Und plötzlich war es Dunkel
von
Nelladell
"Hast du eigentlich eine Ahnung, warum wir hier sind?"
Nein, habe ich eigentlich nicht, denke ich mir jedes Mal, wenn ich mir diese Frage stelle. Es gibt Menschen, die eine überquellende Lebenslust und Lebensfreude empfinden.
Ich sehe diese Menschen an und frage mich, warum ich nicht auch so sein kann wie sie. Dann fällt mir wieder ein, dass ich anders bin. Und ich weiß wieder nicht warum.
Ist mir die Unwissenheit angeboren? In meinem Leben dreht sich alles um das Warum.
Es gibt keinen Tag, an dem ich dieses Wort nicht brauche.
Jeder Tag war wie der vorherige und der darauffolgende. Ich stand auf und wollte mich wieder hinlegen und weiterschlafen. Nur um dem unterschwelligen Gefühl, des Trotzes und der Faulheit, nachzugeben, aber ich stand trotzdem auf, zog mich an und ging anschließend in die Schule. Schon im Schulbus, will ich mich jeden Tag übergeben. Die ganzen Menschen um mich herum machten mich krank und ich lächelte trotz allem. Ich war stolz auf die Fassade, die ich mit der Zeit errichtet hatte. Sie schützte mich vor den Angriffen der Leute, die etwas gegen mich hatten und vor den Heuchlereien dieser Welt.
Ich hatte nicht vor, vor irgendjemanden zu katzbuckeln, das Meiste zog sowieso an mir vorüber. In meiner Klasse gab es Menschen, die mich anwiderten. Einige würden, ohne den Boden auf dem sie kriechen, um anderen zu gefallen, verenden.
Menschen wie mich verachten sie, nur weil ich mich nicht vor jemanden in den Staub begebe. In ihren Augen war ich eine Spinnerin, eine Traumtänzerin. Vielleicht war ich das wirklich.
Ich selbst hätte mich als Visionärin bezeichnet, oder auch als hoffnungslos verlorenes Individuum.
Wenn man keine Freunde hatte, begnügte man sich mit sich selbst. Und wenn mich jemand als Egoisten bezeichnen wollte, so sollte er das tun. Meine Antwort darauf war lediglich: "Na und? Schließlich habt ihr mich dazu gemacht!"
Und nur weil ich mich schwarz kleidete und schminkte, weil ich Rock und Metal hörte, oder weil ich Nietenschmuck mochte, hattet ihr kein Recht dazu mich schief anzuschauen. Ihr würdet daran zerbrechen anders zu sein.
Ich sah diese Menschen um mich herum an und ertrank wieder in meinem Selbstmitleid und meine Angst und Trauer ersäufte ich im Alkohol.
Mein Stundenplan sah heute wieder besonders verlockend aus, dachte ich mir als ich montags in der Klasse saß.
Ich packte meine Sachen - erste Stunde Textverarbeitung - ich musste in den EDV-Raum. Diese Stunde war in meinen Augen noch akzeptabel. Sie floss an mir vorüber. Ich surfte nebenbei im Internet und versuchte trotzdem aufzupassen.
Eine der wenigen Stunden in denen ich meinen kollektiven Verstand abschalten konnte, mich ganz und gar dem "Nichts denken und trotzdem irgend wie anwesend sein" widmen konnte und mich niemand dabei zu stören oder daran zu hindern versuchte.
Zweite Stunde: Deutsch. Eines der wenigen Fächer für die ich mich ernsthaft interessierte. Besonders deshalb, weil unsere Lehrerin ab und zu ein paar geschichtliche Details einstreute. Meistens über blutige Kriege.
Danach Französisch mit unserer etwas verrückten Lehrerin. Ich weiß nicht warum die anderen über ihre Witze lachten. Ich fand sie nicht lustig, eher bemitleidenswert. Sie konnte mir nicht einmal ein Schmunzeln mit ihrer Art abgewinnen.
"Bonjour! Alors, aujourd'hui nous apprenons autour du passé composé. "
Ich hatte keine Ahnung was sie damit meinte. Ich lernte zwar schon seit einem Jahr Französisch, hatte aber bis jetzt noch nie in dieses Buch hineingeschaut. Die Lehrerin fragte wieder irgendetwas und ich verstand sie wieder nicht. Mona hob begierig die Hand - es war jedes Mal das Gleich. Wie sie versuchte Lob für ihre Leistungen zu ergattern und wie sie sich dafür im Staub wand. Ihr Verhalten kotzte mich an. So unterwürfig. Ich blickte auf das leere Blatt vor mir. Wir hätten etwas schreiben sollen.
