Ultima Ratio
von
Dante
1
2
Ich sitze hier im Dunkeln auf meinem Bett. Ich habe keine Ahnung, wie spät es sein könnte, denn die Uhr auf meinem Nachttisch ist schon lange stehen geblieben. Was bleibt, ist die bleierne Finsternis in meiner Kammer.
Es muss noch mitten in der Nacht sein – es kommt oft vor, dass ich nachts aufwache und dann nicht mehr einschlafen kann…
Und einmal mehr nehme ich in Gedanken Anlauf, versuche zu verstehen, was mit mir geschehen ist.
Ich weiß nicht, wie alles begann, und ich weiß auch nicht, ob ich die Schuld an dem Geschehen tragen muss…
Sie waren einfach da, eines Tages. Eines Tages waren sie einfach da, tauchten einfach auf…
Mein Vater hatte mich wieder geprügelt, weil ich vergessen hatte, den Müll herauszubringen –
Er schreit mich an –
Gibt mir eine Ohrfeige –
Und dann, dann greift er nach dem Gürtel –
-Verräter!-
Als ich danach still in meiner Kammer sitze, passiert es plötzlich. Ich weiß nicht wieso, es war einfach da…
-Und so kommst du nach alldem zu uns…-
Von da an hörte ich die Stimmen. Sie waren in meinem Kopf, und niemand sonst konnte sie hören. Sie waren immer dabei. Unmöglich, zu bestimmen, ob es eine Stimme oder hunderte waren.
Und sie waren immer bei mir, wenn ich in meinem Zimmer saß und heulte, nach einer Tracht Prügel -
-Schakal!-
-Er hat gesagt, er würde dir beistehen, egal was passiert!-
-Beistehen! Egal was passiert!-
-Und was macht er?-
-Was?-
Ich konnte mich unmöglich gegen sie wehren, und oft hätte ich sie einfach gerne ausgeschaltet. Doch es war unmöglich. Sie waren immer da, sogar im Traum sprachen sie mit mir…
Seitdem kann ich übrigens nicht mehr ruhig schlafen.
Und so sitze ich seit mittlerweile zwei Jahren fast jede Nacht auf meinem Bett und lausche dem Geflüster in der Dunkelheit.
Wie jetzt auch.
-Was ist das Leben, kleiner Mann? Ist es nicht die ewige Suche? Die Suche nach dem Glück?-
-Wirst du es finden, kleiner Mann-?
-Wie lange willst du noch ausharren?-
-Willst du ausharren?-
Was ist das Leben für mich? Es ist eine Art… existieren. Ich bin da, ich lebe, denn ich fühle mein Herz in meiner Brust schlagen, lauter den je. Ich höre, wie ich atme. Und doch bin ich eben nur da, mehr nicht. Denn wenn ich mehr bin als nur existent – dann… dann nimmt ER den Gürtel und –
-Judas!-
-Er hat dich betrogen! Alle! Alle haben dich betrogen!-
-Sie haben dir gesagt –
-GESCHWOREN!-
-Geschworen, dass sie für dich da sein werden! Aber nichts ist passiert!-
-Versager!-
-Geh in die Küche…-
-Küche!-
-Genau, geh in die Küche!-
Ich erhebe mich langsam von meinem Bett und schleiche mich durch mein Zimmer auf Zehenspitzen zur Tür. Fast wundert es mich, dass niemand das Getöse in meinem Kopf hören kann…
-Gemeinsam, Rücken an Rücken, standen wir ihm gegenüber und mussten uns immer wieder erniedrigen lassen!-
-Gemeinsam!-
Ich stutze.
„Ihr wart in diesen Momenten nie da…“, murmle ich. Denn genau das stimmt. Niemals hatte ich sie gehört, meine Begleiter. Nur in diesen Momenten waren sie nicht da –
Ich hatte schon die Hand ausgestreckt, um die Türklinke herunterzudrücken, doch nun zögere ich.
Einen Moment zu lange.
-Verrätst du uns, kleiner Mann-?
-Niemals!-
-Geh!-
-Willst du genau so ein Judas sein wie er?-
-Willst du das?-
-Dann werden wir dein Lohn sein, kleiner Mann! Die Silbermünzen! Dein Judaslohn!-
-Denn wir gehen niemals weg!-
-Niemals!-
-Geh in die Küche!-
Leise öffnet sich meine Zimmertür. Was mag mich erwarten? Welches Schicksal soll mir zugedacht sein? Es kommt mir vor wie eine Irrfahrt, genau so, wie mein Leben seit so langer Zeit eine Irrfahrt ist.
Mittlerweile fühle ich mich wie ein Zuschauer im Theater, und das Schauspiel auf der großen Bühne nimmt seinen Lauf.
Ich blinzle. Mitten in der Küche stehe ich nun, vor dem Messerblock.
-Nimm das Messer!-
-Das Messer, nimm es!-
-Rache!-
Meine Finger schließen sich langsam um den Griff des großen Küchenmessers. Kühl fühlt es sich an, und es scheint, als würde es sich an meine Hand anschmiegen, sanft und tröstend. Die Klinge wispert mir zu, ein leises Säuseln wie eine verfliegende Stimme im Wind… es ist beinahe besänftigend.
