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Kategorien > Kurzgeschichte > Alltägliches

Und die Tage vergehen (Teil 1)

von Columbus

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erinnern. Da er Namen sowieso kaum behalten konnte, hatte er alle seinen verflossenen Liebschaften mit griffigeren Bezeichnungen versehen, die ihm mehr sagten als Namen seiner Verflossenen.

Anstatt Gabi, Rita oder Karin nannte er sie z.B. die Wurst-Tante oder die Haus-Maus, die Marmeladen-Lilli, die immer nach Marmelade schmeckte oder einfach die Nackte oder die Prinzessin von Eschnapur. Nickel hatte es sich abgewöhnt zu fragen, was aus seinem Leben werden sollte. Er lebte es einfach. Manchmal ertappte er sich doch noch dabei, wenn er mit seinen Gedanken abschweifte und den Gedanken aller Menschen dachte:

Hat mein Leben einen Sinn? Irgendeinen, hintergründigen Sinn, den ich noch nicht bemerkt habe? Und er begann, seine Träume aufzuschreiben, denn er träumte oft. Immer irgendwelches verrücktes Zeug, wie seine Mutter es früher genannt hatte. Du träumst einen Mist zusammen, das ist nicht normal, hatte sie immer gesagt, wenn Nickel ihr morgens am Tisch von seinen Träumen erzählt hatte. Er schrieb jetzt jeden Traum auf, an den er sich morgens erinnern konnte, setzte sich an seinen PC und hackte die Worte und Sätze in das Word-Programm. Er machte das jetzt schon über fünf Jahre und hatte genau 478 Träume aufgeschrieben, wobei kein Traum dem anderen glich.

Ab und zu las er sie sich manchmal selbst noch mal durch und seine eigenen Träume wirkten auf ihn dann wie verschlüsselte Botschaften aus einer anderen Welt, - meistens verworren, manchmal bizarr, oft starben Menschen darin, manchmal begegnete er schönen Frauen, die ihn begehrten oder die er begehrte, aber sie kamen so gut wie nie zusammen. Er gewöhnte sich auch an, am Morgen seine jeweilige Stimmung unter den Traum zu schreiben, z.B. fühle mich schlecht nach diesem Traum, oder bin heilfroh, dass es nur ein Traum war. Nur ganz selten fand sich dort etwas Positives wie fühle mich glücklich oder I feel fine, was ja auch wieder ein Beatles-Lied war, aber seine Stimmung wohl ganz gut ausgedrückt hatte.

Einmal hatte er sogar von den Beatles selbst geträumt. Ringo hatte sich wohl totgesoffen und Nickel musste ihn am Schlagzeug ersetzen, aber die anderen Beatles mochten ihn nicht und schrien immer: du bist gar kein Drummer, du bist nur ein blöder Busfahrer, wobei sich Nickel sicher war, dass sie alle im Traum englisch geredet hatten und ihn als fucking bus driver bezeichnet hatten, wobei sie das bus aussprachen wie man es wohl in Liverpool ausspricht, nämlich wie im Deutschen. Und er hatte noch im Traum gedacht: toll, jetzt träume ich schon mit deutschen Untertiteln, und als er aufwachte, war er ziemlich guter Stimmung und schrieb das auch so unter seine Aufzeichnung: Gute Laune Traum. Die Tage waren vergangen, ohne dass etwas passiert war.

Heute war Montag und Nickolson wollte einfach nur seine Woche beginnen, wie die anderen 2473 Wochen vorher in seinem Leben. Er hatte sich angewöhnt, seine bisher gelebten Tage und Wochen genau auszurechen. Das war leicht, seitdem es Excel gab und obwohl Nickel kein besonders guter PC-Freak war, hatte er es sehr schnell raus, wie man mit diesem Programm die tollsten mathematischen Spielereien machen konnte. Er rechnete aus, wie oft sein Herz schon geschlagen hatte, wie oft er auf dem Klo war, was er alles hätte sparen können, wenn er nicht so willensschwach gewesen wäre und immer alles ausgegeben hätte. Er legte sich eine Liste an, mit welchen Frauen er geschlafen hatte und mit welchen er hätte schlafen können, aber aus irgendeiner Dusseligkeit es nicht gemacht hat.

