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Ungewöhnliches Ende einer Wanderung

von Michael Reißig

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Ungewöhnliches Ende einer Wanderung

Flirrend heiß war er schon – dieser 20. Juni. Der zugleich längste Tag des Jahres geht so langsam zur Neige. Endlich haben wir das Ziel unserer Wanderung, den - in der Nähe von Frankenberg - gelegenen bizarren Gipfel des sagenumwobenen Harrasfelsens erreicht. Schon aus der Ferne grüßte uns stolz erhaben - der nach dem edlen Ritter Harras benannte - rissig-kantige Gesteinsbrocken. Der Aufstieg wurde zu einer schweisstreibenden Angelegenheit. Die Mühen aber haben sich gelohnt. Am Felsvorsprung stehend, genießen wir die Strahlen der rotorange schimmernden Abendsonne, die den Fluss in ein betörend schillerndes Licht tauchen.
Ein Hauch samtig weicher Sommerluft legt sich sanft auf schweissnasse Haut.
Wir streifen die mit reichlich Proviant bestückten Rucksäcke von den Schultern, und lassen uns ganz relaxed zum Dinner ins saftig grüne Gras fallen.
Katarina mahnt zur Eile. 20.19 Uhr soll der Zug der City- Bahn Chemnitz aus der Station Frankenberg Süd rollen.

Katarina Langer ist die Vorsitzende unseres örtlichen Wandervereins. Der kleine zierliche Lockenkopf trägt eine rosafarbene Weste, die einen angenehmen Kontrast zu ihrem weissen Rock bildet. Mutter Natur hatte wunderschöne blaue Augen in ihr herzförmiges Gesicht gezeichnet. Fast immer lag ein freundliches Lächeln auf ihren kirschroten Lippen.

Wir brechen auf und werden gleich noch einen Zahn zulegen. Rolf – 1,67m groß, mit kräftiger Statur und einer stark verbogenen Wirbelsäule, ist ein notorischer Zweifler schlechthin. Er will nicht so recht glauben, dass wir den Zug noch schaffen können. Katarina ist dagegen ganz anderer Meinung. Optimistisch wie immer, ist sie felsenfest überzeugt, dass die Zeit ausreichend ist, zumal sie den Weg zum Haltepunkt kannte, beziehungsweise glaubt diesen zu kennen.
Bevor die jetzt noch blassgelbe Sichel des Mondes am Firnament die Oberhand gewinnen wird, lächelt uns die untergehende Sonne noch einmal verlegen ins Gesicht.
Ein steinig- holpriger schmaler Weg – eingesäumt vom schattigen Grün der Fichten und Kiefern
- schlängelt sich steil ins Tal. Wir nähern uns einer schmale Allee, die 1km weiter in die B180 mündet. Ein unbeschrankter Bahnübergang kreuzt den Fahrweg.

Vom wildromantischen Flair dieser traumwandlerisch-schönen Landschaft ist fast nichts mehr zu sehen. Das ehemalige altehrwürdige Bahnwärterhäuschen versprüht den nostalgischen Charme der dreißiger Jahre und ist der einzig blasse Farbtupfer dieser spröden kargen Einöde. Doch die scheinbare Idylle der Einsamkeit in dieser monotonen Gegend trügt. Auch das fahle grau-gelb und der von der Fassade rieselnde Putz, des jetzt als Wohnhaus genutzten Gebäudes, stimmen eher melancholisch.
Im eingezäumten Grundstück trollt der Bewacher des Hauses – ein schneeweiss behaarter Kuvasz mit flauschigem Fell stolz umher und schwingt sich locker zum Männchen auf. Ein extra Gruß an uns, den wir lächelnd erwidern. Das zarte Wedeln des Schwanzes ist ein untrügliches Zeichen sichtbarer Freude. Der lang aufgeschossene Vierbeiner schiebt seine Zunge durch die gelben Zähne und hächelt seinem Besitzer hinterher. Zur Belohnung bekommt er ein Leckerlie. Herrchens Liebling schnappt den vom Mittagstisch übrig gebliebenen Rest des Bratens hastig auf und verschlingt diesen genüsslich. Der Mann lächelt in treuherzig blickende rehbraune Hundeaugen und streicht über sein kuschelig weiches Fell. Das Tier frohlockt mit herzerfrischenden Freudensprüngen. Wir lachen uns in den Bauch hinein – noch!

