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Kategorien > Krimi > Krimi

Über ihnen schwebte der Tod

von Marc Freund

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Die langen Schatten der Nacht senkten sich allmählich über Norton Castle. Wie gespenstisch dürre Finger streckten sie sich nach den Giebeln und krochen dann den Hang zum Dorf hinunter. Über den Himmel jagten Wolken, angetrieben von einem stürmischen Nordostwind, der den Geruch von Regen mit sich brachte. Ein Gewitter zog auf. Es war so nahe herangekommen, dass man das Gefühl hatte, die Hand danach ausstrecken zu können.
Obwohl es den ganzen Tag über beinahe unerträglich schwül gewesen war, hatte Cedrick Paynton in seiner Bibliothek den Kamin entfachen lassen. Gedankenverloren stand er davor und starrte in die lodernden Flammen. Eine bedeutungsvolle Nacht stand ihnen bevor und ausgerechnet ihm kam dabei eine ganz besondere Rolle zu.
Ein dezentes Hüsteln riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. In der Türöffnung stand sein ergebener Diener Albert mit durchgedrücktem Kreuz und tadelloser Livree.
„Der ehrenwerte Richter Langdon und Mister Martin sind soeben eingetroffen, Sir. Sie warten in der Halle.“
Paynton drehte sich um und nickte dem Diener zu.
„Bringen Sie sie her, Albert. Sie können dann schon den Tee vorbereiten.“
Der Mann in Livree deutete eine Verbeugung an und verließ wortlos das Zimmer. Die Tür ließ er dabei offen.
Nur wenig später erschienen die angekündigten Besucher: Richard „Dick“ Martin, pensionierter Oberinspektor von Scotland Yard, ein sympathisch wirkender Mann in den Sechzigern und Richter a. D. Barnabas Langdon, eine Ehrfurcht erweckende Erscheinung mit einem kantigen Kinn und straff zurückgekämmten silbergrauen Haaren. Man kannte Langdon als strengen aber gerechten Mann. Zu seiner Amtszeit war er gefürchtet gewesen für seine mit messerscharfem Verstand gestellten Fragen, die nur auf ein einziges Ziel gerichtet waren: Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit! Manchem Angeklagten, der unter anderen Umständen schon kurz vor dem Freispruch gestanden hätte, war unter seinem Druck zusammengebrochen und hatte gestanden. Barnabas Langdon war ein Mann, dem sein Ruf voraus eilte.
Dick Martin war im Vergleich zu ihm eher unscheinbar, doch gerade diese Eigenschaft hatte ihm zu seinen größten beruflichen Erfolgen verholfen. Durch sein bescheidenes Wesen wurde er leicht unterschätzt.
Die beiden Männer traten auf ihren Gastgeber zu und begrüßten ihn.
„Habt ihr Mills nicht mitgebracht?“ Martin schüttelte den Kopf.
“Ihm ist noch ein Hausbesuch dazwischen gekommen“, antwortete er mit warmer Stimme. „Er wird sicher gleich hier sein.“
Man ließ sich auf den schwarzen Ledersesseln nieder, die zu jeder Ecke eines gekachelten, kniehohen Tisches standen. Für eine Weile starrten sie auf den leeren Platz, bis der letzte Gast, ein wenig außer Atem, den Raum betrat.
Doktor Mills war ein kleiner, rundlicher Mann mit Halbglatze, der Einzige unter ihnen, der das Rentenalter noch nicht ganz erreicht hatte. Er stand mit seinen 60 Jahren kurz vor dem Ruhestand.
Schnaufend stellte er seine Tasche ab und entledigte sich dann seines nassen Jacketts.
„Wurde vom verdammten Regen überrascht“, sagte er knapp, während er sich in en letzten Sessel fallen ließ.
In diesem Moment zuckte ein Blitz über den düsteren Himmel und blendete die Männer durch das große Panoramafenster, das den Blick in den großzügigen Garten freigab.
Paynton, der Hausherr, erschrak sichtlich. Er wirkte blass und hatte sich schon den ganzen Tag über nicht gut gefühlt.