Leider musste er feststellen, dass die zweite Liste wesentlich länger war als die erste Liste. Heute war Freitag und Nickel wachte auf, traumlos war die Nacht. Er hatte Kopfschmerzen, obwohl er gestern Abend keinen Alkohol getrunken hatte. Meistens trank er vor dem Einschlafen ein paar Flaschen Bier, fiel danach in einen tiefen Schlaf und wachte trotzdem immer pünktlich um 06:30 Uhr auf, wenn er Frühschicht hatte. Hatte er Spätschicht, wachte er auch um 06:30 auf.

Sein Bett war ein großes Futonbett, eigentlich viel zu groß für eine Einzelperson. Aber egal, sagte sich Nickel immer, wer weiß, wenn ich den Platz mal wirklich brauche, dann ist es zu spät, mir erst dann ein größeres Bett zu kaufen. Es ist wie in dem dänischen Sprichwort: Beim Schiffbruch ist es zu spät, schwimmen zu lernen, das passte zwar nicht ganz, drückte aber ungefähr aus, was Nickel in diesem Moment in puncto Bett, Frau und Platz fühlte. Heute merkte Nickel, wie ihm plötzlich alles auf den Zeiger ging. Er war sich auf einmal auch nicht mehr sicher, ob die Sache mit der Busfahrerei wirklich die richtige Entscheidung gewesen war.

Immer dieses eintönige Hin-und Her, immer Fahrgäste, die rumnervten, alte Leute, die sich langsam durch den Bus schoben, als gingen sie in Zeitlupe. Alles nervte ihn. Alles. Er nahm seine Schicht auf, hatte heute die Linie 12 zugewiesen bekommen. Das war schon schlecht, dachte er sich. Die 12 fuhr in die No-Go-Area seiner Stadt, in die hintersten Winkel, dort wo nur noch Penner und Idioten wohnten, Assis, allesamt hässliche, unfreundliche Menschen. Nickel hasste diese Gegend. Ok, sagte er sich, dann geht’s eben heute in die Bronxx. Er schrieb Bronxx in Gedanken immer mit zwei x, das machte sie in seinen Augen noch abstoßender und gefährlicher.

Die Stationen rollten an ihm vorbei, Leute stiegen aus, manche meckerten, weil er etwas zu spät war, aber er dachte sich nur: die können mich mal kreuzweise, - wenn die wüssten. Wer muss ich denn hier durch den Verkehr quälen, die oder ich? Irgendwas muss ich in meine Leben ändern, dachte er die ganze Zeit. So kann es nicht weitergehen. Aber wie es so oft ist im Leben: das Unglück kommt unverhofft, das Glück manchmal auch, aber seltener. Der Bus war voll bis auf den letzten Platz, viele Menschen standen in den Gängen, blickten mürrisch vor sich hin. Er beobachtete sie durch seinen Rückspiegel und fragte sich, warum diese ganzen Haarshampoos nicht so wirkten, wie man es in der Werbung immer versprach.

Er sah sich die Frauen an: ihre Haare sahen aus wie verfaultes Heu, strohig und wirr. Es hing an ihnen, als wären diese Haare froh, wenn sie diesen Kopf bald verlassen dürften. Eigentlich müssten alle Frauen seidig glattes Haar haben, dachte er, schwarz wie in der Werbung, oder blond wie eine Schwedin, mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht. Aber er sah immer nur missgelaunte, mürrisch dreinsehende Weiber, ja Weiber sagte er sich, ist die richtige Bezeichnung für diese Typen.

Er blickte auf die Straße und gleichzeitig in den Innenrückspiegel, als er in zwei Augen blickte. Diese Augen sahen ihn an, sahen durch ihn hindurch, gingen durch sein Kleinhirn direkt in sein limbisches System. Nickelson hielt dem Blick stand. Er hatte gelernt, immer cool zu bleiben, in jeder Situation.

Aber er hatte bemerkt, dass dieser Blick anders war, als die zehntausend anderen Blicke,- an den zehntausend anderen Tagen in seinem Bus. Die Augen gehörten zu einer Frau, die er vorher

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