt er nämlich an Freitag. Und daran, wie er sich zuschütten wird, um von diesem gesamten Rotz nichts mehr mitbekommen zu müssen.
Seit einem dreiviertel Jahr läuft der Freitag für Andrej wie ein genau konstruiertes Zeremoniell ab, freilich ohne, dass ihm das bewusst wäre, doch irgendwie hat es sich eben eingebürgert, dass er nach Schulschluss – zehn nach drei und vor allem die letzten Stunden werden ihm dabei zur Qual, wenn er unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutscht und es kaum erwarten kann, dass das neuerliche Heulen der Schulklingel einen Schlusspunkt unter das Kapitel setzt, welches es Montagfrüh begonnen hat – zuerst einmal rüber zur Tanke schlendert, etwa fünf Minuten vom Schulgebäude entfernt, sich eine große Dose Faxe kauft und diese leert, während er auf den Regionalbus wartet – ist noch nie gerne mit dem herkömmlichen Schulbus gefahren, zu viele Wichser darin, die ihn aggressiv machen, 5tKlässler, die glauben, wegen ihrer Jugend können sie sich jeden Scheiß erlauben, die man auch nicht zusammenschlagen darf, weil sie zu schmächtig sind, und ursprünglich saß er dann irgendwo auf dem Schulgelände herum und wartete bis all die Fotzen endlich abgezogen waren, irgendwann kam er auf die Idee, sich dieses Warten mit etwas Bier zu versüßen, und seitdem ist diese Dose Faxe, die er sich an der Tanke kauft, immer um die gleiche Uhrzeit, fester Bestandteil seines Freitagsrituals. Zu Hause angekommen legt er sich dann erst mal auf sein Bett, wirft seine Schultasche in die hinterste Ecke seines Zimmers und raucht einen Joint. Meist schon am Vorabend präpariert, so dass er keine unnötige Zeit mit dem Herstellen vergeuden muss. Raucht einen Joint und hört dabei Musik. Zurzeit mag er die Band Cannibal Corpse ziemlich gerne, vor allem die Sachen auf den verbotenen Alben. Kann sie laut aufdrehen und die Fenster aufreißen, sodass die gesamte Stadt mit dem infernalischen Lärm überschwemmt wird, weil seine Eltern freitags fast nie zu Hause sind, zumindest nicht um diese Uhrzeit, und wenn sie dann später heimkehren, ist er meistens schon wieder verschwunden, und so sieht er sie sowieso nur selten am Wochenende, weil er diese Zeit, seine freie Zeit, sicherlich überall verbringen möchte, nur nicht zu Hause, und meist trinkt er dann noch ein wenig Bier, das von der Woche übrig geblieben ist, denn eigentlich nimmt er fast jeden Tag Alkohol zu sich, nur ist das unter der Woche eben nicht so ein Genuss wie am Wochenende, speziell freitags, kann sich das auch nicht erklären, hängt wohl mit der Psyche zusammen, aber vor allem die ersten fünf bis zehn Biere freitags sind ein Schmankerl sondergleichen und nach ein paar Schlücken hat er schon die gesamte restliche Woche vergessen, Bach und Mozart und Integralrechungen, was auch immer das sein soll, und die Welt sieht gar nicht mehr so trüb und nebelverhangen aus, eigentlich ist sie fast schon schön. Gegen fünf verlässt er dann wieder das Haus. Ausgeruht und entspannt. Trifft sich mit seinen Freunden. Na ja, mit den Hurensöhnen, die er so nennt und die diese Ehrenbezeichnungen gerne entgegennehmen, auch wenn sie sie wahrscheinlich gar nicht verdient haben, und dann beginnt das Wochenende erst richtig, das vorher war nur Präludium, Vorspiel, um es etwas konkreter auszudrücken, jetzt kommt der Hauptfick, und er stürzt sich bereitwillig in diesen Strudel und wenn er sonntags in seinem Bett liegt, dann ist da trotzdem noch dieser irgendwie quälende Gedanke: Habe ich wirklich alles ausgelotet? Als ob er etwas Wichtiges vergessen hätte, und meist hat er das auch, Filmriss, aber das ist nicht so wichtig, weil sich doch sowieso alles wiederholt, denkt er sich, die gleiche Masche, das gleiche Muster, Endlosschleife. In der Geschichte ist doch überhaupt nichts einmalig.
Im Moment, während sich die Nacht auf die Stadt niedersenkt, in der er schon seine versammelten siebzehn Lebensjahre verbracht hat und die er hasst, der er jede andere vorziehen würde, eine Dirne mit schlaffen Brüsten und einem Wurm, der aus ihrer Fotze kriecht, ja, im Moment jedenfalls sind ihm solche Gedanken mehr als fremd. Berauscht sitzt er auf der Parkbank, na ja, zumindest bereits angetrunken, ein Becks in seiner Linken, bereits zur Hälfte geleert, weiß gar nicht, sein wievieltes es ist, zählt so was nicht, uninteressant,
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Kommentare
Adriana (wellness) schrieb am 2007-01-30 20:33:15:
Ich habe mir gestern deine Geschichte ausgedruckt, ist ja echt lang...
Aber ist voll schön, irgendwie Traurig...=(
bye bye Adriana
das Chaos schrieb am 2006-11-15 13:27:21:
@silent_lain: nein ich denke nicht das es eine fortsetzung geben wird und wenn doch dann erst in 1 oder 2 wochen.danke für dein kommi ^^
silent_lain schrieb am 2006-11-13 20:07:08:
Zunächst finde ich die Story an sich sehr gut. Wenn auch etwas freizügig in der Wortwahl, aber dennoch gut. Dann gefällt mir sehr gut, der Schreibstil. Ist mal was anderes. Errinnert etwas an King. Diese Langen, nur durch Komma, getrennten Sätze. Wobei ich es nicht übertreiben würde, da es sich sonst schwer lesen und verstehen lässt. Mich würde ja interessieren ob es eine Fortsetzung gibt. Wenn ja, bin ich sehr gespannt.
kolb selina zur silena schneider schrieb am 2006-11-13 13:02:30:
das geschichte ist voll schön wer das liest wird weinen ich weine wegen das kind der so tapfer und
kluck das ich keine wahl hatte zu weinen.
Diese Buch oder besser gesagt diese Geschichte musst jeder lesen aber das muss ja auch nicht dringend lesen aber ich emphele allen das geschichte zu lesen wer weint dann ist sie oder er tapfer
aber das Geschichte ist eigentlich nur für erwachsenen ok ...
selina kolb.: hat das Geschichte geschrieben bye bye bye bye
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