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Kategorien > Alltag >

Traum eines Kindes

von Rosemarie Möller

Eltern sein ist nicht leicht, besonders dann nicht, wenn wieder jeder seinen
eigenen Weg gehen möchte und unsere Kinder keine Wahl haben, sich anders zu
entscheiden.
Sie haben Mama und Papa lieben gelernt und müssen lernen, ohne Mama oder
ohne Papa das tägliche Leben zu bewältigen. In den meisten Fällen bleiben
sie bei ihrer Mutter und besuchen ab und zu ihren Papa. Kinder lernen
schnell damit zurecht zu kommen und passen sich an.
Anders ist das bei dem Mädchen, dessen Traum ich jetzt erzähle. Sie ist neun
Jahre alt und hat ein bezauberndes, gesundes Wesen. Sie ist aufgeschlossen,
freundlich und lieb. Jeder der sie kennt hat sie in sein Herz geschlossen
und ist verzaubert von ihrer Art. Sie heißt Tanita, geht in die 3. Klasse
und gibt sich alle Mühe, ein guter Schüler zu sein. Sie hat Träume und sie
hat Ziele. Doch oft werden ihre Ziele von ihren Träumen gebremst und
meistens dann, wenn die Sehnsucht nach ihrem Papa zu stark in ihr wütet.
Ihr Papa hat sich vor einiger Zeit dazu entschlossen, sie nicht mehr
abzuholen. Er möchte sie nicht mehr sehen, auch möchte er mit ihr nicht mehr
sprechen. Tanita kämpft in ihrem Kopf sehr um das zu verstehen, doch ihr
kleines Kinderherz kann es nicht verstehen und somit wird sie oft von Herz
und Verstand gequält.
An manchen Tagen ist es besonders schlimm für sie, dann herrscht nur der
Wunsch, einen Papa zu haben. Ihn zu sehen, zu drücken und ihn lieb zu haben.
In dieser Zeit kann sie diesen Wunsch keine Minute vergessen, sie denkt
ständig an ihn und es existiert nur eine Frage. Warum holt mich mein Papa
nicht mehr ab? Oder... Warum will mein Papa mich nicht sehen?
Sie wird davon geplagt und ihr kleines Herz ist schwer vor Kummer. Es geht
soweit, das sie sehr zornig wird, wenn sie es nicht mehr ertragen will.
Sie hat sogar den Wunsch, es aus ihrem Kopf zu verbannen, doch ihr Herz
lässt ihren Wunsch nicht los und somit trägt sie es ständig mit sich rum und
nimmt es mit in den Schlaf.
Oft liegt Tanita lange wach und denk darüber nach, doch sie findet keine
Antwort darauf und weint sich ohne Tränen in den Schlaf.
Tanitas Traum beginnt:
Mit ihrem Lieblingsstofftier Tobias im Arm läuft sie auf der Straße der
Träume zu ihrem Vater um ihn zu besuchen. Sie kommt an eine große Wiese, die
mit bunten Blumen übersäht ist. Schmetterlinge fliegen Kreuz und Quer und
Bienen und Vögel geben ein Konzert um sie fröhlich zu stimmen. Die Luft ist
erfüllt mit den verschiedensten Düften, es scheint ein wunderschöner Tag zu
sein um ihren Papa zu besuchen. Tanita ist voller Freude und hüpft
beschwingt über die Wiese. Nach eine Weile kommt sie an eine Stelle, an der
wunderschöne bunte Blumen stehen und so kommt der kleinen Maus in den Sinn,
ein paar von diesen schönen Blumen für ihren Papa zu pflücken. Sie sucht
sich die Schönsten raus und pflückt so lange bis sie den ganzen Arm davon
voll hat. Tanitas Blumenstrauß ist so groß, das sie kaum darüber hinweg
sehen kann. Doch sie ist fest entschlossen, ihn zu tragen und ihrem Papa als
