Und die Tage vergehen (Teil 1)
von
Columbus
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Und die Tage vergehen
Die Tage vergehen, ohne dass etwas passiert, sagte sich Nickolson jeden Morgen, schon bevor er aufgestanden war. Nickolson, oder Nickel, wie er sich selber nannte, war von Beruf Busfahrer, 48 Jahre alt, unverheiratet, und das mit Absicht.
Im Allgemeinen löste die Nennung seines Familienstandes immer ein kurzes Zucken der Augenbrauen bei seinem Gesprächspartner hervor. Aha, ledig, also geschieden? Nein, nein, hatte Nickolson dann früher immer schnell erwidert, heute sagte er gar nichts mehr darauf oder er nickte beiläufig.
Er hatte herausgefunden, dass es eigentlich auch egal war, ob er ja oder nein sagte, er hatte es herausgefunden, weil so vieles egal war im Leben. Viele Menschen fragten ihn irgendetwas und warteten nicht einmal die Antwort ab. Er hatte gemerkt, dass sie die Antwort auch gar nicht besonders interessierte. Also sagte er oft irgendwas, was ihm gerade einfiel. Er hatte es ausprobiert, und immer wieder feststellen müssen, wie Recht er hatte, mit seinem „ich antworte was ich will“.
So hatte er noch gestern auf die Frage „Wie geht es Ihnen? seiner Nachbarin Eva Kolotzki, geantwortet: „Ich glaube es nicht! Die Reaktion der Nachbarin war: Ok, dann, viel Spaß noch. Nickel war Busfahrer. Ein Beruf, der einem Mann nicht besonders viel abverlangt, könnte man jetzt denken. Aber er hatte den Beruf bewusst gewählt. Nicht, dass er nicht etwas vermeintlich Anspruchsvolleres hätte lernen können. Nein, ganz und gar nicht. Nickolson hatte Abitur, ein mit sehr gut abgeschlossenes Jura-Studium mit beiden Staatsexamen, war dann aber eines Morgens aufgewacht und hatte sich gesagt: Die Tage vergehen, ohne dass etwas passiert.
Dann ist es doch eigentlich auch egal, ob ich Staranwalt werde oder -, er suchte nach einem entsprechenden Gegenberuf, als sein Blick auf die Straße fiel: Busfahrer. Ja, genau, das war’s. Busfahrer. Immer die gleiche Stecke fahren, den Blick geradeaus, Fahrgeld kassieren, hier die Quittung, ein bisschen rummeckern: Hey, ihr Penner da hinten, mal die Schuhe von den Sitzen - aber Zett Zett, ziemlich zügig, und dann heimlich auf die Uhr schauen, noch 3 Stunden, noch 2 Stunden, noch ne Runde und jetzt: Feierabend. Der Tag war vorbei, nichts war passiert, er hatte eine kleine Mietwohnung, einen PC mit Internetanschluss und konnte sich so oft Spaghetti Bolognese machen wie er wollte.
Nickolson liebte sein Leben. Es verlief so unspektakulär wie das Wort zum Sonntag. Und doch bemerkte er, wie er dieses monotone Auf und Ab seines Tagesablaufes mehr und mehr liebte. Jede Sekunde war voraussehbar, nie passierte etwas außergewöhnliches, - wobei er sich eine Liste von den Dingen gemacht hatte, die als außergewöhnlich zu bezeichnen wären.
Eine rote Ampel z.B., da wo er normalerweise eine Grünphase hatte, stufte er als „geht noch“ ein, ebenso die doppelt auftretende Tatsache von Sonne und Schnee an einem Tag. Nicht jedoch die Tatsache, dass er am Samstag einmal einen Brief von der Polizei bekam, wo er gebeten wurde, als Zeuge von einem Verkehrsunfall auszusagen. Dieses Ereignis stufte er in die Kategorie: Vorsicht: Das sieht harmlos aus, kann aber eine Falle sein - ein.