Die Lehrerin machte sich nicht einmal mehr die Mühe, mich zu fragen ob ich die Antwort wusste. Ich hatte sie nie. Anfangs hatte sie mir noch Standpauken gehalten, aber auch das hatte sich mit der Zeit gelegt.
Endlich: Die Glocke - Erlösung!
Zehn Minuten Pause. Ich zog mich zurück. In meine dunkle Ecke beim Getränkeautomaten. Dort kramte ich das Buch "Angstspiel" von Jonathan Nasaw aus meiner Tasche heraus. Ich hatte es gerade mal seit zwei Tagen und schon wieder fast zur Hälfte ausgelesen.
Zugegeben ein solches Spiel würde mir gefallen. Schließlich kannte auch ich die blinde Ratte in irgendeiner Weise ein bisschen.
Auf meinen Zügen breitete sich ein selbstgefälliges Lächeln aus. Ein erheiternder Gedanke. Arme Phobiker zu quälen, nur um meine eigene Angst zu unterdrücken und meine schmutzigen Fantasien auszuleben.
Mein Grinsen wurde breiter.
Und plötzlich riss mich die Glocke wieder aus den Gedanken - Mist. Biologie, hoffentlich prüfte er jetzt nicht.
Kurz nach dem Läuten waren alle in der Klasse versammelt und wenige Minuten später tauchte auch schon unser Lehrer auf. Er schloss die Tür, legte seine Sachen auf den Tisch und nahm die Klassenliste zur Hand - so wie jede Stunde in der wir ihn hatten.
"Diiiiieeee."
Jedes mal zog er die Worte so hinaus, wenn er gerade ein Opfer suchte. Alles war still und wartete in so einem Moment, aber mir war es egal. Ich hatte ohnehin nichts gelernt.
Mona blickte erwartungsvoll nach vorne, sie wartete nur darauf wieder zu buckeln oder sich über das Versagen anderer zu freuen.
.Sssschürrer!"
Neben mir zuckte Gabriele zusammen - sie hatte ausnahmsweise nichts gelernt, weil ihre Mutter vor ein paar Tagen Selbstmord begangen hatte. Sie war immer noch fertig deswegen und trotzdem ging sie in die Schule - sie wollte keinen Stoff verpassen.
Unser Lehrer wusste das und trotzdem - oder gerade deswegen - prüfte er sie. Ich sah zu. Irgendwie tat ich das immer und wenn ich geprüft wurde war es auch so. Es war als würde ich von irgendwo anders zusehen und nicht wissen, was da eigentlich passierte.
Aber Gabriele tat mir leid.
Sie war auch irgendwie anders. Zwar nicht so wie ich, aber sie war es einfach. Sie war hübsch. Hübscher als Mona, die sich immer für etwas Besonderes hielt. Gabriele war aber zudem noch bescheiden, zurückhalten und klug. Gabriele hielt sich nicht für etwas Besonderes, obwohl sie es eindeutig war und das sah jeder der sie kannte. Nach fünf Minuten war es vorbei.
"Nichtgenügend", kam es von unserem Lehrer. Und Gabriele blickte schweigend auf ihren Tisch. Das hätte er ihr nicht sagen müssen, schließlich hatte sie es gewusst. Nach dieser Stunde verschwand Gabriele.
Irgendwie wusste ich was sie nun vorhatte. Sie hatte keine Familie mehr. Ihr Vater war schon verschwunden als sie noch ein Baby war. Und nun war ihre Mutter tot - sie hatte niemanden mehr, was sollte sie sonst machen?
Nun hatten wir meine persönliche Lieblingsstunde - Mathe. Ich weiß meine Worte triefen nur so vor Sarkasmus.
I'm tired of being what you want me to be
Feeling so faithless lost under the surface
Don't know what you're expecting of me
Put under the pressure of walking in your shoes
Ich dachte ziemlich oft an die Musik die ich hörte. Ich liebte Linkin Park. Die Tatsache, dass ich Linkin Park hörte machte das Leben wieder eine Terz erträglicher.
Punktgenau beim Läuten lugt ein Kopf mit kurzen orangenen Haaren zur Tür herein. Alle flüchteten auf ihre Plätze. Die Lehrerin betrat nun endgültig den Klassenraum. Sie ging die Klassenliste durch und fragte dann ob jemand fehlte.
