Traum oder die Realität?
von
Julia
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Ich vergrub meine Hände tiefer in den Taschen meines taubengrauen Kaschmirmantels. Der Wind blies mir eine braune Locke ins Gesicht, die ich mir sachte hinters Ohr strich. Meine Augen wanderten über die verlassenen Parkbänke und Wiesen auf denen im Sommer die Kinder lauthals spielten. Doch jetzt war alles totenstill wie auf einer Beerdigung. Meine Gedanken schweiften zum Projekt, das ich übers Wochenende noch erledigen musste. „Ein Plakat besorgen. Am besten gelb. Dann Informationen über die Sonneneinstrahlung aus dem Internet holen. Das Lexikon von Tinsley ausleihen…“, zählte ich murmelnd meine Liste, von den Sachen die ich noch erledigen musste, auf. Zerstreut starrte ich auf meine schwarzen Marc Jacobs Stiefel und überlegte krampfhaft wie ich meiner Lehrerin beibringen sollte, dass ich mit der Arbeit noch einen Tag länger brauchte als vorgegeben. Ein plötzliches lautes Husten brachte mich wieder in die Realität zurück. Neugierig hob ich den Kopf und erblickte die Umrisse eines Jungen, der auf mich zukam. Er ging leichtfüßig den Weg entlang und lies mit jedem Schritt das Laub unter seinen Füßen rascheln. Der Wind zerrte an seinem zerschlissenen Parka und schwarze Haarsträhnen fielen ihm in die Stirn. Er kam schneller auf mich zu als ich gedacht hätte und plötzlich stand er direkt vor mir. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich nach ihm greifen können, so nah stand er bei mir. Sein Atem stieg in weißen Wölkchen in die Luft und seine Wangen waren von der Kälte rosig. Ich blinzelte ihn durch meine dichten Wimpern lächelnd an und auch bei ihm zuckten die Mundwinkel leicht nach oben. Ich bemerkte, dass er dabei ein kleines Grübchen im Kinn und Lachfältchen um die Augen bekam. Das einzig Merkwürdige war, dass ich ihn irgendwoher kannte. Mein Gehirn ratterte auf Hochtouren und suchte nach einer Datei, die mir Informationen über diesen fremden Jungen gaben. Doch so sehr ich mich auch anstrengte, die Erinnerung blieb verschollen. Außerdem war mein Kopf voll von meinem Vater, der immer supergute Noten zum unterschreiben wollte, meiner besten Freundin Tinsley, der ich helfen sollte sich mit der Oberzicke der ganzen Schule Celli Vernon anzufreunden und meinem kleinen Bruder, dem ich das Schlittschuhlaufen beibringen sollte. Als der Junge mir meinen Namen ins Gesicht hauchte war ich wie in Watte eingeschlossen. „Crystal..“ Noch einmal formte er das Wort auf seine blutlosen Lippen und ich explodierte fast als ich sein märchenhaftes Gesicht konzentriert erforschte. Er hatte hohe Wangenknochen, eine wie gemeißelte perfekte J-förmige Nase, veilchenblaue Augen, die mich verzaubernd anblitzten und kostbar glänzendes Haar. Da der sonderbare Junge noch immer nichts gesprochen hatte, ganz zu schweigen ich selbst, war das einzige Geräusch ein schwarzer Rabe, der über uns krächzend seine Kreise flog. Als ich den Kopf in den Nacken legte um ihn zu beobachten stellte ich fest, dass der Himmel Regenverhangen war. Ich wollte nur ungern die genießerische Stille durchbrechen doch ich wollte noch zum Bastelladen kommen ohne pitschnass zu werden. Deswegen wandte ich mich wieder dem Jungen zu und wollte mich verabschieden als ich sah was mit ihm gerade geschah. Mir blieben die Worte im Hals stecken und mein Herzschlag setzte für einen Moment aus. Seine Veilchenaugen versprühten keine Freude mehr sondern waren dunkel, in die Augenhöhle eingefallen und ohne jegliches Gefühl. Sein Mund verzerrte sich zu einem großen Loch, das man nicht mehr schließen konnte