ein Geschenk der Freude mitzubringen.
Mit Glanz ihn ihren schöne Augen, marschiert die Kleine in die Richtung, in
der ihr Papa wohnt. Als sie endlich in die Straße ihres Ziels einbiegt, kann
sie auch schon das gelbe Haus sehen, in dem ihr Vater wohnt. Ihre Schritte
werde immer schneller und bewegen sich wieder hüpfend voran. Immer näher
kommt sie ihrem Papa, sie kann gar nicht schnell genug laufen und würde am
liebsten fliegen um bei ihm zu sein.
Doch bei den letzten Schritten bis zur Einfahrt des Hauses geht sie
schleichend, damit sie erst mal kucken kann, wie es dort aussieht. Sie hält
sich zurück und schaut um die Ecke, da erblicken ihre Augen ein Mann der
sich auf dem Hof bewegt. Er dreht sich kurz zur Seite und dann kann sich
Tanita nicht mehr zurückhalten und ruft: „Hallo Papa!“
Ihr Papa dreht sich um und sagt mit erstauntem Blick: „Hallo Tanita,
was machst Du den hier?“ Gerade in diesem Augenblick wollte Tanita auf
ihn zu laufen und ihn herzlich in den Arm nehmen, doch sie kann es nicht.
Sie bleibt wie angewurzelt stehen und sagt mit einem bitteren und
unfreundlichem Unterton: „ Kennen wir uns?“
Sie sieht ihren Vater ernsthaft an und hat eine große Wut im Bauch. Ganz
leise sagt sie: „Papa, ich hab Dir Blumen mitgebracht:“ Doch er
kann sie nicht hören und geht ohne ein weiteres Wort ins Haus und schließt
die Tür hinter sich.
Tanita steht Fassungslos da, starr wie eine Säule und verspürt einen tiefen
Schmerz in ihrem Herz. Sie hätte sich so sehr gewünscht, das er ihr
entgegenkommt und sie einfach in den Arm nimmt. Doch das tat er nicht, ihre
Augen fangen an nass zu werde und Tränen laufen über ihr zartes Gesicht. Es
werde immer mehr Tränen, sie sind so schwer, das sie laufen, ohne das Tanita
sie bremsen kann und so verlieren sie sich in den Blumen.
Jede Träne ihres Herzens wäscht die Farbe aus den Blüten und nach einiger
Zeit des Weinens werde die Blumen Grau und beginnen zu welken.
Als Tanita das bemerkt, erschrickt sie sich und wirft die Blumen weg, voller
Wut, die aus ihrem Herzen kommt, trampelt sie auf den Blumen herum um sie
kaputt zu machen. Sie gibt sich vor lauter Zorn sehr viel Mühe, doch die
Blumen gehen nicht kaputt, sie haben nur keine Farben. Darüber verwundert
und verzweifelt, fängt Tanita sich so zu verausgaben an, dass sie sich nach
einiger Zeit nur noch erschöpft auf den Boden setzt, um bewegungslos
dazusitzen.
Wie betäubt sitzt sie am Boden und merkt nicht, wie die Zeit an ihr vorbei
geht. Sie merkt nicht einmal, das die Sonne untergeht. Erst als es dunkel
war und sie zu frieren begann, sah sie zum Himmel um die Sterne zu suchen.
Sie suchte den Himmel nach dem hellsten Stern ab und nach einiger Zeit des
Suchens, fand sie auch den hellsten Stern. Sie liebt den hellsten Stern
sehr, denn als vor einigen Jahren ihre Oma starb, hat ihre Mama gesagt, das
die Oma sie nie verlässt. Wann immer am Himmel der hellste Stern erwacht,
ist sie da und gibt auf sie die ganze Nacht acht.
Tanita sah den hellsten Stern und war froh nicht alleine zu sein,
ununterbrochen sah sie zu ihrer Oma hinauf und fing an mit Ihr zu sprechen:

„Hallo Oma, schön das Du für mich leuchtest, denn heute bin ich sehr
traurig und fühle mich sehr im Stich gelassen.“
„Wenn Du jetzt da wärst, dann könnte ich mit Dir zum Papa reingehen
und alles wäre gut. Doch leider bin ich hier alleine und traue mich nicht
mehr, an seiner Tür zu klopfen.“
„Er hat mich gesehen und weil ich ihn nicht richtig begrüßt habe, ist
er ins Haus gegangen und kommt nicht mehr heraus.“
„Dann habe ich geweint und meine schönen Blumen für den Papa haben
ihre Farben verloren. Sie sind jetzt Grau und hässlich und man kann sie
nicht kaputt machen.“
„Ich glaube mein Papa hat mich nicht mehr lieb, sonst wäre er nicht
ins Haus gegangen und hätte mich hier sitzen lassen.“
„Kannst Du mir nicht sagen, was ich tun soll, dass mein Papa mich
wieder lieb hat?“

Tanita sah erwartungsvoll zum Himmel und beobachtete das blinken dieses
Sternes. Doch in dem Moment als sie diese Frage stellte, kam eine Wolke und
sie konnte den Stern nicht mehr beim Blinken beobachten. Da legte sie ihren
Kopf auf ihre angewinkelten Knie und weinte leise vor sich hin. Sie weinte
sich innerlich so aus, das sie nicht bemerkte, das jemand neben ihr stand.
Erst als sie eine Hand auf ihrem Kopf fühlte, sah sie auf und erblickte eine
schöne Frau in einem schönen langen Kleid, die sie lächelnd ansah und mit
sanfter Stimme zu ihr sprach:
„Hallo Tanita! Steh auf und gib mir Deine Hand, ich bringe Dich jetzt
nach Hause, denn es ist nicht gut, dass Du hier so alleine
herumsitzt.“
„Vertrau mir, ich bin da um Dir zu helfen und um Dich zu
beschützen.“
Sie nahm Tanita bei der Hand, zog sie vom Boden hoch und wischte mit ihrem
Kleid die Tränen aus ihrem Gesicht. Dann nahm sie den farblosen Blumenstrauß
und ging mit Tanita nach Hause.
Zu Hause brachte sie Tanita ins Bett und gab den Blumenstrauß in eine Vase
mit frischem Wasser, dann setzte sie sich auf Tanitas Bettrand und
streichelte sie in den Schlaf.
Während dessen tröstete sie die kleine Maus mit folgenden Worten:
„Ich kenne Deinen Wunsch und ich weiß, das Du sehr darunter leidest,
dass er nicht in Erfüllung geht.“
„Schau mein Kind, es gibt so viele Menschen, die Dich von ganzen
Herzen lieb haben. Dazu gehört besonders Deine Mama. Sie könnte sich ohne
Dich ein Leben gar nicht vorstellen.“
„Dann hast du noch Deinen Opa, der Dich gerne sieht und der auch nicht
ohne Dich leben möchte.“
„Es gibt da noch einige andere Menschen, die Dich auch sehr lieb
gewonnen haben und für die Du sehr wichtig bist.“
„Zum Beispiel ist da Chico, der Lebensgefährte Deiner Mama, er möchte
Dir ein guter Freund sein.“
„Er ist sehr stolz auf Dich und hat Dich sehr in sein Herz
geschlossen.“
„Dann hast Du noch Deine Tanten und Deine Cousinen, und Deine andere
Oma, alle lieben Dich und könnte sich ein Leben ohne Dich nicht
vorstellen.“
„Sei nicht mehr so traurig, dass Dein Papa momentan nicht für Dich da
ist, vielleicht kann er dass nicht, weil er nicht die Kraft in sich findet,
es Dir zu zeigen.“
„Vielleicht denkt er, dass es das Beste für alle ist und ändert eines
Tages seine Meinung.“
Vielleicht wird eines Tages der Wunsch in ihm wach, Dich zu sehen und er
fängt an, nach Dir zu suchen.“
„Gebe die Hoffnung nie auf und glaube ganz fest daran, damit Dein
Wunsch in Erfüllung gehen kann.“
„Und wenn Dein Papa es zulässt, dann werden die Engel ihm helfen den
Weg zu Dir zu finden.“
„So meine kleine Tanita, schlaf jetzt schön und sorge Dich
nicht.“ Denn wann immer am Himmel die Sterne leuchten bin ich da und
beschütze Dich, damit es Dir gut geht und Du nicht frierst.“

Ganz ruhig lag sie in ihrem Bett, sie sah noch einmal zum Fenster wo ihre
Blumen standen und lächelte, bevor sie die Äuglein schloss und einschlief.
Die Blumen waren wieder bunt und sahen sehr schön aus, das gab ihr Mut und
Hoffnung. Ihr war nun klar, dass es noch Wunder gibt und wenn es Wunder
gibt, dann gehen auch Wünsche in Erfüllung.



Rosemarie Möller
13. März 2002



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