Trash
von
Umi
Es ist noch früh. Die Sonne ist noch auf ihrem gewohnten Rundgang um den Planeten und ist noch nicht bis in unsere Gefilde vorgedrungen. Noch etwa ein bis zwei Stunden bis ihr lebenspendendes Licht unsere Landschaften und Gesichter erhellt.
Die zugezogenen Vorhänge sind braun. Hundemüde bin ich und doch konnte ich den Schlaf mir nicht holen, den ich so dringend bräuchte. Stinkend, unrasiert und verwahrlost schleppe ich meinen fettbehangenden Körper in das dunkle Zimmer dessen Zentrum ein mir verhasster und doch lebensnotwendiger Lichtmüllapparat aus dem Jahre 1964 ist.
Ich muss gestehen, dass ich seit etwa 10 Jahren nicht mehr vor die Tür gegangen und seit etwa derselben Zeit abhängig von Femsehtrash bin. Meine Hände werden spürbar kalt und nass als ich mich der Fernbedienung nähere. Ein Kribbeln, welches von den Füßen aufwärts steigt, und bald meinen ganzen Körper mir gegenwärtig und spürbar macht, begrüßt mich so nun schon seit zu vielen Jahren jeden Morgen.
Die Fernbedienung liegt gewohnt locker in der rechten Hand. Langsam führe ich den Daumen mit gespannter Vorfreude über den roten Knopf dort hält er einen Augenblick inne, um dann mit Ruhe sich auf sein Ziel, den roten Anschaltknopf, zusenken. Ein dumpfes Klicken, ein schwacher Blitz, ein verschwommener Punkt aus Regenbogenfarben kündigt einen weiteren Tag im Dunkeln vor meinem Apparat an, hält sich ein bis zwei Sekunden und hokus pokus werden die elektromagnetischen Strahlungen, die heute unsere Welt erfüllen, zu Bild und Ton gezwungen.
Ein unbeschreibliches, fast gewaltsames Gefühl von Erleichterung erfüllt mich, denn jedes Mal bangt mir vor dem Augenblick, wenn mein liebstes Möbelstück seinen Geist aufgibt. Doch heute noch nicht. Heute hat es sich entschieden mir noch einmal zu dienen. So dröhnt es nür in den Ohren, der Krach und die hektische Energie einer dieser Talkshows umnebelt mich und ich schließe vor Glück die Augen. Ich verstehe in diesem Zustand nicht, was geredet wird, es türnt mich einfach nur an, mein Kreislauf sackt ab und die Stimmen verschwimmen, werden in die Länge gezogen, dumpf und gedehnt. Als ich die Augen öffne, ist mein Blick wieder klar und so sitz ich da, jeden verdammten Tag! Nie öffne ich das Fenster, nie nur einen Vorhang. Es stinkt nach Hund (obwohl ich keinen habe) und Essensresten. Ich brauche den Trash, ich brauche den Schrecken, die Sensation, ich brauche das Billige und das Verwerfliche, ich ergötze mich, wenn der Mensch sich reduziert und wird wie ich.
An meinen Geburtstagen ziehe ich dann das Karnevalskostüm meiner Schwester, ebenfalls aus dem Jahre 1964, an. Sie ist damals zur Karnevalsprinzessin gewählt worden und hat mir das gute Stück mal überlassen. So sitz ich an meinen Geburtstagen in den lächerlichen Kleidern einer lächerlichen Tradition und gönne mir an diesem besonderen Tage meine Extraportion Trash.
So geschah es eines Tages, dass ich mich wie gewohnt, noch bevor die Sonne unser Land erreichte, vor den Lichtmüllapparat schleppte, welcher, als ich den Daumen gen Anschaltknopf senkte, mit dem regenbogenfarbenen Punkt zwar viel versprach, doch nicht mehr die Kraft besaß, sich zu einem vollem Bild und Ton zu entfalten. Ich versuchte es ein zweites Mal, ein drittes Mal und es blitze und klickte zwar noch, doch nichts zu machen. Mein Dealer und Trashspender hatte seinen Geist aufgegeben und mich verlassen.
Fast automatisch erhob ich mich aus dem stinkenden Sessel, zog die Vorhänge auf, öffnete die Fenster und staunte. Staunte über das Licht und das Leben vor meinem Fenster. Ich hörte Autos und Kinder, aber vor allem Autos, sah junge Frauen, junge Mütter, die mit ihren Sprösslingen an der Hand wohl einkaufen gingen. Tief atmete ich die frische Luft, öffnete alle Vorhänge und Fenster, die ich fand, ging ins Bad, rasierte mich, wusch mich unter den Armen, zog meinen besten Anzug an, trat frisch gewaschen aus der Tür, um ein neues Leben zu riskieren. Bei dem Zeitschriftenladen um die Ecke kaufte ich mir eine falsche Rose, steckte sie mir in das oberste Knopfloch und war, das muss ich gestehen, sofort verliebt in die Verkäufern, schmeichelte ihr und zog weiter, setzte mich in einen Bus, dann in einen Zug, in dem ich die Nacht verbrachte, und dann einen Tag, und dann noch eine Nacht, bis ich am folgenden Morgen mich in einem kleinen Ort mit gelben Häusern dazu entschloss, wohl weil die Sonne hier so schönes Licht hatte, auszusteigen. Das ist jetzt fast auf den Tag genau acht Jahre her. Während ich hier sitze und schreibe, sehe ich meiner schönen Marta zu, wie sie die Wäsche unserer kleinen aber feinen Familie in den Garten hängt. Ihre kräftigen vollschlanken Arme tun das mit einer Eleganz, die mich noch heute nach all den Jahren entzückt. Doch eines Tages, und das kann ich an dieser Stelle nur dem anonymen Leser beichten, werde ich auch diese helle idyllische Zeit verlassen, um dem Rätsel meiner Person auf die Spur zu kommen.
Kommentare
ariane@gmx.at schrieb:
hey, die geschichte is ur geil =)
judcassel@web.de schrieb:
Hoffe die Geschichte is wahr.
noname schrieb:
Wirklich eine schöne geschichte mit einem hang zur realität, is dir wirklich gut gelungen muss ich schon sagen. mach bitte weiter so, ich würde mich freuen mehr von dir zu lesen. liebe güße ich
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