und zwei spitze gelbliche Zähne Preis gab. Als ich genauer hinsah entdeckte ich einen stark behaarten Wurm, der mit seinen tausend Füßen aus einem Loch im rechten Zahnstummel gekrochen kam. Zu guter letzt fiel er auf die gespaltene Zunge meines Gegenübers und wurde von ihm würgend verschlungen. Ich taumelte voller Abscheu zurück, so als hätte mir jemand einen harten Stoß gegen die Brust versetzt. Ein Brechreizgefühl kroch mir langsam aber gefährlich den Hals hoch und der Boden unter mir wurde so weich wie Wackelpudding. Seine Haare wuchsen ihm in Rekordzeit schulterlang, wurden filzig, splissig und struppig. Ich konnte genau sehen wie sie einen Dunst aus Gestank und Dreck abgaben. Sein Rücken krümmte sich nach vorne und die einzelnen Rippen schossen aus der Haut. „Ratsch, ratsch!“ Mein Magen schrumpfte zusammen und Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. Plötzlich griffen die Klauen, auf denen Fellbüschel wucherten, nach mir, doch ich konnte im letzten Moment noch ausweichen. Bevor das Monster einen zweiten Versuch starten konnte wirbelte ich reflexartig um meine eigene Achse und rannte wild mit den Armen gestikulierend los. Mein Herz hämmerte im Takt des Aufpralls meiner Fußsohlen mit und ich befürchtete, das es gleich meine Rippen zertrümmerte. Meine Beine trugen mich zum angrenzenden Wald da mein erster Gedanke die schützenden Bäume war. Die Erde schien zu beben als sich der Junge ebenfalls in Bewegung setzte um die Verfolgungsjagd aufzunehmen. Genau in dieser Sekunde fing es an wie aus Eimern zu schütten. Der Waldboden wurde matschig und mir kam es so vor als würde ich auf Bananenschalen laufen. Als ich zum wiederholten Male an einem Baumstamm verzweifelt Halt suchte schnitt mir die abstehende Rinde in die Handfläche. Ich spürte wie die Haut aufriss und das Blut aus der Wunde quoll. Ich hastete trotz höllischer Schmerzen weiter und kam auf eine Lichtung. In der Ferne hörte man schon Motorgeräusche und Autohupen und Hoffnung flammte in mir auf. Ich war entschlossen mein Leben heute nicht aufzugeben und hetzte stolpernd über das letzte Stück. Ich wusste nicht ob es der Schweiß oder der Regen war, der mir übers Gesicht lief und ich hatte keine Kontrolle mehr über mein Tempo denn meine Beine waren vom ganzen rennen schon taub. Anscheinend nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte, denn in diesem Moment rumpelte das Monster mit seinem ganzen Gewicht hinten in mich rein und ich knallte mit voller Wucht gegen einen Baumstamm. Es ging alles viel zu schnell. Sterne tanzten vor meinen Augen einen wilden Salsa als ich auf den Boden sank. Ein dünner Ast hatte sich beim Aufprall durch meine Schulter gebohrt und ragte hinten wieder raus. Meine Klamotten verfärbten sich an der Stelle dunkelrot und ein Schmerzvoller Schrei drang aus meiner rauen Kehle. Dabei lief mir Blut aus dem Mund und tropfte durch den Regen hellrosa verfärbt auf den Waldboden. Auf einmal war mein ganzer Körper taub. Ich spürte die Platzwunde an meiner Hand und den Ast in meiner Schulter nicht mehr. Mühsam befahl ich mir aufzustehen und krallte mit meiner unverwundeten Hand nach einem Baumstamm an dem ich mich hochzog. Für einen kurzen Augenblick wurde mir schwarz vor Augen, dann tanzten wieder Sterne vor meinen Augen, diesmal einen langsamen Tanz und schließlich wurde mein Blick scharf. Ich drehte mich um, um nach dem Monster Ausschau zu halten doch hinter mir stand…NIEMAND! Inzwischen zuckten grelle Blitze am Himmel, der Wasserfall hatte sich zu Nieselregen vermindert und der Wind
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