Er blickte seine Gäste nacheinander an, bevor er das Wort erhob.
„Liebe Freunde, ich danke Ihnen, dass Sie trotz des aufziehenden Unwetters keine Mühen gescheut haben, zu mir herauf nach Norton Castle zu kommen. Wir kennen und schätzen uns nun schon seit fast dreißig Jahren und tragen alle in uns eine heutzutage selten gewordene Eigenschaft: Den Sinn für Gerechtigkeit! Jeder Einzelne von uns ist ein unerbittlicher Verfechter dieses Grundsatzes und jeder Einzelne von uns musste mehrfach miterleben, wie ein Schuldiger in unserem Land aufgrund von Mangel an Beweisen freigesprochen wurde und weiter seinen dunklen Trieben nachgehen konnte. Wir beschlossen vor nunmehr fast auf den Tag genau zwanzig Jahren, dieser Entwicklung innerhalb unserer Gesellschaft entgegenzuwirken und gründeten den Club der Gerechten.“
Paynton legte eine Pause ein und trank einen Schluck Wasser aus einem hohen Glas. Vorsichtig stellte er es auf den Tisch zurück.
„In den letzten Jahren hatte unser Club große Erfolge zu verzeichnen. Wir machten die trotz ihrer Schuld freigesprochenen Verbrecher ausfindig, bereiteten ihnen den Prozess und führten sie ihrer gerechten Strafe zu, der einzig gerechten Strafe: Dem Tod durch den Strang!
Diese Arbeit hat uns über die Jahre zusammengeschweißt und zu einer Einheit werden lassen. Heute hingegen haben wir uns außerplanmäßig hier eingefunden. Wir schreiben den 31. Mai und wie ihr alle wisst, ist dieses Datum für die Familie der Payntons ein ganz besonderes. Es war der 31. Mai 1709, an dem mein Vorfahr Montague Paynton hier in diesem Gemäuer einen illegalen Hexenprozess durchführte und die Angeklagte, ein junges Mädchen aus dem Dorf, zum Tode verurteilte. Er ließ auf dem Nordturm einen Scheiterhaufen errichten und verbrannte sie bei lebendigem Leib. Das Feuer war in jener dunklen Nacht weithin sichtbar, doch viel schlimmer waren die Schreie der jungen Frau, die vom Turm erklangen und durch den peitschenden Wind über das Land getrieben wurden, bis in die entferntesten Winkel unserer Ländereien. Die junge Frau verhängte kurz bevor sie starb einen Fluch über Montague Paynton. Einen Fluch, nach dem er noch in der selben Nacht den Tod finden sollte. Ein Tod, der sich alle 100 Jahre an seinen Nachfahren wiederholen sollte.“
An dieser Stelle folgte wiederum eine kurze, unheilschwangere Pause.
„Stellt euch die Stimmung in jener Nach auf dem zugigen Turm vor: Die betretenen Gesichter der ehrwürdigen Männer, die soeben ein junges Mädchen bei lebendigem Leib verbrannt hatten und das schlechte Gewissen, dass sich nach und nach in ihnen breit machte. Es kroch in ihre Glieder und nistete sich dort ein. Einer nach dem anderen verließ das Schloss, bis Montague mit seinen wenigen Bediensteten, die noch nicht das Weite gesucht hatten, zurück blieb. Er verspottete den Fluch der jungen Frau und zwang seine Diener, mit ihm ein Gelage zu veranstalten. Es floss jede Menge Wein. Doch die von ihm beabsichtigte fröhliche Stimmung wollte sich nicht einstellen. Montague, ein äußerst jähzorniger Mann, schickte seine Diener zum Teufel, nachdem er sich sein bestes Pferd hatte satteln lassen. Ein prächtiger Schimmel, der weithin durch die Nacht sichtbar war. Niemand weiß, wohin er in jener Nacht noch wollte. Man erzählt sich, dass wie aus dem Nichts ein Unwetter aufzog. Das Pferd geriet in Panik und verirrte sich ins Moor. Dort versank es in den unergründlichen Tiefen und zog Montague Paynton mit sich. Der erste Teil des Fluches hatte sich damit bereits erfüllt.
Im Jahre 1809, genau 100 Jahre später, starb sein Enkel Curt Paynton unter bisher ungeklärten

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