-Geh ins Schlafzimmer!-
-Los, geh!-
-Das Blut wird vergolten mit Blut!-
-Es muss fließen!-
-Blut auf kaltem Stahl…-
-Blut und Stahl!-
Langsam gehe ich aus der Küche in die Richtung des Schlafzimmers meiner Eltern. Schrit für Schritt, immer weiter. Und das Getöse wird immer lauter…
-Niemals wieder wird es passieren!-
Am Ende des Flurs sehe ich die Tür.
-Niemals wieder wird der Schakal uns verraten!-
Nur noch einige Schritte trennen mich von ihr –
-Dies ist der letzte Weg, Der letzte Ausweg! Der einzige!-
-Rot, rot wie die Rosen soll es sein…-
Ich spüre die kühle Klinke in meiner Hand. Drücke sie herunter. Trete ins Zimmer ein.
Im Halbdunkel erkenne ich zwei Gestalten, die unter den Decken im Bett liegen. Im fahlen Schein der Straßenlaterne, die von draußen in die Kammer scheint, gehe ich wie in Trance auf die größere Person zu. Alles scheint unwirklich zu sein, wie in einem Traum. Das Bett, die zwei Menschen, das Licht, der Raum, das Schnarchen der größeren Person, mein Atem, der mittlerweile stoßweise geht, wie ein Keuchen, das Schlagen meines Herzens – alles ist irreal.
Das einzige, was wirklich ist, sind meine Begleiter. Das hysterische Geschrei in meinem Kopf, das Brüllen, was jede Faser meines Verstands zu zerreißen droht.
-Tu es!-
-Befreie dich und uns!-
-Niemand wird uns aufhalten können! Niemand!-
-Tu es!-
Ich beuge mich über den Schlafenden, die Hand mit dem Messer hebt sich –
-Niemals wieder!-
-Die Rache ist unser!-
-Rot, wie die Rosen, soll es fließen…-
-Blut und Stahl…-
Die Hand zittert…
-Tu es!-
-Vernichte den Dämon!-
-Es ist fast soweit…-
-Und wenn du das getan hast – wenn du das Werk vollendet hast – dann…-
-Ja, dann…-
-DANN WERDEN WIR NIE WIEDER GETRENNT SEIN!-
Das Tosen in meinem Kopf füllt mich aus, füllt den Raum, die Welt, das Universum aus.
Und die Klinge des Messers saust singend durch die Luft, fährt nieder, immer wieder.
Nichts ist mehr wirklich. Nicht die rote Flüssigkeit, das Blut, was aus dem Mann herausspritzt, nicht die kleinen Tropfen, die von der Klinge fallen, nicht das erstickte Röcheln, als die Klinge in seinen Brustkorb fährt, nicht seine weit aufgerissenen Augen, die ungläubig meinen Blick suchen…
Nur dieses. Nur das Kreischen in meinem Schädel.
-Dies ist es!-
-Es ist vollbracht!-
Das Messer saust erneut nieder –
ULTIMA!
Seine Augen sind schon lange gebrochen -
ULTIMA RATIO!
Ein kurzes Nachwort zu einer Kurzen Kurzgeschichte.
Sind wir nicht alle ein bisschen psychisch krank? Ich wette, dass ich, obwohl ich mich meiner Meinung nach guter geistiger Gesundheit erfreue, auf der Liege des Seelenklempners meine ganz persönlichen Geisteskrankheiten entdecken würde. Womöglich würde er mir die Schriftstellerkrankheit bescheinigen: Ich verliere mich manchmal so in meiner Fantasie, dass die Grenzen zur Wirklichkeit verwischen wie bei einem
1
2
Kommentare
Gimliy schrieb am 2008-08-14 20:12:37:
Hi. Ich finde, es ist dir gelungen. Und ich finde es auch gut, dass du deine Geschichte erklärst. Ich persönlich schreibe auch ab und an eine psycho-Geschichte, da mich solche Themen interessieren. Ich hab auch schon eine hier reingestellt, aber sie ist vom gesamten Aufbau her anders, weil bei dir viel mehr Wert auf die gespaltenen Gedanken gelegt wird und bei mir auf den Überraschungsmoment. Aber auf jeden Fall finde ich dass du es sehr gut gemacht hast, weil viele diese Dinge vielleicht gar nicht sehen oder verstehen würden. Bei dir habe ich das Gefühl, dass du dich gut in diese Sichtweisen einbringen kannst. (Das soll jetzt nicht negativ, sondern positiv gemeint sein)
Gruß: Gimliy
TJ Omar schrieb am 2008-08-14 01:04:05:
Eine echt hammerharte Geschichte, Mann. Traurig dass es solche Menschen gibt, die ihre eigenen Kinder so misshandeln. Echt traurig. Diese Menschen gehören in meinen Augen tatsächlich abgeschlachtet. Aber nun gut, ich habe das ja nicht zu entscheiden. Trotzdem ist dir die Geschichte gelungen. Respekt
MfG TJ Omar
Kommentar hinzufügen