Ganz unakzeptabel für ihn waren dagegen Ereignisse wie eine Einladung zu einer Party oder Fete, wie er immer sagte. Eine Fete, so sagte er sich, ist etwas akademisches, ein akademisches Besäufnis. Wenn überhaupt - gehe ich auf eine Fete. Er mochte das Wort Party nicht, es erinnerte ihn zu sehr an seine Jugend, bei denen es Bowle gab und Käsehäppchen, wo so ein Spieß mit ner Mandarine oben drauf war und Let Kiss getanzt wurde und die Mutter immer um die Ecke schielte, ob auch noch alles in Ordnung sei. Ja, Mom, hatte er dann immer gesagt, alles ok hier, und er hatte immer das „alles ok ,- Mom“ ganz laut gesprochen, damit seine Freunde hören konnten, wie modern es bei ihm zuhause zuging.
„Ok- Mom“,- das klang so nach Bonanza, hatte er immer gedacht, obwohl die eigentlich gar keine Frau auf dieser Ranch hatten, nur diesen blöden Chinesen Hop Sing, den Nickel schon immer bescheuert fand. Er hätte es besser gefunden, wenn dort eine echte Mom in der Küche gestanden hätte, am besten eine Hübsche,- nur bloß nicht seine eigene Mom, die hasste er nämlich. Er öffnete den bösen Briefkasten im Eingangsflur neben den anderen sieben Briefkästen. Sein Briefkasten sah im Grunde genommen nicht wirklich böse aus. Er war oben links angebracht und war fast immer leer. Er hatte lange überlegt, wie er seinen Briefkasten am besten bezeichnen sollte und eines Tages sah er einen Film, mit einem kleinen Jungen.
Der Junge wohnte bei seiner Tante und wartete jeden Morgen auf Post von seinen Eltern, die ihm aber nie schrieben, nur einmal im Jahr, zum Geburtstag. Der Junge musste immer weinen, weil er jeden Tag auf einen Brief wartete. Und als seine Tante ihn fragte, warum er so traurig sei, sagte er immer nur: Briefkasten – böse. Das gefiel Nickel und er beschloss seinen Briefkasten auch so zu nennen. Böse passte gut. Entweder es kamen Rechnungen oder er wartete immer auf irgendwelche Dinge, die aber immer verspätet oder nie ankamen. Am besten fand er es, wenn gar nichts drin war.
Er öffnete jeden Morgen das kleine hölzerne Türchen und wenn ihm etwas Weißes entgegen fiel, sagte er laut Briefkasten böse, wenn nichts drin war: Good day sunshine. und er stieg in seinen Bus und genoss die Fahrt und regte sich nicht mal über die pöbelnden Schüler auf. Er hatte sich angewöhnt, möglichst viele Ereignisse des Tages aus seinem Leben mit passenden Titeln von Beatles – Liedern zu benennen. Wenn er müde von der Arbeit kam und sich in seinen Lieblingssessel setzte (wobei man sagen musste, dass er nur diesen einen Sessel besaß) sagte er natürlich: This was A hard day’s night, obwohl es ja eigentlich nicht ganz genau passte, aber das war ihm egal. Oft bot er einem Fahrgast ein Ticket to ride an, was dieser aber meist mit einem blöden, inhaltsleeren Gesichtsausdruck beantwortete.
Müttern mit Säuglingen rief er manchmal ein Cry Baby Cry hinterher. Das Beste für ihn allerdings war, wenn er in seiner Schicht die Linie 910 zugewiesen bekam: One after 909 sang er dann vor sich hin und er fühlte sich in diesen Momenten wie Sergeant Pepper in einem roten Doppeldecker-Bus. Nickel stand mit seinem Bus vor einer roten Ampel und döste vor sich hin. Er konnte beides, - vor sich hindösen und doch wie ein Adler alles um sich herum beobachten. Nichts entging ihm. Und obwohl er in Gedanken oft in seiner verkorksten Jugend war, suchten seine Augen unermüdlich die Straße ab. Links, rechts, links, wie ein Scanner.
Alles wurde in sein Kleinhirn geleitet und dort überprüft. Und so konnte es sein, dass sein Hirn ihm gleichzeitig ein „schau mal diesen Affen da an“ meldete und er dabei gerade an seine erste Liebe dachte. Er hatte herausgefunden, dass er mehrere erste Lieben gehabt haben musste. Die Konturen waren mit den Jahren verschwunden und an die einzelnen Details konnte er sich nur noch schwer
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