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Kategorien > Aus dem Leben > Tierisches

Tränenvoller Abschied vom Schäferhund

von Michael Reißig

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Nacht vor dem Abschied hat Robby kein Auge mehr zugekniffen und selbst die von ihm gefürchtete Mathearbeit aus seinem Gedächtnis gestrichen. Robby bleiben die Bisse der dick gebutterten Weißbrotschnitte förmlich im Halse stecken. Schon am gestrigen Abend hatte er kaum einen Happen verschlingen können – so sehr krampfte sein sturer Magen.
Bobby huscht durch die halb geöffnete Tür in den Flur. Er schüttelt sein Fell, breitet sich auf dem glänzenden Parkettfußboden aus und rollt sich wie eine Schnecke zusammen. Seine gebeugten Hinterpfoten kitzeln sanft das ruhig atmende Näschen. Zeitgleich hebt und senkt sich sein samtiges Fell. Einen winzigen Hauch später klinkt ganz sacht die Tür und Robby kommt zitternd in den Flur, um sich für die Schule fertig zu machen. Als er sieht, wie friedvoll still sein herzensguter Liebling atmet, wie ruhig sein warmes Herz unter seinem zarten Fell pocht, heult er los wie eine Sirene. „Bobby, geh doch nicht fort, bleib doch bitte bei mir“, schlagen flehentlich schrille, weinerliche Töne aus seinem kleinen Spitzmausmund.
„Du wirst das schon überstehen“, versucht Vati, der gerade den Autoschlüssel aus einem der vielen Fächer des Wohnzimmerschrankes geholt hat, vergebens zu beruhigen. Viel zu tief hat sich unsäglicher Schmerz in das Innere seiner wunden Seele eingegraben. Mutti, die auch noch herbeigeeilt kommt, kann sich ein Leben ohne Bobby nie und nimmer vorstellen. Auch aus ihren dunklen Augen quillt ein nicht enden wollender Tränenfluss auf ihre blütenweiße schicke Bluse, als ihr sorgenvoller Blick Robbys tränenverquollene Augen und sein scharlachrotes Gesicht trifft. Zum letzten Mal fährt die sensible schmale Hand des kleinen Robby über das flaumige Fell seines geliebten Freundes, der bis an sein Lebensende in seinem klugen Gedächtnis haften bleiben wird.
Nur mit Mühe gelingt es ihm, letzte, gütige Worte des Abschieds aus seinem trockenen Mund herauszuquetschen: „ Machs gut, mein lieber Bobby.“ Robby hat jetzt genug. Der dichte Tränenschleier vor seinen Augen gibt nur noch ein verschwommenes Bild des Tieres wieder. Ergriffen flüchtet er in das Kinderzimmer, knallt die Tür hinter sich zu und im Trance registriert er nicht mal mehr ein letztes verzweifeltes Bellen des Hundes.
„Komm mit Bobby, sagt Vati trocken. Er öffnet die Tür und Bobby schleicht – seinem Herrchen blind gehorchend – durch den breiten Spalt. Was wird in diesen entscheidenden Sekunden in Bobbys Kopf sich nur abspielen?
Vati erträgt den Abschiedsschmerz mit Würde und Fassung. Mutti dagegen triefen die Tränen nur so aus dem schmalen Schlitz ihrer breiten Mandelaugen, als auch sie im Tierheim, umgeben von wild bellenden gepeinigten Hunden, endgültig Abschied vom Familienliebling nehmen muss.
Robbys Seele ist innerhalb kürzester Zeit auf und davongeflogen.
In der Schule sackt er immer mehr ab und mit Ach und Krach schafft der ehemals sehr gute Schüler die Versetzung in die fünfte Klasse.

Im Traum gleitet Robbys Hand noch einmal geduldig über sein weiches Fell. Robby schwitzt. Er öffnet seine Augen, die anfangen zu zittern und bettelnd fleht er: „Komm doch zu mir, Bobby!" Doch ganz schnell holt ihn die reale Wirklichkeit ein. Bobby wird nie mehr bei ihm sein können, nur in der sauer aufstoßenden Scheinwelt bittersüßer Träume wird er wieder aufleben.

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