Einige sahen sich unsicher an, dann stand Mona auf und sagte: "Die ist vorhin rausgelaufen und bis jetzt nicht wiedergekommen."
Das erste Mal seit langem spürte ich Wut in mir aufkeimen. Mona hatte keine Ahnung, wie es war anders zu sein, sie war wie der Rest. Eine Mitläuferin unter vielen. Und jetzt stand ihr der Triumph ins Gesicht geschrieben.
Dann hörte ich plötzlich jemanden sagen: "Gabriele ist sich umbringen gegangen." Zu meiner Überraschung bemerkte ich, dass ich es war die da gesprochen hatte. Alle drehten sich mit einem Ruck nach mir um und unsere Lehrerin starrte mich entgeistert an.
Ich musste innerlich lächeln. Noch nie hatte etwas, was ich gesagt hatte solch einen Schock ausgelöst. Und Mona - ihres Triumphes beraubt - sah mich nur unbeschreiblich dämlich an.
Ich wusste wo Gabriele hinwollte: Zu der Brücke, von der ihre Mutter gesprungen war.
"Was?", unsere Lehrerin riss mich aus meinen Gedanken. Langsam kam sie auf mich zu. Ich wiederholte das, was ich vorher gesagt hatte.
"Weißt du wo sie hingegangen ist? Hat sie dir noch mehr erzählt?"
Ich blickte sie an, als wollte sie mir gerade weismachen, dass Mäuse Katzen fressen. Gabriele hatte mir nie etwas erzählt. Ich schaute sie weiterhin unverwandt an. Die Lehrerin redete weiter auf mich ein, aber ich verstand sie nicht. Mona schaltete sich auch wieder ein. Die ganze Klasse begann plötzlich heftig zu diskutieren, aber ich konnte trotzdem kein Wort verstehen. Es war als wäre ich plötzlich taub.
Auch ich hatte schon oft an Suizid gedacht...
Ich verstand Gabriele. Gedankenverloren blickte ich zum Fenster. Wir befanden uns im vierten Stock. Das Gymnasium auf das ich ging war ziemlich groß. Ein Sprung aus dieser Höhe konnte möglicherweise tödlich sein. Sollte ich meinen Mut zusammennehmen und es versuche, wie Gabriele?
Irgendjemand schüttelte mich plötzlich. Ich drehte meinen Kopf zur Seite. Meine Lehrerin hatte mich bei der Schulter gepackt und schüttelte mich. Mir wurde übel. Wie ich diese Frau jahrelang gehasst hatte! Jede Stunde hatte sie mir aufs Neue gezeigt wie dumm und unbedeutend ich war.
Ich sah sie an. Sie sah ängstlich und wirr aus. Es gefiel mir sie so zu sehen und ich begann zu lachen. Ein schrilles, hysterisches Lachen. Meine Lehrerin schreckte zurück und ich krümmte mich weiter, vor Lachen. Dann plötzlich wurde ich still. Jedes Geräusch kam mir mit einem Mal laut vor - unerträglich, unwirklich laut.
Und dann, wie aus dem Nichts packte mich Entschlossenheit. Ich spuckte meiner Lehrerin ins Gesicht. Dann zog ich aus meiner Jackentasche mein Taschenmesser hervor und stach es ihr in den rechten Arm. Schön sah es aus als der weiße Ärmel ihrer Bluse sich allmählich rot färbte. Ich zog mein Messer wieder heraus. Meine Lehrerin schrie und drückte mit ihrer linken Hand auf die Wunde. Sie hatte Angst. Wieder erinnerte ich mich an mein Buch. Angst - was für ein schönes Wort!
Dann erkannte ich was eigentlich passiert war. Nun hatte ich einen Grund zu springen. Ich rannte zum Fenster, riss es auf und dann stand ich schon auf dem Fensterbrett.
Sekunden später sah ich den Boden näherkommen und dann Dunkelheit.
ENDE
Kommentare
bed@guest.com schrieb am 2010-05-08 12:17:48:
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Nelladell@gmx.at schrieb am 2008-12-13 18:20:43:
Hallo alle zusammen!
Ich habe jetzt ziemlich lange nicht hierher geschaut. @Johnny: Obwohl es mir heute besser geht, denke ich nach wie vor oft daran. Deine Reaktion auf meine Geschichte hat mich aber sehr schockiert.
Ich denke, dass nur wirklich starke Menschen, einer Versuchung des Weglaufens - dem einfachsten Weg - entkommen. Nur wirklich starke Menschen können einem solchen Drang wiederstehen. Ich kämpfe heute noch mit mir selbst.
