Träume auf der Rückbank
von
Lara - Malou von Kroge
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Und ich versuche in die Augen von Marie zu blicken, welche mit ihrem fast doppelt so hohen Alter doch schon ein Vielfaches von meinen gesehen hatten. Die Landschaft um uns herum fliegt an uns in langen farbigen Streifen vorbei, während wir uns hier drinnen gar nicht rühren. Nur einmal schaltet sie den Gang um.
Wir sprechen nicht; wir haben gegenseitig zu viel Angst, den anderen nach den gefallenen Worten ernsthaft zu verletzen.
Immer wieder sehe ich zu ihr herüber. Sie blickt stur geradeaus.
« Ich wollte dich nicht verärgern », murmele ich schließlich.
« Nein, nein », sagt sie mit zusammengebissenen Zähnen.
« Es ist dein Ding, was du aus deinem Leben machst. »
« Ja, eben. »
« Aber wenn du doch einen Traum hast, einen… einen wirklich... sehnlichen -», einer ihrer Mundwinkel zuckt, « - dann verstehe ich nicht, warum du dem nicht nachgehst? » Stille. « Aber es ist natürlich dein Ding. »
« Ja, eben. »
Oh, ich hasse es, wenn sie so dickköpfig geradeaus blickt! Ich sehe sie hitzig an.
« Aber weißt- »
« Nun hör endlich auf, oder ich schmeiße dich bei der nächsten Tankstelle raus! », ruft sie ärgerlich, knurrt genervt und schmeißt schon den Blinker an, aber zum Glück nur, um die Spur zu wechseln. « Ich bin zu alt dafür geworden, verstehst du?»
Ich sinke wortlos zurück in meinen Sitz. Aus den Augenwinkeln beobachte sie, wie sie kaum merkbar den Kopf schüttelt und ihr Kehlkopf bewegt sich, als sie einen scheinbar großen Knoten herunterschluckt. Ich lasse meinen Blick nachdenklich über ihren gesamten Körper schweifen: Die schlanke Figur, das modische Top, die schicke Jeans und die Paillettenbestickten Sandalen. Einzig ihre Haare sind etwas stumpf. Aber zu alt ?
Etwas in mir stülpt sich plötzlich um und siedet wie heißes Wasser in meiner Brust. Das muss sie sein, die Wut! Das muss sie sein, die harte Marmorfassade gegen die ich bei ihr gestoßen bin und die mich wahnsinnig macht. Ich ringe die Hände, aber dann lass ich es stöhnend bleiben. Und als meine Augen sie voller Zorn über meine Ohnmacht und ihre Beschränktheit anfunkeln, schreit eine verzweifelte Stimme in meinem Kopf Marie stumm an:
« Ja, hatten wir nicht alle Träume? - Wo sind sie denn geblieben? - Zusammen auf der Rückbank mit unserem Mut, unserer Entschlossenheit und unserem Selbstwertgefühl? Warum sitzen sie nicht hinter dem Steuer? Weil die Strecke, die bereits gefahren wurde, schon zu lang ist? Weil die Strecke, die noch zu fahren ist, nicht anders sein wird, als die vorherige? Weil unsere Reise doch nur eine unter vielen ist auf dieser Welt?
Nicht jede Reise muss ein Ziel haben, die Reise selbst kann das Ziel sein.
Alle Straßen zweigen ab und verlaufen wieder ineinander.
Schnall ihnen den Rückgurt nur los!
Du wirst sehen:
Träume brauchen keinen Führerschein.»
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Kommentare
Traumfänger schrieb am 2009-01-26 09:12:45:
Eine wirklich schöne kleine Geschichte.
LG, Silke
Simi schrieb am 2009-01-24 22:40:31:
Super geschrieben und du hast absolut recht. Jeder verdrängt Träume aus Angst, es nicht zu schaffen oder sich das Leben gar zu sehr verändert. Wir sollten vielleicht alle ein wenig mehr selbstbewustsein an den Tag legen.
Gruß Simi
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