Doch Katarina ist bereits jetzt das Lachen vergangen. Den Haltepunkt, den sie an dieser Stelle eigentlich vermutet hatte, scheint plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Die Wanderleiterin hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Mit Abschluss der Sanierungsarbeiten im Dezember 2006, wurde die Station um ca. 800 Meter stadteinwärts verlegt.
Katarina fragt den Mann nach dem Weg.
Dunkles lichtes Haar, giftgrüne Augen, ein schwarzer Schnurrbart, starke Wangenknochen und eine viel zu große Nase prägen das faltige Gesicht dieses stämmigen Mannes, dessen Alter sich weit jenseits der fünfzig bewegen dürfte.
Die Frau erfährt, dass die tatsächlich vorhandene Zeit für den direkte Weg über die Chaussee nicht mehr ausreicht, was ihr natürlich überhaupt nicht behagt. Da kommt doch dieser Herr auf eine so seltsame Idee. Wir sollen einfach auf dem Gleis entlang marschieren, das wäre in zehn Minuten garantiert machbar, sagt der Mann mit kräftiger Stimme flüchtig. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, nimmt Katarina den Faden auf und zeigt sich wildentschlossen diesen „genialen Einfall“ auch in die Tat umzusetzen. In unserer 15 Mann starken Gruppe sind sowohl Menschen mit einer tief verletzten Seele, als auch Ältere, die das eine oder andere Wehwehchen haben, mit von der Partie. Schon deshalb hält sich die sprichwörtliche „Begeisterung“ in Grenzen. Verwundert sind jedoch alle, kannten wir doch bisher nur die Schokoladenseiten dieser ansonsten so pflichtbewussten netten Frau.
Katarina sind besonders Menschen mit seelischen Behinderungen sehr ans Herz gewachsen. Als Sozialpädagogin in einer christlichen Beratungsstelle, hilft sie wo sie nur kann. Eine Menge Herzblut fließt durch ihre Adern. Leider noch allzu oft liegt in der Arge vieles im Argen. Dann steht der Ratsuchende nicht selten vor einem schier unüberwindlich scheinenden Berg von Problemen. Da schiebt sie auch mal ihren wohl verdienten Feierabend um einiges hinaus und steht den Betroffenen mit Rat und Tat helfend zur Seite.
Wie kann nur eine Frau, die in der Lage ist die Bürde schwerer Lasten auf sich zu nehmen, und jegliches, nicht kalkulierbares Risiko scheut, sich in so ein verwegenes Abenteuer stürzen?

Zeit zum Überlegen ist nicht mehr. Diejenigen unter uns, die den sicheren Weg über die Landstraße liebend gern bevorzugen würden, haben denkbar schlechte Karten. Auch jene, wo das Herz beim geringsten Stress anfängt Purzelbäume zu schlagen, sind notgedrungen bereit, sich auf dieses irrsinnige Unterfangen einzulassen.
Katarina will endlich Nägel mit Köpfen machen und begibt sich willentlich auf's Gleis. Instinktiv wetzen die Anderen ihr ängstlich hinterher. Kurzzeitig können wir links vom Gleis weiterlaufen. Jedoch versperren wild wachsende Vogelbeersträuche, verschiedenste Farne und Gräser, sowie üppig dahin wuchernde Diesteln und grässlich dorniges Gestrüpp, störrig unseren Weg. Wieder müssen wir das Gleis nehmen. Die Bahn hatte der Natur linksseitig des Gleises sämtliche Freiheiten gelassen. Vielleicht war es auch so gewollt, sollten doch ungebetene Gäste von der reizenden Versuchung einer Abkürzung ferngehalten werden.

„Mir känn doch ni iwor de Schien gehn!“, stottert Ramona, die kaum noch in der Lage ist die richtigen Worte zu fassen. Die sehr schmächtige Frau mit den gekräuselten naturblonden Haaren, sieht schon wegen ihres kindlichen Gesichtes aus wie ein Teenager – und das trotz stattlicher 37 Jahre. Mit ihren blauen Augen, die oft

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Kommentare

Jana Walther schrieb am 2008-10-18 19:37:30:
Lieber Michael,
ich hätte mit -viel- gerechnet, was deine -Schreibader- betrifft aber meine Erwartungen werden von diesen Zeilen völlig in den Schatten gestellt. Es ist wundervoll - einfach wundervoll. Ich wünsche dir von Herzen, dass du diesen Weg weiter gehst u. sicherlich noch viele Menschen mit deinen Lektüren begeisterst, Fühl dich umarmt. Jana

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