Meine Bitte an alle, die solche Gedanken wie ich haben, ist: Seid stark! Wiedersetzt euch euch selbst. Gebt nicht auf. Irgendwann könnt ihr stolz auf euch sein und irgendwann seid ihr sicherlich auch glücklich!
Glg Carmen
Johnny schrieb am 2007-12-11 15:40:03:
Mir geht es genau so.
Ich habe auch schon an Suizid gedacht, weil mich doch sowieso kaum einer mag!!
Musikgeschmack hast du jedenfalls.
Naya, also schreb weiter, mädel!
Leila schrieb am 2006-11-08 19:11:50:
Find deine Geschichte echt gut...man kann sich gut in die Person hineinversetzen. Ging mir auch schon oft so und es ist toll formuliert.
stimmedestodes@gmx.de schrieb:
die geschichte kann einem wirklich angst machen
dennoch ist sie sehr anschaulich geschrieben
gruß
crimegirl
banana schrieb:
wow, tolle story! hat mich echt gefesselt!
alanismelle@freenet.de schrieb:
Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen, sie war spannend und gut vorstellbar geschrieben.Nur hoffe ich für den Autor selbst, das er weiß das suizid manchmal eher der leichte weg ist zu gehen, doch die Welt ist viel zu sonderbar um diesen weg zu gehen. Mach weiter so...ich freue mich schon auf neue Geschichten...
polche@mail.ru schrieb:
der Anfang ist gut.
eine treffende Gemuetsbeschreibung, die denke ich viele nachvollziehen koennen.
stephaniehermann@yahoo.de schrieb:
hast du die hauptfigur deiner geschichte erfunden? wenn nicht, dann hoffe ich dass diese ekligen lehrer, die du hast irgendwann erfahren werden, wie genial du schreiben kannst. du hast mich sehr berührt mit deinen worten. bitte schreibe noch viele geschichten! ganz liebe grüße und ich würde mich freuen wenn du mir mal schreiben würdest
faust schrieb:
Nutz dein Talent für sinnvollere Geschichten. Du glaubst gar nicht wie viele -Jungentliche begehen Selbstmord-Geschichten es schon auf dieser Seite gibt. Falls du deine Phase mal üerwunden hast, schreib was vernünftiges, dein Stil ist nicht schlecht.
xxgiyanxx@hotmail.de schrieb:
gute geschichte.
aber das thema finde ich langweilig und einfallslos.
kroete1991@lycos.de schrieb:
wenigstens mag sie Linkin Park.. :)
KeiraX@gmx.net schrieb:
geile story, mir der kann ich mich irgendwie selbst identifizieren. mir gehts auch immer so...
geiler schreibstil..beneide dich ^^
*piep* schrieb:
Dein Hauptcharakter scheint auf merkwürdige Weise wirklich zufrieden damit zu sein, in einer bösen, bösen Welt zu leben, in der sie nur das aaaarme Mädchen sein kann... Hach ja, wie hart es doch ist, anders - irgendwie auch besser, oder? - zu sein.
Also noch jemand, der sich hemmungslos in seinem Selbstmitleid suhlt, uh-oh... u.u
Hexe_Rabe@gmx.net schrieb:
Irgendwo leider aus dem Leben gegriffen.
Sehr interessant geschrieben, manches lässt sich sehr gut nachvollziehen.
mauricemin@aol.com schrieb:
im ansatz nicht schlecht.. schön fand ich, dass sie am schluss aus einer laune gehandelt hat, etwas typisches für solche figuren.
Storyboy@storys.net schrieb:
die geschichte fand ich sinnlos und krank...hör auf so scheiss storys zu schreiben, denn es gibt viele wie die hauptperson dieser story die sich umbringen...is wirklich ne scheiss sache a selbstmord ... und dann auch noch solche selbstmord psychostorys zu schreiben find ich total dooof. Das war meine Meinung über dein Werk...
lg storyboy
daphne.thees@hotmail.de schrieb:
die story war echt krass ich fang gleich an zu heulen!!!! schreib mehr solcher geschichten!!!! weiter so!!!
daphne
_-MeTeOrA-_@web.de schrieb:
Die Geschichte hat mich echt berührt.
So ... unbeschreiblich fesselnd, doch auch grausam, sarkastisch, kalt. Ich finde sie fantastisch aber das Leben ist viel zu wundervoll um ich umzubringen.
lg Maiandra
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